Die IV am Abgrund: Die finanzielle Lage des Sozialwerks verschlechtert sich rapide
Es ist ein Rekord: Über 70'000 Menschen haben sich 2025 bei der Invalidenversicherung (IV) neu angemeldet. Gut 25'000 Personen erhielten erstmals eine IV-Rente.
Damit hat die Realität selbst die pessimistischsten Prognosen des Bundes überholt. Seit Jahren steigt die Zahl der IV-Bezüger, zuletzt sogar rasant.
Das sind gleich doppelt schlechte Nachrichten. Einerseits machen immer mehr Menschen psychische Leiden zu schaffen. Fast jede zweite Neurente wird aufgrund einer psychischen Krankheit gesprochen. Im Gleichschritt verschlechtert sich die finanzielle Lage der IV weiter. Laut Bundesamt für Sozialversicherungen wächst das jährliche Defizit bis 2030 auf 800 Millionen Franken.
Der Bund ging vor einem Jahr noch von deutlich geringeren Minuszahlen aus. Gerechnet hat er für 2025 mit 23 000 Neurenten und einem Defizit von 300 Millionen Franken. Nun sackt das Defizit wegen der höheren Ausgaben weiter ab. «Die angespannte Lage hat sich weiter verschärft», sagte Doris Bianchi, Direktorin vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), am Donnerstag bei der Präsentation der Zahlen.
2000 zusätzliche Renten machen einen Unterschied
Die Perspektiven der IV verschlechtern sich, weil verhältnismässig viele junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren eine Neurente erhalten und diese theoretisch bis zum Erreichen des Pensionsalters beziehen könnten. Die Experten betonten am Donnerstag vor den Medien, dass es enorm schwierig ist, jemanden, der bereits eine IV-Rente bezieht, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Der Bundesrat versucht dieser Entwicklung zu begegnen, indem er ein neues Mittel für Jugendliche und junge Erwachsene einführen will: eine Integrationsleistung. Sie soll verhindern, dass schon Junge abhängig von einer IV-Rente werden. Die Bedingung ist allerdings, dass ein Potenzial zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt vorhanden ist. Konkret geht es bei der Integrationsleistung zwar auch um Geld. Die Jugendlichen und ihr Umfeld sollen aber zusätzlich eng begleitet werden, um eine berufliche Integration vorzubereiten.
Es ist ein weiteres Puzzlestück in einem bereits komplexen Konstrukt. Die Unterstützung der Betroffenen ist bereits heute gross. So steigen nicht nur die Renten, auch die Anstrengungen für die Integration kosten. Von den 10,8 Milliarden Franken, welche die IV 2025 ausgab, wurden rund 6 Milliarden Franken für Renten und etwa 2,3 Milliarden Franken für Eingliederungsmassnahmen aufgewendet. Weitere Gelder flossen an medizinische Massnahmen (1 Milliarde), an die berufliche Eingliederung (1 Millarde) und Hilfsmittel (250 Millionen).
Finanziell sanieren wird die zusätzliche Integrationsmassnahme die IV nicht: Die höheren Defizite belasten den bereits unterdotierten IV-Fonds enorm. Laut Gesetz muss der Fonds mit einer halben Jahresausgabe gefüllt sein. Bei 10 Milliarden Franken Ausgaben müssten also 5 Milliarden im Fonds liegen. Doch es sind nur 3,6 Milliarden Franken. Bis 2031 wäre der Topf leer.
Vor zehn Jahren: Wende zum Negativen
Es ist eine Negativspirale, die immer schneller dreht. Dabei rechnete man vor nicht allzu langer Zeit noch damit, dass die IV aus den roten Zahlen kommt. In den Jahren 2013 bis 2016 hat das BSV prognostiziert, dass die 10 Milliarden Schulden, welche die IV gegenüber dem AHV-Fonds hat, im Jahr 2030 vollständig abgebaut seien. 2019 lag die Prognose für 2030 bei 2,4 Milliarden IV-Schulden.
Nun, fünf Jahre später, ist die Verschuldung unverändert hoch, bei rund 10,3 Milliarden Franken. Die Perspektive auf einen Abbau bis 2030 hat sich komplett zerschlagen. Und die IV zahlt jedes Jahr einen Zins in der Höhe von rund 200 Millionen Franken an die AHV.
Der Bundesrat hat darum entschieden, die im Frühjahr angekündigte IV-Reform zu beschleunigen und im Herbst ans Parlament zu überweisen. Nebst der erwähnten Massnahme zur Integration zeichnet sich auch eine Zusatzfinanzierung ab. Die berufliche Integration zahlt sich erst mittelfristig aus.
Darum sollen zusätzliche Lohnbeiträge in der Höhe von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten die Versicherung finanziell entlasten. Auch kurzfristige Finanzspritzen will der Bundesrat prüfen, sollte sich die Situation schneller verschlechtern als erwartet.
Es müsse sowohl auf der Einnahme- wie auf der Ausgabeseite etwas passieren, sagte Florian Steinbacher, Leiter Geschäftsfeld IV beim BSV. «Die finanzielle Lage ist kritisch», so Steinbacher.
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