Paul Rechsteiner: Die wirkliche Katastrophe – die Abwanderung
Ständig wird über die Zuwanderung als Problem geschrieben. Doch die wirkliche Katastrophe für ein Land ist die Abwanderung. Kein anderer Landesteil hat das so dramatisch erlebt wie St.Gallen und die Ostschweiz.

Vor wenigen Wochen erschien Peter Stahlbergers «Die Stadt St.Gallen seit dem Zweiten Weltkrieg». Das reich bebilderte, sehr empfehlenswerte Buch beginnt mit dem dramatischen Niedergang St.Gallens. Von 1910 bis 1941 verlor die Stadt mehr als einen Sechstel ihrer Bevölkerung: Von 75'000 Personen im Jahr 1910 schrumpfte sie auf gerade noch 62'000. Mit verheerenden Folgen bis hin zu den Steuereinnahmen.
Noch krasser war es mancherorts im Appenzellerland. Das kann man in den neuen «Appenzellischen Jahrbüchern» nachlesen, die sich dem Schwerpunkt Arbeitsmigration widmen. Oberegg verlor in diesen Jahrzehnten ein Viertel der Bevölkerung. Wald sogar die Hälfte.
Es gab keinen Landesteil, der durch die Krise, den Niedergang der einst blühenden Stickereiindustrie, stärker getroffen wurde. Das war mehr als eine Krise: Es war ein eigentlicher Kollaps.
Das Trauma dieses Abstiegs lastete während Jahrzehnten auf der ganzen Region. Hatte St.Gallen zuvor mit Zürich, Basel und Genf zu den dynamischsten Wirtschaftszentren der Schweiz gehört, so war das nun vorbei. Auch vom während langer Zeit bevölkerungsmässig ähnlich grossen Lausanne wurde St.Gallen abgehängt. Erst mit dem Aufbruch der Sechzigerjahre holte St.Gallen langsam wieder auf.
Seit vielen Jahren wird die Frage der Zuwanderung nun obsessiv politisch bewirtschaftet. An allen Übeln der Welt soll die Zuwanderung schuld sein. Sprich die Immigrantinnen und Immigranten. Statt sich über gut gefüllte Züge zu freuen, wird dies als «Dichtestress» denunziert: vornehmlich von Leuten, die den öffentlichen Verkehr nur selten nutzen. Die wichtigste Abstimmung des Jahres findet voraussichtlich im Juni statt: über die x-te Initiative der SVP gegen die Zuwanderung.
Die Erfahrungen St.Gallens und der Ostschweiz zeigen drastisch, wo die wahren Risiken liegen: Nicht bei der Zuwanderung, sondern beim wirtschaftlichen Niedergang und als Folge davon bei der Abwanderung. Wenn jüngere Menschen aus wirtschaftlichen Gründen eine Region verlassen und in erster Linie Ältere zurückbleiben, dann hat das rasch auch schwerwiegende Folgen im Alltag. Schulen gehen zu, öffentliche Dienstleistungen werden schlechter: eine Negativspirale, die weitere negative Entwicklungen nach sich zieht, wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch. In manchen Gegenden Europas ist das seit Jahrzehnten Realität, in Ostdeutschland, dem italienischen Mezzogiorno, vernachlässigten französischen Regionen.
Sicher führt auch die Zuwanderung zu Herausforderungen. Diese sind aber im Vergleich zu jenen der Abwanderung gut lösbar, vorausgesetzt der politische Wille dazu ist da. Sie zeugen von einer lebendigen, in die Zukunft weisenden Dynamik.
Denn das ist es, um was es wirklich geht: anständig bezahlte Arbeit, erschwingliche Wohnungen und gute, für alle zugängliche öffentliche Dienstleistungen. Das sind die Ziele für die Zukunft der Schweiz. Und nicht der Kampf gegen die Zuwanderung. Trump liefert auch in dieser Hinsicht ein schlechtes Rezept für die Schweiz.
Paul Rechsteiner stammt aus St.Gallen und ist ehemaliger SP-Ständerat. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Toni Brunner, Carla Maurer und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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