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Sina Gassner vom Tierschutzhaus Schaan

Die Katzenflüsterin vom Schwarz Strässle

Wo für manche Vierbeiner die Ferien enden, beginnt für andere die ungewisse Suche nach einem neuen Daheim. Sina Gassner kennt jedes dieser Schicksale im Tierschutzhaus in Schaan.
«Ich habe irgendwie eine besondere Verbindung zu Katzen», sagt die 19-Jährige. (Bild: Nils Vollmar)
«Ich finde es schlimmer, wenn man ein altes Tier abgibt. Das ist unverantwortlich.» (Bild: Nils Vollmar)
«Ich wusste immer, dass ich etwas mit Tieren machen möchte», verrät die 19-Jährige. (Bild: Nils Vollmar)
Die Tierpflegerin beim Rundgang in ihre Arche Noah auf Zeit. (Bild: Nils Vollmar)

Der Geruch verrät einem rasch, wo man sich befindet. Es riecht einerseits steril, andererseits nach Trockenfutter und nassem Hundefell. Im Tierschutzhaus in Schaan leben seit über zwanzig Jahren Hunde, Katzen und Kleintiere. Im letzten Monat waren es 24 Hunde, 17 Katzen und 43 Kleintiere.

Die einen sind nur für einen Tag da, Tagesgäste sozusagen. Andere verbringen hier ihre Ferien, während ihre Besitzer in den Bergen oder an den Meeren dieser Welt weilen. Findeltiere sind aufgefundene Tiere, die oft von ihren Besitzern wieder abgeholt werden. Dabei helfen gechipte Tiere und Ausschreibungen. Aber im Tierschutzhaus landen auch sogenannte Verzichttiere. Die Gründe für eine Abgabe sind unterschiedlich. Es sind Scheidungstiere, für die niemand mehr eine geeignete Haltung garantieren kann. Die Besitzer haben gravierende gesundheitliche Probleme oder sind gestorben. Aber auch ein Umzug kann ein Abgabegrund sein sowie unerwünschtes Verhalten vom Tier.

Sina Gassner ist im dritten Lehrjahr zur Tierpflegerin. Sie zeigt uns das Tierheim, eine Institution des Tierschutzvereins Liechtenstein. 6800 m2 Fläche beim Schwarz Strässle zwischen Schaan und Eschen.

«Ich wusste immer, dass ich etwas mit Tieren machen möchte», verrät die 19-Jährige. (Bild: Nils Vollmar)

Im ersten Obergeschoss leben die Hauskatzen, von Weitem hört man eine vehement miauen. Es ist Flauschi; wir werden ihn später kennenlernen. Sina zeigt das Quarantänezimmer: Wird eine Katze gefunden, kommt sie drei bis vier Tage hinein und wird dann auf die Katzenkrankheit Leukose getestet. Wenn sie gesund ist, kann sie in einem Raum mit anderen Katzen untergebracht werden. Im Raum nebenan schleichen die Ferienkatzen Samy und Moritz herum. Futter, Wasser, Katzenkistchen, Katzenbaum, Spielzeug und Katzengras für die Verdauung. Weil die beiden Wohnungskatzen sind, dürfen sie auch im Urlaub nicht ins Freie. Sina schliesst die Türe und dreht den Schlüssel. Auf unseren fragenden Blick antwortet sie:

Manche Katzen können Türen öffnen.

Wir besuchen «Aisi», eine weisse Katze, die in einer leer stehenden Küche auf der Arbeitsfläche sitzt. Im Radio läuft «Don’t stop the music» von Rihanna. Das Radio sei für die Katzen und die Mitarbeiter, erklärt Sina. Die Katzen würden auf diese Weise das Bellen der Hunde nicht hören. Aisi ist eine Pensionskatze und schon eineinhalb Jahre hier. Sie ist eine Exilantin. Ihre Besitzer sind Ukrainer. In der Flüchtlingsunterkunft dürfen sie keine Tiere haben. Die Familie kommt jeden Tag, bei jedem Wetter, um ihre Katze zu besuchen. Aisis Besitzer schrieb vor drei Monaten in einer Google-Bewertung des Tierschutzvereins, wie emotional belastend es ist, seine Tiere dort zu lassen. «In anderen europäischen Ländern dürfen Menschen mit demselben Status mit ihren Haustieren zusammenleben, hier wird es uns verboten. Tiere sind ein Teil unserer Familie und es ist unbeschreiblich schwer, von ihnen getrennt zu sein. Ich hoffe, die Behörden überdenken diese Regeln und hören uns, die Ukrainer, damit Menschen mit ihren Haustieren leben können und sich wie zu Hause fühlen.»

