Cheers mit Rorschach: Die St.Galler Hafenstadt ist in Toronto ein geläufiger Biername
Rorschach, ein Begriff auf der Menükarte zwischen Guinness, Stella Artois oder Corona? Rorschach ist ein Bier? Offensichtlich. Und im Gegensatz zu den grossen Namen wird es doppelt geführt: einmal Rorschach Salted Caramel Milk Stout, einmal Rorschach Truth Serum IPA.
Die erstaunliche Entdeckung auf einer Menükarte in Toronto machten dieser Tage zwei Frauen aus der Region am See. Und die Nachfrage im traditionsreichen Nachbarschaftspub «House On Parliament» in ihrem Wohnquartier, dem historischen Viertel Cabbagetown, machte rasch klar: Die Rorschach-Biere kommen aus der Brauerei Rorschach Brewing Co.
Anders als die St.Galler Brauerei in Japan
Die kanadische Kleinbrauerei besteht seit 2015 und betreibt an ihrer Produktionsstätte im Quartier The Beaches im Osten Torontos auch ein eigenes Restaurant. Aber klar doch, denkt man sich, da sind Ostschweizer Auswanderer am Werk. Oder Kanadier, die sich auf die grosse St.Galler Bierbrauttradition berufen –, ähnlich wie die St.Gallen Brewery im japanischen Atsugi (Kanagawa), die sich wegen der einstigen Klosterbrauerei so nennt. Die Rorschacher Brauerei Löwengarten mag nicht so berühmt sein wie die St.Galler Schützengarten, aber immerhin existierte auch sie weit über hundert Jahre (von 1871 bis 2006). Rorschach also ein bisschen auf dem Weg zu einer Bierstadt à la Pilsen, Flensburg oder Radeberg?
Die Referenz wäre allzu schön, aber leider stimmt sie nicht. Der Brauereiname Rorschach bezieht sich, man ahnt es, nicht auf die Ostschweizer Hafenstadt und ihre Biertradition, sondern auf den Test des Berner Psychiaters Hermann Rorschach. Die Brauereigründer, drei Chemieingenieure von der University of Toronto, sahen bei Hobbybrauversuchen im Bierschaum ähnliche Muster wie in den Tintenklecksen des Rorschach-Tests. Ausserdem sei die Wahrnehmung der Geschmäcker des Biers rein subjektiv, fanden sie. Entsprechend zeigt ihr Brauerei-Logo ein spiegelverkehrtes Doppel-R.
«Herzlich wie im Kornhausbräu oder Zeltwerk»
Die Erklärung mindert die Freude der Ostschweizerinnen in Toronto nicht. Nach kurzer Recherche fuhren Barbara Thurnherr-Schwab und ihre Freundin Eva Maria-Buhl, die im Rahmen ihres Kanada-Sabbaticals in der Drei-Millionen-Metropole einen Sprachkurs absolvieren, zum Brauerei-Restaurant im Osten der Stadt, in der Nähe des beliebten Woodbine Beach.

Im populären Brauerei-Lokal freute man sich herzlich über die Frauen mit dem lustigen Rorschach-Bezug – sie wohnen tatsächlich in Rorschacherberg und Wil –, auch wenn sich die Kenntnisse über die Schweizer Kleinstadt wie erwartet in sehr engen Grenzen hielten. «Die Brauerei befindet sich wie in der Rorschacher Kornhausbräu im hinteren Teil des Restaurants», erzählt Barbara Thurnherr. «Wir konnten verschiedene Biere ausprobieren, unter anderem ein säuerliches mit Wassermelonen-Geschmack, und genossen dann ein sehr gutes leichtes und ein dunkles Rorschacher Bier zu Hamburger und Chips.» Die Rorschach Brewing Co. ist für ihre Craft-Biere mit experimentellen Geschmacksrichtungen von fruchtigen Sour-Ales über hopfige IPA’s bis zu cremigen Stouts bekannt.

Nebst der Fussball-WM – die beiden Ostschweizerinnen erlebten Deutschland gegen Elfenbeinküste im Stadion in Toronto – gehörte die Kleinbrauerei fernab der touristischen Highlights zu ihren überraschenden Erlebnissen in der grössten Stadt Kanadas. «Wunderbar in Kanada ein bisschen Rorschach erlebt zu haben», freut sich Barbara Thurnherr. «Und erst noch mit überaus herzlichem Personal, vergleichbar mit jenem im Zeltwerk.»
Weltbekannter Begriff, aber die Hafenstadt macht nichts draus
So unbekannt Rorschach in Toronto, so wenig kennt man am Bodensee die gleichnamige Brauerei. Michèle Müller von der Kornhausbräu, derzeit im Zeltwerk am See engagiert, hört zum ersten Mal vom Branchen-Verwandten in Übersee. Ihr Vater Andreas, Braumeister bei Löwengarten, hatte die Craft-Brauerei 2007 gegründet, nachdem die traditionsreiche Rorschacher Brauerei ihren Betrieb schloss. Ein Kontakt mit den Toronto-Brauern wäre witzig, meint sie, aber ein Import ihrer Rorschach-Biere wohl ausgeschlossen. Dass eine Rorschacher Beiz das Gerstensaft-Produkt aus Kanada als Gag einmal anbietet, wäre eine ziemliche logistische Herausforderung. Zumal die Rorschach Brewing Co. ihre Biere bislang nicht exportiert.
Was die Entdeckung aus Toronto wieder einmal bewusst macht: Rorschach ist dank des visuell reizvollen psychologischen Tests und der angelehnten Comic-Filmfigur (aus «Watchmen») weltweit ein Begriff. Was nebenbei auch mehrere britische und amerikanische Rockbands dieses Namens belegen, von denen immerhin die Hardcore-Band Rorschach aus New Jersey einmal in der St.Galler Hafenstadt auftrat. Man wundert sich, dass die Stadt- und Tourismusbehörden, oder auch ein Kulturveranstalter, sich diese Verbindung noch nie zu eigen machten – beispielsweise mit einem Rorschach-Test-Festival. Am besten samt Rorschach-Bier aus Kanada.
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