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Abstiegsangst in Baden-Württemberg: «Wir finanzieren unseren eigenen Untergang»

Am Sonntag wählt der nördliche Nachbar der Schweiz einen neuen Landtag. Die AfD wird deutlich zulegen, denn die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Doch längst nicht alle jammern, wie sich östlich von Stuttgart zeigt.
Ob auch für die Wirtschaft die Sonne untergeht? Schwäbisch Gmünd ist von der Krise besonders betroffen. (Bild: Andreas Friedrichs/Imago)
Ein Gebäude, das von besseren Tagen zeugt: Das Kongresszentrum «Forum» in Schwäbisch Gmünd. (Bild: H. F. Müller)
«Man soll mir wegbleiben mit Fairness»: Oberbürgermeister Richard Arnold fühlt sich im Standort-Wettbewerb benachteiligt. (Bild: Thomas Zehnder/Stadt Schwäbisch Gmünd)
Dass die Leute weniger Geld in der Tasche haben, schlägt sich im Handel nieder. Hier eine leerstehende Metzgerei in Leinzell bei Schwäbisch Gmünd. (Bild: H. F. Müller)
«Man muss mit jeder Regierung umgehen»: Bernd Richter verkörpert das Erfolgsmodell des deutschen Südwestens. Wer höhere Löhne zahlt, muss besser sein. (Bild: Philipp Uricher/zvg)
Am Ende gibt es doch noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Wahlplakate in Böblingen bei Stuttgart. (Bild: Marijan Murat/DPA)

«Das war’s mit der schwäbischen Arroganz», sagt ein deutscher Kollege, als ich in Berlin von meiner Reise nach Württemberg erzähle. Er sagt es im Scherz, doch Schadenfreude schwingt mit, wie so oft, wenn ein Musterschüler schwächelt. Das Gespenst der Deindustrialisierung geht um im nördlichen Nachbarland der Schweiz; 40’000 Arbeitsplätze allein in der Automobilbranche könnten dieses Jahr im Südwesten Deutschlands verloren gehen, schätzt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Am Sonntag wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Die Angst vor dem Abstieg wird sich wohl im Ergebnis niederschlagen: Die AfD dürfte ihr Resultat gegenüber der letzten Wahl mehr als verdoppeln.

Schwäbisch Gmünd, eine Stadt mit etwas mehr als 60’000 Einwohnern, gilt als besonders gebeutelt. Worte wie «Detroit» oder «Ruhrgebiet» fallen in fast jeder Reportage, die derzeit über Baden-Württemberg erscheint, doch hier, 50 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Stuttgart, könnten die grauen Krisenorte kaum weiter weg sein: Gmünd, eine katholisch-barocke Stadt, wirkt selbst im Februar noch heiter.

Der Bürgermeister fürchtet ein Sterben auf Raten

Zwischen Bahnhof und Altstadt kündet ein golden schimmerndes Kongresszentrum davon, dass der Stadtsäckel bis vor Kurzem noch gut gefüllt war. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass nicht mehr alles zum Besten steht: Wo einmal Fachgeschäfte waren, herrscht oft Leerstand; «zu vermieten», heisst es auf Schildern, die teilweise schon von der Sonne ausgebleicht sind.

Im Rathaus, einem prächtigen, aber auch nicht protzigen Barockpalais, sitzt Oberbürgermeister Richard Arnold, ein 67-jähriger Mann, dessen Profil man auf Münzen prägen könnte. Er spricht in jenem bedächtigen Tonfall, den viele Deutsche wohl der schwäbischen Mentalität zuschreiben würden. Klare Worte wählt er gleichwohl.

Ein Gebäude, das von besseren Tagen zeugt: Das Kongresszentrum «Forum» in Schwäbisch Gmünd. (Bild: H. F. Müller)

2009, als Arnold sein Amt antrat, arbeiteten beim Autozulieferer ZF Lenksysteme, dem grössten Arbeitgeber der Stadt, noch sechstausend Leute. Sechs Jahre später, nach der Übernahme durch Bosch, habe «ein Sterben auf Raten» begonnen, sagt der christdemokratische Kommunalpolitiker. Bis Ende dieses Jahres sollen noch 2800 Personen in dem Werk arbeiten, Ende 2027 noch 1700.

Von Bosch scheint sich Arnold hintergangen zu fühlen, auch wenn er dies auf Nachfrage nicht bestätigen mag. Der Konzern habe angekündigt, in Gmünd investieren zu wollen, gleichzeitig aber Parallelstrukturen in Ungarn aufgebaut, klagt der Bürgermeister. Die Entwicklung des Elektroautos habe Bosch verschlafen.

