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UBS-Chef Sergio Ermotti: «Das Problem der CS waren nicht zu wenig Regeln»

Vor genau drei Jahren übernahm die UBS in einer Notaktion die Credit Suisse. Warum musste sie gerettet werden? Was ist seither geschehen? Und was bedeutet das für die Regulierung? Der CEO der einzigen Schweizer Grossbank hat eine klare Botschaft.
Die denkwürdige Pressekonferenz am Sonntag 19. März 2023 in Bern: Finanzministerin Karin Keller-Sutter (3. von links) erklärt, dass die marode Credit Suisse von der UBS übernommen wird. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)
«Die Stärke der Schweiz liegt in der Ausgewogenheit»: UBS-Chef Sergio P. Ermotti. Er leitet die Bank seit der Übernahme der CS, nachdem er bereits früher UBS-CEO gewesen war. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Am 19. März 2023, also vor genau drei Jahren, stand die Schweiz vor einem der schwierigsten Momente ihrer modernen Finanzgeschichte. Die Stabilisierung der Credit Suisse musste unter extremem Druck, mit unvollständigen Informationen und ohne Spielraum für Fehler durchgeführt werden. Die Prioritäten waren klar: Schutz der Kunden und Steuerzahler sowie Wahrung der Finanzstabilität zu möglichst niedrigen Kosten für die Gesamtwirtschaft.

Dies wurde erreicht. Die Schweiz handelte entschlossen und verantwortungsbewusst. UBS war integraler Teil dieser Lösung und trug dazu bei, den Ruf unseres Landes als stabilen und zuverlässigen Finanzplatz zu schützen. Seit März 2023 haben die ausserordentlichen Anstrengungen unserer Kollegen und Partner sowie der Behörden in 50 Jurisdiktionen eine hochkomplexe Integration ermöglicht. Mit der erfolgreichen Überführung der letzten Schweizer Kundenkonten diese Woche können wir die Integration bald abschliessen.

Dieser Meilenstein geht einher mit der entscheidenden Phase der Neugestaltung des Regulierungsrahmens in der Schweiz. Drei Jahre nach der erfolgreichen Stabilisierung geht es nun darum, die richtigen Lehren aus der Credit-Suisse-Krise zu ziehen.

Schweizer Erfolg entsteht nicht im Rampenlicht. Er beruht auf Pragmatismus, institutioneller Disziplin und einer demokratischen Kultur, in der Behörden und politische Entscheidungsträger zuhören, reflektieren und debattieren, wenn eine Krise vorüber ist.

Die Massnahmen, die an jenem Wochenende im März 2023 ergriffen wurden, ernteten weltweit Respekt. Doch ein Grossteil dieses Vertrauens wurde seither aufs Spiel gesetzt, weil sich die Regulierungsdebatte zu sehr auf Risiken und Ängste konzentrierte statt auf eine nüchterne, faktenbasierte Analyse. Was jetzt gebraucht wird, sind Augenmass und Selbstreflexion, nicht Panikmache.

«Die Stärke der Schweiz liegt in der Ausgewogenheit»: UBS-Chef Sergio P. Ermotti. Er leitet die Bank seit der Übernahme der CS, nachdem er bereits früher UBS-CEO gewesen war. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Auch wenn für die meisten Menschen die Finanzstabilität auf der Liste der täglichen Sorgen weit unten steht, ist ein stabiler Finanzplatz kein abstraktes Konzept. Die Auswirkungen eines stabilen Finanzplatzes sind greifbar: In Bezug auf die Kosten für Hypotheken, auf die Frage, ob kleine und mittlere Unternehmen investieren und Personal einstellen können, und darauf, ob Exporteure und Pensionskassen mit Zuversicht planen können. Jede Debatte über Kapital und Regulierung muss daher darauf ausgerichtet sein, wie das Finanzsystem der Realwirtschaft dient und zu welchem Preis.

Die Stärkung des Finanzsystems erfordert ausserdem, Fakten von Annahmen zu trennen und zu vermeiden, mit Korrekturen über das Ziel hinauszuschiessen. Mehrere weit verbreitete Annahmen in der aktuellen Debatte bedürfen daher einer Klarstellung.