Aisi bleibt lieber unter sich und verzichtet auf andere Pfoten-Gspänli. Ein Zimmer weiter liegt Min auf einem Katzenbaum. Die Scottish Fold Langhaar hat Klappohren und dicke, graue Fellbacken. Für Min konnte bereits ein neues Daheim gefunden werden.

Und dann treffen wir endlich auf den miauenden Flauschi. Eine schwarz-weisse Katze, die Anfang Januar in Balzers aufgefunden wurde. Speziell bei Flauschi: Er ist gechipt, aber auf der Datenbank sind keine Infos der Besitzer hinterlegt. Fast so, als ob sie in so einem Fall gar nicht gefunden werden wollen. Zwei Monate haben die Besitzer jeweils Zeit, sich zu melden, danach wird das Tier auf das Tierschutzhaus überschrieben und für die Weitervermittlung freigegeben. Nach Flauschi hat sich niemand erkundigt. Das kann Sina nicht nachvollziehen.

Sie ist ein Katzenmensch, sagt sie über sich. «Ich habe irgendwie eine besondere Verbindung zu Katzen», sagt die 19-Jährige. Sie wuchs mit Katzen auf. Ihre Oma, die einen Stock höher wohnte, hatte Hunde und Katzen. Zu Hause in Schellenberg hat Sina jetzt eine neunjährige holländische Schäferhündin namens Lexa und drei Katzen. Einen Bengal-Mix, der so alt ist wie Sina, nämlich 19 Jahre, und zwei Bauernhofkatzen. «Mein Götti ist Tierarzt, ich habe früh bei ihm hineingeschaut und wusste immer, dass ich etwas mit Tieren machen möchte», sagt sie. Aber sie kann kein Blut sehen, keine Nadeln, und Tiere einschläfern will sie auch nicht. Sina hat zwar auch im Zoo Gossau bei den Wildtieren geschnuppert, aber als sie die Lehrstelle im Tierschutzverein bekommen hat, war ihre Entscheidung klar. Und sie wird auch nach Lehrabschluss in Schaan bleiben.

«Ich finde es schlimmer, wenn man ein altes Tier abgibt. Das ist unverantwortlich.» (Bild: Nils Vollmar)

Es rufen die Hunde. Öffnet man im Erdgeschoss die Türe zu den Hundehäusern, hört man sie nicht nur, man riecht sie auch. Dieser xy Geruch. Sina zeigt ein kleines Behandlungszimmer und einen Quarantäneraum. Bei Tollwutverdacht müssen Vierbeiner 120 Tage in Quarantäne. Das kommt im Tierheim circa einmal im Jahr vor. Tollwut habe sich, seit Sina im Tierheim arbeitet, noch nie bestätigt. Am Boden liegt nur eine Decke, ansonsten ist der Raum leer. Graue Fliessen am Boden und an den Wänden. Diese kann man gut reinigen. Eine Schiebetür aus Stahl trennt den kargen Innenraum mit einem Aussenbereich, wie man es von Raubkatzen im Zoo kennt. Sina zeigt, wie man sie von aussen bedient, damit man mit dem Tier nicht in Kontakt kommt. Nebenan bellt Joshua, er ist hier in den Ferien. Der schwarze Labrador Lu war einst auch ein Feriengast, bis sie von ihren Besitzern aus gesundheitlichen Gründen abgegeben wurde. 

