Der Täter, das Motiv, der Ablauf: Das ist zur Amoktat in Aarau bekannt
Was ist in der Nacht auf Sonntag passiert?
Am frühen Sonntagmorgen fielen auf dem Gelände der Pferderennbahn im Aarauer Schachen Schüsse. Die dortige Techno-Party war zu diesem Zeitpunkt bereits beendet, ein Teil der Besuchenden befand sich jedoch noch auf dem Areal. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde mit einer 9-Millimeter-Pistole und einem Sturmgewehr AK-74 über 40 Mal geschossen. Einerseits auf die Partygäste, andererseits auf Fahrende, die sich auf einem nahegelegenen Standplatz aufhielten. Am Tatort fanden die Ermittlerinnen und Ermittler an mehreren Stellen Patronenhülsen.
Kurz nach der Tat gingen mehr als achtzig Notrufe allein bei der Polizei ein, heisst es an der Pressekonferenz. Etliche Patrouillen und die Rettungsdienste machten sich umgehend auf den Weg. Die Polizei rückte in Kontaktteams zur Pferderennbahn in die Gefahrenzone vor und steckte diese ab. Sie durchkämmte die Gefahrenzone und stellte sicher, dass die Sanitäterinnen und Sanitäter ihre Arbeit tun konnten.
Es wurden mehr als hundert Personen evakuiert und vor Ort betreut. Kurz nach dem Eintreffen der Polizei stellte sie ein Team für die Sonderlage zusammen und löste die Fahndung kantonal, national und international aus. Sie sicherten Schlüsselpunkte wie Bahnhöfe im ganzen Kanton.
Wie geht es den Opfern?
Beim Angriff kam eine 22-jährige Italienerin ums Leben. Sie erlitt einen Durchschuss am Oberkörper, der lebenswichtige Organe getroffen hat. Bisher war von fünf Verletzten die Rede: Vier Schweizer und eine Deutsche im Alter von 24 bis 31 Jahren erlitten Verletzungen mit Durchschuss. Zwei der Schweizer haben auch den italienischen Pass. Sie wurden inzwischen aus dem Spital entlassen. Die 24-jährige Deutsche soll das Spital laut eigenen Angaben voraussichtlich am Mittwoch verlassen können.
Eine weitere verletzte Person, die einen Abpraller abbekommen hat, hat sich erst am Montag bei der Polizei gemeldet. Sie befindet sich noch im Spital. Nun ist also von einer Toten und sechs Verletzten die Rede.
Den beiden Personen im Spital geht es «den Umständen entsprechend besser».
Was ist über den Täter bekannt?
In der Nacht auf Montag, kurz vor 1 Uhr, verhaftete die Polizei einen 43-jährigen Schweizer. Nun bestätigt sie: Der festgenommene Mann ist jener, der im Schachen geschossen hat. Es handelt sich um einen Schweizer ohne Migrationshintergrund mit Wohnsitz im Kanton Jura. Es gibt keine Hinweise auf weitere beteiligte Personen. Die Gefahren sind laut Polizei gebannt, vom Täter geht kein Risiko mehr aus. Es gibt keine Hinweise auf Mittäter oder Mitwisser. Es sind keine einschlägigen Vorstrafen bekannt.
Dass es sich beim Täter um einen Angehörigen der Schweizer Armee handelt, wie von italienischen Medien berichtet, wird an der Pressekonferenz dementiert. Der Mann hat schon vor 13 Jahren seinen Armeedienst quittiert und seine Dienstwaffe zurückgegeben.
Über die Tatnacht ist bekannt, dass der Täter mit dem Auto zum Schachen fuhr. Von dort aus ging er zu Fuss in Richtung des Raves auf der Pferderennbahn. Die Polizei geht davon aus, dass er durch Zufall dort hinkam. Er schoss mit einem Sturmgewehr über 40 Mal wahllos in die Menschenmenge. Er änderte die Schussrichtung mehrfach. Es waren zu dem Zeitpunkt noch weit über hundert Personen vor Ort.
Der Täter ging weiter zum Parkplatz der Fahrenden, wo er mehrmals mit einer Pistole schoss, unter anderem auf ein Auto. Er flüchtete mit seinem Fahrzeug in Richtung Innenstadt Aarau.

Wie gelang die Verhaftung?
Der Beschuldigte hat sich in Delémont der Kantonspolizei Jura selbst gestellt und sich als jener Mann zu erkennen gegeben, der in Aarau in die Menge geschossen hat. Warum er sich selbst gestellt hat, ist nicht bekannt. Er sagte der Kapo Jura, es sei ihm seit Längerem gesundheitlich schlecht gegangen. Er gab auch an, wo er wohnt, und dass sich die Tatwaffen in seinem Auto befänden. Die Kantonspolizei Aargau überführte den Beschuldigten daraufhin nach Aarau.
Die Ermittlungsarbeiten der Kapo Aargau verdichteten sich zeitgleich. Sie verfolgte Hinweise und konnte das Tatfahrzeug mit jurassischem Kontrollschild ausfindig machen. Die Spuren passten überein. Die Polizei nahm sogleich mehrere Hausdurchsuchungen vor.
Nach den Schüssen im Schachen organisierte die Aargauer Kantonspolizei ein Grossaufgebot. Sie befragte die Zeugen vor Ort, sicherte Spuren und veranlasste eine nationale und internationale Fahndung. Involviert waren das Bundesamt für Polizei Fedpol und die deutsche Polizei. Sie ermittelten in verschiedene Richtungen gleichzeitig. In den ersten zwölf Einsatzstunden hat sie 130 Befragungen durchgeführt. Weiter gingen weit über hundert Hinweise von Dritten ein.
Was ist das Motiv des Beschuldigten?
Die Kapo Aargau spricht nun offiziell von einer Amoktat. Zunächst waren noch die Hypothesen Terror oder eine Milieutat im Raum gestanden. Weitere gesicherte Informationen zum Motiv gibt es noch keine. Stand jetzt gibt es keine Hinweise auf ideologische oder extremistische Hintergründe. Die Waffen hat er vor rund zwanzig Jahren erstanden und ordnungsgemäss registriert.
Sagen lässt sich, dass es dem Beschuldigten gesundheitlich nicht gut ging, wie er selbst gegenüber der Kantonspolizei Jura angab. Die weiteren Ermittlungen beinhalten psychiatrische Gutachten.
Was droht dem Beschuldigten?
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau eröffnete noch am Sonntag ein Strafverfahren. Mittlerweile werden dem Beschuldigten vorsätzliche Tötung vorgeworfen, teilweise versuchter Mord, mehrfache Gefährdung des Lebens und Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Auf vorsätzliche Tötung steht eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Bei Mord drohen mindestens zehn Jahre bis lebenslänglich.
Die erste Einvernahme des Beschuldigten fand am Montag statt. Er verweigerte die Aussage. Der Antrag auf Untersuchungshaft beim Zwangsmassnahmengericht wurde gutgeheissen. Besonderen Fokus legen die Ermittler nun auf das Umfeld des Beschuldigten. Nebst psychiatrischen Abklärungen geht es jetzt darum, mehr über seine Lebensumstände und seine Vergangenheit herauszufinden.
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