«Früher war klar: Wenn etwas Massenprodukt wurde, wanderte es ab», sagt Alexander Groll, der Wirtschaftsförderer der Stadt, der mit am Tisch sitzt. «Aber man hatte eine Vision, was nachkommt. Köpfe statt Rohstoffe, Talente, Patente, all das glich die hohen Löhne aus.»

Von Berlin und Brüssel fühlt sich die Stadt alleingelassen

Arnold, der in den Nullerjahren Vertreter Baden-Württembergs in Brüssel war, meint heute, sein Land finanziere seinen eigenen Untergang. 20 Prozent des EU-Budgets stammten aus Deutschland. Mit diesem Geld förderten Länder wie Ungarn die Ansiedlung von Industrien. «Man soll mir wegbleiben mit Fairness», sagt der Bürgermeister, «Trump und China canceln die Fairness global.»

Arnold holt aus den Unterlagen, die vor ihm auf dem Tisch liegen, einen Brief hervor. Er stammt aus dem Juni 2023 und ist an Younous Omarjee adressiert. Der Kommunist aus La Réunion, einem französischen Überseedepartement, ist Chef des Ausschusses für regionale Entwicklung im EU-Parlament.

«Man soll mir wegbleiben mit Fairness»: Oberbürgermeister Richard Arnold fühlt sich im Standort-Wettbewerb benachteiligt. (Bild: Thomas Zehnder/Stadt Schwäbisch Gmünd)

Auf einmal wird klar, warum der Bürgermeister von Entfremdung redet: Was soll ein Politiker von einer Insel vor der Küste Madagaskars, 9000 Kilometer südöstlich von Gmünd, von den Problemen der Stadt wissen, und warum sollten sie ihn interessieren?

Kaum irgendwo in Deutschland sei der Konjunkturverlauf so schleppend wie in Baden-Württemberg, schrieb der Christdemokrat aus dem schwäbischen Remstal dem Kommunisten von der französischen Tropeninsel; Arnold zitierte Statistiken und beklagte die Benachteiligung bei den Fördergeldern. Es geschah nichts. «Wir finden kein Gehör in Brüssel», sagt der Bürgermeister, «und Berlin verschafft es uns auch nicht.»

Seine schwäbischen und badischen Landsleute schont Arnold allerdings auch nicht: Die regionale Wirtschaft habe die Konkurrenz in Osteuropa oder China zu lange nicht ernst genommen, die Politik habe die Bürokratie wachsen lassen. «Und jetzt zeigen alle mit dem Finger aufeinander.»

Viele müssen in schlechter bezahlte Jobs wechseln

Es ist etwas ins Rutschen geraten im Schwabenland: Das Vertrauen zwischen Unternehmen und Angestellten, die früher einmal Stellen fürs Leben hatten, ist vielerorts verloren gegangen – mit Folgen für die Motivation. «Beim Bosch schafft man nicht mehr, da geht man nur noch hin», ist ein Satz, den zu hören bekommt, wer in Gmünder Beizen mit den Leuten spricht.

Am Rand der Altstadt, in einem Gebäude, das den Charme der Sechzigerjahre verströmt, befinden sich die lokalen Büros der IG Metall. Heike Madan, eine energische, blonde Frau, ist regionale Geschäftsführerin der Gewerkschaft. Ihre Fröhlichkeit scheint sie sich bewahrt zu haben, auch wenn ihr Beruf dafür wenig Anlass gibt.

Dass die Leute weniger Geld in der Tasche haben, schlägt sich im Handel nieder. Hier eine leerstehende Metzgerei in Leinzell bei Schwäbisch Gmünd. (Bild: H. F. Müller)

4,6 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in Gmünd derzeit. Doch das Problem sei grösser, als die Zahl vermuten lasse, sagt Madan. Wer seinen Job verliere, finde zwar meist etwas Neues. Doch die Metall- und Elektroindustrie zahle sehr gut, weshalb viele in Branchen mit niedrigeren Löhnen wechseln müssten.

So haben Facharbeiter, die eine Familie gegründet und ein Haus gebaut haben, auf einmal Geldsorgen. 30 Prozent der IG-Metall-Mitglieder wählten die AfD, berichtet Madan. Einige träten aus der Gewerkschaft aus, weil diese sich gegen die Partei stelle.

Auch die Gewerkschafterin wirft der Wirtschaft Versäumnisse vor: «Viele Maschinenbauer haben den Wandel verpennt.» Nicht überall in der Region sehe es allerdings so düster aus wie in Gmünd. Die Firma Alfing Kessler in Aalen habe früher Kurbelwellen für Autos hergestellt, nun mache sie solche auch für Schiffe. Zudem sei das Unternehmen in die Produktion von Weichen eingestiegen. «Und der Laden brummt.»

