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Tierärztin Sandy Kindle im Porträt

Ruhig bleiben, auch wenn es tierisch ernst wird

Manchmal beginnt ein Arbeitstag mit Impfungen, Routinechecks oder auch Operationen. Und manchmal mit einer schwer verletzten Katze auf der Intensivstation. Für Sandy Kindle ist beides Alltag.
Sandy Kindle in Balzers
Besonders wichtig war Sandy Kindle die räumliche Trennung von Hund und Katze in ihrer Praxis, damit die Tiere nach der Behandlung nicht aneinander vorbei müssen. (Bild: Daniel Schwendener)
«Mein Ziel und mein Traum waren immer, Tierärztin zu werden und eine eigene Praxis zu haben», so die 40-Jährige. (Bild: Daniel Schwendener)
Erreichbar zu sein, ist Sandy Kindle wichtig. Giftköder, Trauma oder Atemnot halten sich nicht an Öffnungszeiten. Darum bietet sie einen 24-Stunden-Notfallservice für Kleintiere an. (Bild: eingesandt)
Neben Hunden und Katzen behandelt Sandy Kindle noch viele andere Kleintiere. «Die Varietät ist gross», verrät sie. (Bild: eingesandt)

Einen wirklich ruhigen Tag kennt Sandy Kindle selten. Sie weiss nie, was der Morgen bringt. An diesem Tag kam bereits früh ein Notfall herein: Eine Katze wurde angefahren, schwer verletzt und wird nun auf der Intensivstation überwacht. In der Küche liegt ein Hund, als wäre das der selbstverständlichste Ort der Welt. Ein anderer hat sich unter dem Empfangstresen eingerichtet – gut versteckt, aber aufmerksam. Wer die Praxis betritt, merkt schnell: Tiere sind hier keine Nummern. Keine «Fälle». Sie gehören dazu. Und sie gehören auch zum Team. «Das wollte ich von Anfang an», erklärt die 40-Jährige. «Dass meine Mitarbeitenden ihre Hunde mit zur Arbeit nehmen können. Wenn sie nicht stören oder bellen, warum auch nicht?»

Mitten im Gespräch wird die Tierärztin gerufen. Sie entschuldigt sich, steht auf und ist verschwunden. Ein Gang zur Intensivstation, ein Blick auf die Werte der angefahrenen Katze, eine Rückmeldung ans Team. Keine Hektik, keine unnötigen Worte. Wenige Minuten später ist Sandy Kindle wieder am Tisch, setzt sich und fragt: «Wo waren wir?» Genau so funktioniert ihr Alltag – unterbrechen, ruhig bleiben, handeln, zurückkehren. Diese Haltung prägt die Praxis. «Tierisch gut» wirkt hier weniger wie ein Slogan als wie eine Atmosphäre. Die Räume sind modern und klar strukturiert, zugleich warm und offen. Vielleicht, weil sie aus einem sehr persön­lichen Anspruch entstanden sind: Tiermedizin so zu leben, wie Sandy Kindle sie versteht – präzise, auf hohem Niveau und nahbar.

Mich bringt nichts so schnell aus der Fassung.

Man glaubt es ihr sofort. Ihre Ruhe ist keine Methode, sondern Teil ihrer Persönlichkeit und in ihrem Beruf von unschätzbarem Wert.

«Mein Ziel und mein Traum waren immer, Tierärztin zu werden und eine eigene Praxis zu haben», so die 40-Jährige. (Bild: Daniel Schwendener)

Wunsch mit ägyptischem Hintergrund

Dass sie Tierärztin werden würde, stand für Sandy Kindle früh fest. Mit drei Jahren in Ägypten, wo sie insgesamt 16 Jahre lebte. Ihre Mutter ist Ägypterin, ihr Vater Österreicher. Schon als Kind verpflegte sie Strassenhunde, nahm Tiere in den Arm, während Erwachsene eher überlegten, was man sich dabei alles einfangen könnte. «Ich hatte nie Angst», sagt sie. Tiere waren für sie nie einfach ein Hobby – sie waren selbstverständlich. «Mein Ziel und mein Traum waren immer, Tierärztin zu werden und eine eigene Praxis zu haben.» Die Basis dafür legte sie in Österreich, studierte in Wien, arbeitete danach in der Klinik. Der prägende Sprung folgte in England: Zehn Jahre Notfall- und Intensivmedizin, dazu ihre fachliche Spezialisierung. England sei «komplett anders» gewesen – höhere Fallzahlen, schnelleres Tempo. Eine Zeit, die sie nachhaltig geprägt habe.

