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37 zu 5: Die AfD läuft der SPD unter den Arbeitern davon

Auch in Deutschland zeigt sich: Wer früher Mitte-links wählte, wählt heute oft sehr weit rechts. Eine Umkehr des Trends ist nicht in Sicht.
Was bleibt, ist Ratlosigkeit: Andreas Stoch (Mitte), der Spitzenkandidat der baden-württembergischen SPD, wird nach der Wahl von den Parteichefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil in der Berliner Parteizentrale empfangen. (Bild: Tobias SchwarzAP)

Baden und Württemberg waren nie Kernländer der Sozialdemokratie. Ihre Hochburgen hatte die SPD aber auch im deutschen Südwesten, etwa das württembergische Esslingen, dessen Bewohner Ende des 19. Jahrhunderts als erste im Land einen sozialdemokratischen Bürgermeister wählten. Das ging dem König im nahen Stuttgart zu weit, weshalb er dem Wahlsieger die Bestätigung verweigerte.

Heute dürfte niemand mehr einen sozialdemokratischen Politiker als Bedrohung empfinden; eher scheinen SPD-Leute zur bedrohten Art zu werden. Gerade noch etwas über 5 Prozent entschieden sich bei der baden-württembergischen Landtagswahl vor einer Woche für die Partei.

Auch unter den Arbeitern wählten nur noch 5 Prozent SPD; weitaus stärkste Partei in jenem Segment wurde mit 37 Prozent die AfD. Das badische Mannheim, die grösste Industriestadt des Bundeslandes und einst ebenfalls eine SPD-Bastion, ist heute geteilt: Die Wohlhabenden wählen die Grünen, die Abstiegsbedrohten und jene, die sich dafür halten, die AfD. Unter den Mitgliedern der IG Metall sympathisieren 30 Prozent mit der Partei, vor deren Wahl die Führung der Gewerkschaft warnt.

Es ist eine Geschichte, wie sie vielerorts in Europa und darüber hinaus spielen könnte: In Antwerpen wählen einstige Hafenarbeiter heute die flämischen Nationalisten, in den grauen Bergarbeiterstädten des französischen Nordostens reüssiert das Rassemblement National, im amerikanischen Rust Belt hat Donald Trump seine treusten Anhänger.

Die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg liegt zwar noch immer relativ niedrig, doch gehen vor allem überdurchschnittlich bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Wer seinen Job bei Porsche oder Daimler verliert, stürzt meist nicht ins Bodenlose, muss sich aber oft einschränken. Den Unmut darüber kann man als Klagen auf hohem Niveau abtun, doch die psychologischen Folgen des Niedergangs wird man damit nicht wegreden.

Die SPD ist aus Sicht vieler Wähler Teil des Problems. Die mit EU-Geldern geförderte Verlagerung von Fabriken nach Osteuropa, gut gemeinte Umweltvorschriften, die der Industrie schaden, und nicht zuletzt eine verfehlte Migrationspolitik: an all dem haben Sozialdemokraten mitgewirkt oder zumindest zugeschaut.

Heute würden viele SPD-Leute wohl am liebsten vorgehen wie einst der König von Württemberg, das zeigt sich an ihren Forderungen nach einem AfD-Verbot. Den Aufstieg der Sozialdemokratie zur grössten Partei des deutschen Kaiserreichs konnten die Fürsten aber nicht verhindern. Heute gehört die SPD selbst zum Establishment – wenn sie nicht demnächst verschwindet. Wünschen möchte man es ihr angesichts ihrer historischen Verdienste nicht.

 

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