Hier lebt der schwäbische Erfindergeist noch

Einen Laden, der ebenfalls brummt, besuche ich einen Tag später: die Firma Richter Lighting Technologies im nahen Heubach. Die regionale Industrie- und Handelskammer hat mir den Kontakt vermittelt; erwartet habe ich einen Hersteller von Halogenlampen, der über den Gang der Dinge jammert und auf die Politik schimpft.

Weiter von der Realität entfernt hätte meine Vorstellung kaum sein können. Bernd Richter, der Firmengründer, holt mich am Bahnhof des Nachbardorfes ab, in einem Mercedes, wie es sich für einen schwäbischen Unternehmer gehört. Sonst, so wird bald klar, erinnert hier nur noch wenig an alte Zeiten.

«Man muss mit jeder Regierung umgehen»: Bernd Richter verkörpert das Erfolgsmodell des deutschen Südwestens. Wer höhere Löhne zahlt, muss besser sein. (Bild: Philipp Uricher/zvg)

Was Richter herstellt, ist gar nicht so leicht zu erklären: «Wir kommen aus dem Licht», sagt der 57-Jährige. Das tönt fast schon transzendent, beschreibt aber lediglich die profanen Ursprünge des Unternehmens, das seine Ehefrau Marion und er vor über dreissig Jahren unter dem Namen Neon Richter gegründet haben.

Seither haben sie das getan, was einst überall das Erfolgsmodell des deutschen Südwestens ausmachte: sich weiterentwickelt. «Alles, was hier produziert wird, gibt es sonst nirgendwo», erklärt der Unternehmer. Macht ein anderer etwas günstiger, stellt Richter schon etwas anderes her.

Vielleicht könnte man sein Unternehmen als eine Art hoch spezialisiertes Super-Ikea bezeichnen: Es verschickt Bausätze für Ladengeschäfte in alle Welt, etwa Holzdecken und Beleuchtungssysteme für Apple Stores an der New Yorker Fifth Avenue, in Saudi-Arabien oder in Schanghai.

Die Wirtschaft koppelt sich von der Politik ab

Doch das ist längst nicht alles: Ständig werden hier neue Produkte entwickelt. Richter fordert mich auf, einen Glaskasten zu betreten. Drinnen werde ich fotografiert. Eine Künstliche Intelligenz erstellt ein Bild von mir als Fussballspieler, täuschend echt und – so viel Heimatverbundenheit muss sein – nicht etwa im Dress von Bayern München, Real Madrid oder Paris Saint-Germain, sondern in jenem des VfB Stuttgart.

«Crazy stuff», verrücktes Zeug, sagt Joseph, ein Tunesier, der das Gerät mit entwickelt hat. In Frankreich hat der junge Mann Betriebswirtschaftslehre studiert, aber nur, um seinen Eltern einen Abschluss vorweisen zu können, wie er sagt. Tatsächlich, so Richter, sei Joseph «mit der beste KI’ler im Land. Wir schauen denen in die Augen, nicht aufs Diplom». In seinem Unternehmen arbeiteten 130 Leute aus dreissig Ländern.

«Mir schaffet auf Englisch», sagt Richter auf Schwäbisch. «Integration darf gar kein Thema sein, sie muss einfach passieren.» Der Unternehmer, der selbst ein Studium abgebrochen hat, beschreibt sich als Autodidakt: «Wir wollen immer wissen, wie etwas funktioniert.» Richter glaubt nicht, dass seine Heimat wie Detroit enden wird. Die Menschen hier seien anders.

Man könnte die Mentalität der schwäbischen Tüftler und Schaffer mit jener der Ostschweiz vergleichen, doch je länger ich Richter zuhöre, desto öfter denke ich an Norditalien: Auch dort wuchsen Weltmarktführer heran, obwohl die politischen Verhältnisse in Rom oft chaotisch waren.

Fragt man Richter nicht explizit nach der Landtagswahl, kommt er nicht darauf zu sprechen. «Man muss mit jeder Regierung umgehen», sagt er diplomatisch. Manchmal besuchten Politiker sein Unternehmen, erzählt der Firmengründer, «doch wenn wir merken, dass einer nur für ein Foto kommen will, laden wir ihn wieder aus».

Am Ende gibt es doch noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Wahlplakate in Böblingen bei Stuttgart. (Bild: Marijan Murat/DPA)
 

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