Besonders eindrücklich sei für sie der Vergleich mit ihrem Bruder, der Humanmediziner ist. «Als Tierärztin bist du alles gleichzeitig: Kardiologin, Chirurgin, Radiologin, Internistin, und das für mehrere Spezies.» Diese Breite sei faszinierend, aber auch fordernd.

Du musst unglaublich viel im Kopf haben.

Schon während des Studiums übernahm sie freiwillige Nachtdienste. Sie betreute Intensivpatienten, Tiere, die getragen, gelagert und gepflegt werden mussten. Prägend waren ihre Mentoren. «Egal, wie schlimm es war – sie blieben ruhig.» Das habe sie fasziniert. «Ich dachte mir: Das muss man können.»

Heute ist genau das ihre Stärke: erst tief Luft holen, dann entscheiden. Wenn nachts das Telefon klingelt, bleibt Sandy Kindle sortiert, sachlich, fragt strukturiert. Manchmal reicht ein Rat. Manchmal nicht. Und manchmal klingelt es wegen einer Zecke. «Spätestens wenn ich den Notdienstzuschlag erwähne, erledigt sich das Problem oft von selbst», sagt sie schmunzelnd. Dennoch ist ihr eines immer wichtig: erreichbar zu sein. Giftköder, Trauma oder Atemnot halten sich nicht an Öffnungszeiten. Darum bietet sie einen 24-Stunden-Notfallservice für Kleintiere an – ein Angebot, das es in dieser Form in Liechtenstein zuvor nicht gab. Für schnelle und fundierte Entscheidungen sorgt auch das hauseigene Labor der Praxis. Viele diagnostische Abklärungen können direkt vor Ort durchgeführt werden. «Das spart wertvolle Zeit, besonders in Notfallsituationen», erklärt Sandy Kindle, und ermöglicht, rasch mit der passenden Therapie zu beginnen.

Erreichbar zu sein, ist Sandy Kindle wichtig. Giftköder, Trauma oder Atemnot halten sich nicht an Öffnungszeiten. Darum bietet sie einen 24-Stunden-Notfallservice für Kleintiere an. (Bild: eingesandt)

Von der Roxy-Baustelle zur Notfallpraxis

Vor knapp zwei Jahren war hier noch Rohbau. Neben dem Café im Roxygebäude standen Sandy Kindle und ihr Ehemann Stefan vor schwarzen Wänden und Bauplänen. Darauf: Wartebereich, Behandlungsräume, Operationsraum, Zahnstation, Labor, Aufwachraum. Eröffnet wurde schliesslich im Oktober 2024.

Der Name «Lievet» war schnell gefunden: «Lie» für Liechtenstein, «vet» für Veterinär. Kurz, einfach, mit Bezug zum Land. Anfangs war da Bauchkribbeln. Finden die Leute uns? Werden wir gebraucht? Die Antwort kam rasch.

Wir waren von Tag eins an ausgebucht.

In der Praxis wird Goldstandard gelebt: Venenkatheter und Infusionen als OP-Standard, eigene Zahn-OP, Intubation. Keine halben Sachen. Besonders wichtig war Sandy Kindle auch die räumliche Trennung von Hund und Katze – ergänzt durch eine «Insel», damit Tiere nach der Behandlung nicht aneinander vorbei müssen. Die Praxis strebt die Cat-Friendly-Akkreditierung an – als Haltung, nicht als Etikett. Auch über die eigene Praxis hinaus arbeitet Sandy Kindle eng mit Spezialistinnen und Spezialisten zusammen. Wenn ein Fall besonders komplex ist, zieht sie gezielt Fachleute aus ihrem Netzwerk bei.

Wir sind gut vernetzt – das gibt zusätzliche Sicherheit, gerade bei sehr komplexen Fällen.