Derzeit gibt es in der Schweiz keine allgemeine Kreditverknappung. Allerdings sind die Refinanzierungskosten für Banken in den vergangenen Jahren gestiegen. Dies ist zum Teil auf verschärfte Regulierungsvorschriften zurückzuführen, darunter die Umsetzung strengerer Liquiditätsvorschriften, insbesondere für grosse Schweizer Banken. Zusammen mit weiteren Faktoren hat dies zu höheren Kosten bei der Kreditvergabe geführt. Dies macht sich insbesondere auf dem Hypothekenmarkt und bei den Finanzierungsbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen bemerkbar.

Anders als manchmal behauptet, werden höhere regulatorische Anforderungen nicht allein von den Aktionären oder ausländischen Kunden getragen. Auch Schweizer Kunden spüren diese. Weitere Erhöhungen der Kapitalanforderungen werden unweigerlich den Druck auf die Kreditkosten erhöhen, sofern Reformen nicht zielgerichtet und verhältnismässig sind. Die Schweiz sollte daher ein gesundes Gleichgewicht zwischen Stabilität, Wachstum und Kosten anstreben, sich weiterhin an internationalen Standards orientieren und unnötige «Swiss Finishes» vermeiden, die wirtschaftliche Kosten verursachen, ohne angemessene Vorteile zu bieten.

Eine weitere unzutreffende Behauptung ist, dass verlustabsorbierende Instrumente wie das Additional Tier 1-Kapital international aufgegeben würden. Dies ist nicht der Fall. Diese Instrumente bleiben Teil des regulären aufsichtsrechtlichen Kapitals und spielten 2023 eine Schlüsselrolle bei der Stabilisierung und Restrukturierung der Credit Suisse. Ohne sie wäre wohl kaum eine Bank zu einer Rettung bereit gewesen.

Ein weiteres Missverständnis ist, dass die Umsetzung von Basel III zu einer Kapitalreduktion bei UBS geführt habe. Tatsächlich hatte sich ein Grossteil der Auswirkungen bereits seit 2016 aufgebaut und die risikogewichteten Aktiven von UBS erheblich erhöht. Selbst nach der Auflösung eines konservativen Puffers nach der vollständigen Umsetzung bedeutete dies immer noch eine Nettoerhöhung des Kapitals um 14% beziehungsweise um mehr als 8 Milliarden Franken, obwohl sich das zugrunde liegende Risiko nicht verändert hatte.

Es ist auch falsch zu behaupten, die Schweiz sei nicht ausreichend reguliert. Für vergleichbare Aktivitäten wendet sie bereits international führende Kapital- und Liquiditätsstandards an, insbesondere für systemrelevante Banken. Andere Länder befinden sich auch nicht in einem «race to the bottom», aber sie überprüfen ihre Rahmenbedingungen, um sicherzustellen, dass die Regeln zielgerichtet, verhältnismässig und wirtschaftlich gerechtfertigt sind.

Vor allem aber bestand bei der Krise der Credit Suisse im Kern kein Problem von zu wenigen Regeln oder unzureichenden Kapitalanforderungen. Es waren breit gestreute Schwächen in der Umsetzung von bestehenden Regeln, die viel zu lange fortbestehen durften, von regulatorischen Zugeständnissen, die die Aufsicht verwässerten, und von Problemen, die nicht klar oder früh genug kommuniziert wurden, damit die Marktdisziplin greifen konnte.

Was auf dem Spiel steht, geht weit über das Bankwesen hinaus. Der Finanzsektor sichert Arbeitsplätze, Innovation, Renten und Handel und trägt massgeblich zur wirtschaftlichen Stärke der Schweiz bei. Als Konzernchef der UBS bin ich mir der damit verbundenen Verantwortung zutiefst bewusst. Diese Verantwortung erfordert Demut, Transparenz und einen konstruktiven Dialog mit Politik und Gesellschaft.

Drei Jahre nach der Rettung der Credit Suisse muss die Schweiz zuversichtlich in die Zukunft blicken. Dauerhafte Stabilität erfordert Augenmass, Beständigkeit und internationale Abstimmung – und keine Massnahmen, die kurzfristig beruhigend wirken mögen, aber auf Dauer die Widerstandsfähigkeit und den Wohlstand schwächen. Stabilität und Wohlstand dürfen nie als selbstverständlich angesehen werden.

 
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