­
­
­
­

Paul Rechsteiner: Die wirkliche Katastrophe – die Abwanderung

Ist die Zuwanderung die Ursache vieler unserer Probleme? Nein, sagt Tagblatt-Kolumnist und alt SP-Ständerat Paul Rechsteiner. In seinem Gedankenstrich geht er der Frage nach, wo die wahren Risiken liegen: «Nicht bei der Zuwanderung, sondern bei der Abwanderung.»
Paul Rechsteiner, Tagblatt-Kolumnist und ehemaliger SP-Ständerat. (Bild: Niklas Thalmann)

Ständig wird über die Zuwanderung als Problem geschrieben. Doch die wirkliche Katastrophe für ein Land ist die Abwanderung. Kein anderer Landesteil hat das so dramatisch erlebt wie St.Gallen und die Ostschweiz.

Paul Rechsteiner, Tagblatt-Kolumnist und ehemaliger SP-Ständerat. (Bild: Niklas Thalmann)

Vor wenigen Wochen erschien Peter Stahlbergers «Die Stadt St.Gallen seit dem Zweiten Weltkrieg». Das reich bebilderte, sehr empfehlenswerte Buch beginnt mit dem dramatischen Niedergang St.Gallens. Von 1910 bis 1941 verlor die Stadt mehr als einen Sechstel ihrer Bevölkerung: Von 75'000 Personen im Jahr 1910 schrumpfte sie auf gerade noch 62'000. Mit verheerenden Folgen bis hin zu den Steuereinnahmen.

Noch krasser war es mancherorts im Appenzellerland. Das kann man in den neuen «Appenzellischen Jahrbüchern» nachlesen, die sich dem Schwerpunkt Arbeitsmigration widmen. Oberegg verlor in diesen Jahrzehnten ein Viertel der Bevölkerung. Wald sogar die Hälfte.

Es gab keinen Landesteil, der durch die Krise, den Niedergang der einst blühenden Stickereiindustrie, stärker getroffen wurde. Das war mehr als eine Krise: Es war ein eigentlicher Kollaps.

Das Trauma dieses Abstiegs lastete während Jahrzehnten auf der ganzen Region. Hatte St.Gallen zuvor mit Zürich, Basel und Genf zu den dynamischsten Wirtschaftszentren der Schweiz gehört, so war das nun vorbei. Auch vom während langer Zeit bevölkerungsmässig ähnlich grossen Lausanne wurde St.Gallen abgehängt. Erst mit dem Aufbruch der Sechzigerjahre holte St.Gallen langsam wieder auf.

Seit vielen Jahren wird die Frage der Zuwanderung nun obsessiv politisch bewirtschaftet. An allen Übeln der Welt soll die Zuwanderung schuld sein. Sprich die Immigrantinnen und Immigranten. Statt sich über gut gefüllte Züge zu freuen, wird dies als «Dichtestress» denunziert: vornehmlich von Leuten, die den öffentlichen Verkehr nur selten nutzen. Die wichtigste Abstimmung des Jahres findet voraussichtlich im Juni statt: über die x-te Initiative der SVP gegen die Zuwanderung.

Die Erfahrungen St.Gallens und der Ostschweiz zeigen drastisch, wo die wahren Risiken liegen: Nicht bei der Zuwanderung, sondern beim wirtschaftlichen Niedergang und als Folge davon bei der Abwanderung. Wenn jüngere Menschen aus wirtschaftlichen Gründen eine Region verlassen und in erster Linie Ältere zurückbleiben, dann hat das rasch auch schwerwiegende Folgen im Alltag. Schulen gehen zu, öffentliche Dienstleistungen werden schlechter: eine Negativspirale, die weitere negative Entwicklungen nach sich zieht, wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch. In manchen Gegenden Europas ist das seit Jahrzehnten Realität, in Ostdeutschland, dem italienischen Mezzogiorno, vernachlässigten französischen Regionen.

Sicher führt auch die Zuwanderung zu Herausforderungen. Diese sind aber im Vergleich zu jenen der Abwanderung gut lösbar, vorausgesetzt der politische Wille dazu ist da. Sie zeugen von einer lebendigen, in die Zukunft weisenden Dynamik.

Denn das ist es, um was es wirklich geht: anständig bezahlte Arbeit, erschwingliche Wohnungen und gute, für alle zugängliche öffentliche Dienstleistungen. Das sind die Ziele für die Zukunft der Schweiz. Und nicht der Kampf gegen die Zuwanderung. Trump liefert auch in dieser Hinsicht ein schlechtes Rezept für die Schweiz.

Paul Rechsteiner stammt aus St.Gallen und ist ehemaliger SP-Ständerat. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Toni Brunner, Carla Maurer und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

 
Lädt

Schlagwort zu Meine Themen

Zum Hinzufügen bitte einloggen:

Anmelden

Schlagwort zu Meine Themen

Hinzufügen

Sie haben bereits 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

Entfernen

Um «Meine Themen» nutzen zu können, stimmen Sie der Datenspeicherung hierfür zu.

Kommentare
Keine Kommentare

    Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben

Kommentare hinzufügen

Ähnliche Artikel

Abo

Genug der Wiederholungen: St.Galler SVP-Nationalrat Walter Gartmann fordert eine Sperrfrist für deutlich gescheiterte Initiativen

Nationalrat Walter Gartmann sieht ein Problem in der Schweizer Demokratie: Initiativen, die an der Urne klar scheitern, tauchten oft nur kurze Zeit später in leicht veränderter Form wieder auf. Dem will er einen Riegel vorschieben – mit einer Sperrfrist.
13.01.2026
AboInterviews mit ehemaligen spanischen Einwanderern

Von Gastarbeitern zu Mitbürgern 

Zum interkulturellen Karussell des Vereins Pro Rössle interviewte Filmemacher Arno Oehri 12 Spanierinnen und Spanier, die in Liechtenstein leben. Am 22. Oktober wird der Film im Rössle präsentiert.
15.10.2025
AboInterview

«Wir sollten uns eine langweiligere Welt wünschen»

Liechtenstein bekennt sich seit Jahrzehnten zu den Werten des Europarates. Generalsekretär Alain Berset spricht darüber, welchen Beitrag auch kleine Staaten zur Stabilität Europas leisten können.
vor 1 Stunde

Wettbewerb

1x 2 Tickets für die «Ukulele Orchestra of Great ...
Ukulele Orchestra of Great Britain

Umfrage der Woche

Hat das Unglück in Crans-Montana Ihr Sicherheitsgefühl beim Ausgehen beeinflusst?
­
­