Sandy Kindle mag Routine. Aber sie lebt für die Fälle, bei denen das Denken zählt. Für Situationen, in denen man abwägen und entscheiden muss. Diese Fälle nimmt sie mit nach Hause. «Natürlich versuchen wir, eine Grenze zu ziehen. Aber wer behauptet, er nehme nichts mit, würde lügen.» Dabei geht es ihr nie nur um das Tier, sondern auch immer um den Menschen am anderen Ende der Leine.

Neben Hunden und Katzen behandelt Sandy Kindle noch viele andere Kleintiere. «Die Varietät ist gross», verrät sie. (Bild: eingesandt)

Neben Hunden und Katzen behandelt sie Wachteln, Hennen, Enten, Kleinvögel sowie Mäuse, Ratten, Hamster und Degus – gelegentlich sogar Schildkröten. «Ja, die Varietät ist gross», sagt sie lachend. Bei sehr speziellen Fällen überweist sie weiter.

Viele exotische Tiere kann ich aber gut behandeln. Und man hört ja nie auf zu lernen.

Arbeiten im Team und auf Augenhöhe

Heute zählt das Team sieben Personen. Seit August gibt es sogar einen Lernenden, den ersten in Liechtenstein. Sandy Kindle setzt auf Vertrauen, offene Gespräche und Freiheit im Arbeitsalltag.

Privat ist sie zweifache Mutter. 2024 kam «das dritte Kind» dazu – die Praxis. «Ja, es ist viel», sagt sie. Abschalten könne sie bei ihrer Familie. «Ruhig ist es zwar nicht mit Kindern, aber es ist das, worauf ich mich jeden Tag freue.» Erfolg bedeutet für sie nicht Geld oder Status, sondern dass ein Ort entstanden ist, der zeigt, was moderne Tiermedizin kann. Und dass Menschen spüren: Hier wird nicht einfach behandelt, sondern begleitet. Auch Weiterbildung gehört für Sandy Kindle und ihr Team zum Praxisalltag. Sowohl die Tierärztinnen als auch die Tiermedizinischen Praxisassistentinnen besuchen regelmässig Fortbildungen. «Nur so bleiben wir medizinisch auf dem neuesten Stand und können unseren hohen Anspruch halten», sagt sie.

Während draussen der Alltag weitergeht, liegt drinnen noch immer ein Hund in der Küche, der andere unter dem Empfangstresen. Die angefahrene Katze wird überwacht. Sandy Kindle ist irgendwo zwischen Empfang, Intensivstation und Behandlungsräumen unterwegs – mit ruhiger Stimme, klarem Kopf und dem festen Willen, für ihre tierischen Patienten da zu sein. Und für die Menschen, die sie begleiten.

Steckbrief

Name: Sandy Kindle
Wohnort: Balzers
Alter: 40
Beruf: Tierärztin seit 2010
Hobbys: Zeit mit der Familie verbringen, Triathlon (Schwimmen, Laufen, Velofahren), Fotografie
Lieblingsfilm: «Ich mag Komödien und schaue sehr gerne Musicals.»
Musik: «Ich höre alles, was so läuft.»
Stadt oder Land: «Seattle. Die Stadt hat mich einfach gefesselt, und sie liegt am Meer.»
Sommer oder Winter: «Ein bisschen von beidem. Im Sommer draussen schwimmen und alles, was dazugehört. Im Winter Schnee und Spass.»
Lieblingsort: «Je nachdem, wo ich bin. Hier in Balzers in der Nähe des Rheins. Das Rauschen des fliessenden Wassers hat eine beruhigende Wirkung.»
Stärken: Mitfühlend bleiben, durchhalten und auch unter Druck klar entscheiden.
Schwächen: «Ich kann viel tragen, vergesse aber manchmal, dass ich nicht alles allein tragen muss.»
Motto: «Ausdauer ist mein Alltag – im Beruf, in der Familie, im Ziel.»

 

Norman Vögeli mit Steinadler

Vier Menschen und eine gemeinsame Leidenschaft

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Dominik Frick in Balzers

«Der Mensch muss lernen, mit der Nähe der Wildtiere umzugehen»

 
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