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Jérôme Müggler: Medienfreiheit beginnt vor der Haustür

In seiner Kolumne denkt Jérôme Müggler über die aktuelle Diskussion rund um die SRG-Initiative und deren Bedeutung für die Medienfreiheit in der Ostschweiz nach. Für ihn steht fest: In Regionen wie der Ostschweiz sind unabhängige Medien besonders wichtig.
Jérôme Müggler, Tagblatt-Kolumnist und Direktor der IHK Thurgau. (Bild: Niklas Thalmann)

Wenn von Medienfreiheit die Rede ist, denken wir an ferne Länder, an autoritäre Regime, an Zensur. Dabei entscheidet sich Medienfreiheit oft viel näher: in Regionen wie der Ostschweiz. Dort, wo man sich kennt. Wo politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Netzwerke eng verflochten sind. Und wo genau deshalb unabhängige Medien besonders wichtig sind.

Jérôme Müggler, Tagblatt-Kolumnist und Direktor der IHK Thurgau. (Bild: Niklas Thalmann)

Eine Region lebt nicht nur von funktionierenden Infrastrukturen und wirtschaftlicher Stärke, sondern auch von ihrer Öffentlichkeit. Medien schaffen diese Öffentlichkeit. Sie erzählen, was sonst unter dem Radar bliebe. Sie ordnen ein, widersprechen, stellen unbequeme Fragen. Medienforschung zeigt zudem klar: lokale und regionale Medienberichterstattung ist entscheidend für demokratische Teilhabe. Wo sie verschwindet, sinkt das politische Interesse, die Wahlbeteiligung geht zurück und vereinfachende Erzählungen gewinnen an Boden.

Die aktuelle Diskussion rund um die SRG-Initiative berührt diese Fragen. Es geht dabei nicht nur um Gebühren oder Strukturen, sondern um die grundsätzliche Frage, wie viel verlässliche Information wir uns als Gesellschaft leisten wollen – und wie wichtig uns ein medialer Service public ist, gerade ausserhalb der urbanen Zentren. Ich bin kein Fan der Landfrauenküche, des Samschtig-Jass’ oder der aktuell laufenden Abfahrtsrennen. Eigentlich schaue ich gar kein reguläres Fernsehen mehr. Das ist aber eine andere Geschichte. Jedoch profitiert unsere Ostschweiz von Formaten wie dem Regionaljournal oder Schweiz aktuell. Und meine «Wirtschaftsbubble» profitiert vom EcoTalk oder von der Sendung «Berufsbilder aus der Schweiz».

Unabhängige Medien haben neben der Informationsvermittlung eine Aufgabe, die nicht immer angenehm ist. Sie sollen hinschauen und Dinge benennen, auch wenn es unbequem wird. Sie sollen Macht mit der Feder kontrollieren. Der Kommunikationswissenschaftler Jay Rosen bringt es auf den Punkt: Journalismus sei nicht dazu da, Menschen ein gutes Gefühl zu geben, sondern um ihnen ein klares Bild der Realität zu vermitteln. Gerade in kleinräumigen Kontexten ist diese Rolle anspruchsvoll – und unverzichtbar.

Das gilt auch im Kampf gegen Populismus. Populistische Politik lebt von Vereinfachung, von Feindbildern, von der Behauptung, «das Volk» werde von «den Eliten» belogen. Ein Narrativ, das bei den Vätern und Müttern der SRG-Initiative durchaus verbreitet ist. Freie Medien wirken dem entgegen, indem sie Komplexität sichtbar machen, Fakten prüfen und Widersprüche offenlegen. Wo das Medienvertrauen hoch und die Medienlandschaft vielfältig ist, haben populistische Narrative es schwerer, sich festzusetzen.

Medienfreiheit ist deshalb kein abstrakter Wert, sondern eine tägliche Praxis. Sie zeigt sich darin, ob Journalistinnen und Journalisten recherchieren können, ohne grossen wirtschaftlichen oder politischen Druck. Ob Redaktionen Ressourcen haben, um nachzufragen. Und ob es in einer Region unterschiedliche Perspektiven gibt – nicht nur eine dominante Deutung.

Die Ostschweiz ist vielfältig – wirtschaftlich, kulturell, politisch. Diese Vielfalt verdient eine ebenso vielfältige und unabhängige Medienlandschaft. Wer Medien schwächt, schwächt letztlich die demokratische Selbstverständigung einer Region.

 
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