Wie sieht die Tierpflegerin so eine Abgabe? «Ich finde es schlimmer, wenn man ein altes Tier abgibt. Das ist unverantwortlich», sagt Sina. Man habe das Tier viele Jahre gehabt und plötzlich wolle man es nicht mehr.

Aus dem Kleintier-Quartier ist ein Föhn zu hören. Auf einem Tisch sitzt ein Kaninchen und lässt sich mit dem Gerät durchs Haar blasen. Sein Fell sieht aus wie eine verklebte Fasnachtsperücke. «Pünktle», der wegen seiner schwarzen Punkte auf seinem weissen Fell so heisst, hat einen Hautpilz. Er wurde gerade gebadet und wird nun getrocknet. Ihm gefällt’s. Meerschweinchen, Kanarienvögel und Ratten. «Die bleiben wahrscheinlich hier», sagt Sina.

Ratten sind nicht so beliebt, Leute wollen eher Tiere zum Knuddeln.

Draussen in den Wandstallungen sitzen Kaninchen, Ferientiere und Heimtiere. Sind sie verletzt, krank oder neu, bleiben sie in den Käfigen, um sich nicht mit gesunden Tieren zu vermischen. Diese sitzen an diesem Morgen in den Aussengehegen und ducken sich vor dem Regen. So wie Dumbo, der dort sitzt. Der graue Riesenhase verdankt seinen Namen seinen Schlappohren, die an einen Elefanten erinnern. Sicherlich aber auch seiner kräftigen Statur. «Wir haben vier Mal versucht, ihn zu vergesellschaften. Aber er hat alle verbissen», erklärt Sina den Grund, weshalb Dumbo alleine lebt.

Nebenan sticht eine Mitarbeiterin mit dem Spaten in die feuchte Erde. Rico fehlt seit gestern. Sie vermutet, dass sich der Hase in einem Tunnel versteckt. Noch ein Gehege weiter sitzen zwei weisse Hasen beieinander. «Siehst du die Nummern im Ohr?», fragt Sina. «Das waren Versuchskaninchen.» Auch solche Tiere landen im Tierschutzhaus.

Im Sommer sei der Platz für Ferientiere knapp, aber ansonsten hat es genügend Platz für die Liechtensteiner Tiere. Sina füttert jetzt die Wildkatzen. Eine sitzt auf dem Dach einer kleinen Hütte, eine wartet schon an der Futterstelle.

Die Tierpflegerin beim Rundgang in ihre Arche Noah auf Zeit. (Bild: Nils Vollmar)

Sina geht wieder in den Hundetrakt, vor dem Mittag dürfen die Vierbeiner noch einmal in den Auslauf. Viermal am Tag sind sie im Aussengehege. Gerade erst sind neuen Hundeausläufe fertig geworden, einige sind noch immer im Umbau.

Ihr Pflegehund Hera wartet schon freudig. Sina ist für Hera zuständig, das heisst, sie geht mit ihr in die Hundeschule oder kümmert sich um die Fellpflege. Die zehn Monate alte Schäfer-Mischlingshündin sucht ein neues Herrchen oder Frauchen. Ausgeschrieben sind die Tiere auf der Website des Tierschutzvereins und in den sozialen Medien. «Wir versuchen, sie zu promoten», sagt die 19-Jährige lachend. Hera ist auch auf Instagram. In dem Post sieht man die schwarze Hündin auf pinkem Hintergrund mit den Zeilen «Single? Ich auch. Lass uns das ändern!» Auf einem anderen Post schaut Hera von unten in die Kamera und fragt: «Darf ich bei dir einziehen?» Dank kreativer Posts wird aus dem Waisentier plötzlich ein Instagram-Star.

Hera und seine Freundin Lu drehen ein paar Runden, ehe sie an Sina hochspringen und ihr weisses T-Shirt mit ihren Pfoten braun färben. Nach dem Mittagessen wird Sina zu Flauschi hochgehen, dem Kater mit dem schwarz-weissen Fell, der zwar registriert ist, aber ohne Benutzerdaten. Sina wird bei ihm im Zimmer ihr Mittagsschläfchen halten. 

 
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