Plötzlich fragt Selenski den WEF-Chef: «War es nicht interessant mit mir?»
Mit grossem Applaus empfängt der vollbesetzte Kongresssaal den ukrainischen Präsidenten. Am Schluss seiner Rede bekommt er eine stehende Ovation. In der Rede hatte er die Europäer in die Pflicht genommen. Danach stellte er sich den Fragen von WEF-Chef Borge Brende.
Schön, Sie hier zu haben. Wie ist Ihr Treffen mit Präsident Trump verlaufen?
Wolodimir Selenski: Ehrlich?
Natürlich ehrlich. War das Treffen im Interesse Ihres Landes?
Das war es.
Das hätte ich nie infrage gestellt.
Das Treffen war gut. Danke an den Präsidenten, dass er Zeit für uns gefunden hat. Schon vor meinem Gespräch mit Präsident Trump hat mein Team viel Zeit mit den Amerikanern verbracht. Ich wollte Präsident Trump sogar scherzhaft bitten, ihnen amerikanische Pässe zu geben, weil sie wirklich sehr viel Zeit investiert haben. Aber im Ernst: Dieses Treffen ist sehr wichtig.
Wir brauchen die USA an Bord. Ich hoffe, das ist das Schiff in Richtung Frieden. Für die Zukunft, für Sicherheitsgarantien. Wir verstehen, dass Europa stärker werden muss. Aber Europa braucht Zeit. Amerika ist heute sehr stark.
Unsere Teams haben gut gearbeitet. Ich habe den Eindruck: Wir sind auf der letzten Meile. Und die ist oft die schwierigste. In jedem Dialog mit jedem Präsidenten muss ich die Interessen meines Landes verteidigen. Darum ist der Austausch nicht immer einfach. Aber heute war er positiv.
Das ist eine klare Antwort. Wir wissen, dass Jared Kushner und auch der Sondergesandte Steve Witkoff heute nach Moskau reisen. Es geht nun wohl darum, ob Russland bereit ist, den Krieg zu stoppen. Niemand weiss, was in Putins Kopf vorgeht. Was denken Sie: Welche Überlegungen gibt es aktuell in Moskau?
Ja, das amerikanische Team fliegt heute nach Moskau. Sie haben unser Treffen mit Präsident Trump abgewartet. Jetzt werden sie weiterreisen. Mein Team trifft das amerikanische Team, und ich denke, es wird das erste trilaterale Treffen geben – in den Emiraten.
Das wird morgen und übermorgen stattfinden. Zwei Tage Gespräche in den Emiraten. Ich hoffe, die Emirate wissen Bescheid (lacht). Manchmal gibt es solche Überraschungen von amerikanischer Seite. Aber gut: Sie fahren hin. Das ist positiv. Wenn wir auf taktischer Ebene mit diesem trilateralen Format beginnen, hoffe ich, dass wir Fortschritte erzielen.
Die Russen müssen zu Kompromissen bereit sein. Nicht nur die Ukraine. Jeder muss dazu bereit sein. Das ist für uns zentral. Wir werden sehen, was herauskommt. Wichtig ist: Unsere Leute sprechen heute mit den Amerikanern. Und die Amerikaner sprechen dann morgen mit den Russen. Wann genau, weiss ich nicht. Vielleicht schläft Putin noch.
Sie haben gesagt, niemand wisse, was in seinem Kopf vorgeht.
Wir werden weiter angegriffen. Menschen leben ohne Strom. Die Lage ist schwierig. Aber auch Russland ist in einer schwierigen Situation. Wir antworten auf ihre Angriffe. Gott helfe, dass der Krieg endet. Ich hoffe es.
Was ist derzeit der schwierigste Punkt für die Ukraine? Wir wissen von den Angriffen auf Ihr Energiesystem. Dazu kommen Opfer entlang der Frontlinien. Die humanitäre Lage wirkt schwieriger als vor einem Jahr.
Russland greift gezielt unsere Energieversorgung an. Das ist kein Geheimnis, kein Versehen. Das Ziel ist, Blackouts in der Ukraine zu erzwingen. Sie greifen vor allem Zivilisten an.
Sie setzen nicht viele teure Raketen an der Front ein. Sie verwenden diese gegen Zivilisten und Infrastruktur: kritische Infrastruktur – Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen. Es geht um alles, was das Leben ermöglicht: Strom, Heizung, Wasserversorgung. Das ist die Realität. Das ist das Gesicht Russlands. Und das ist das Gesicht dieses Krieges.

Wir haben Luftverteidigungssysteme. Wir haben Ideen entwickelt, etwa mit Drohnen und Abfangsystemen. Wir nutzen sie. Wir produzieren sie – etwa tausend pro Tag. Aber es reicht nicht.
Russland setzt täglich rund 500 iranische Drohnen ein. Dazu kommen Dutzende Raketen, darunter ballistische. Und selbst die Systeme, die uns Partner gegeben haben: Sie könnten mehr liefern. Ich habe heute mit Präsident Trump wieder darüber gesprochen.
Ich hoffe, es waren die letzten Reisen, die letzten Kriegsreisen. In der Ukraine erinnert man sich nur an den letzten Krieg. Ich war mehrfach bei Präsident Trump. Was am wichtigsten ist, sind immer die letzten Worte. Ich habe gesagt: Vergesst die Luftverteidigung nicht. Vergesst die Patriots nicht. Das ist für diesen Winter entscheidend.
Bevor Sie zurück in die Ukraine gehen, habe ich eine letzte Frage.
War es nicht interessant mit mir?
Ich würde gern länger mit Ihnen reden, für weitere 15 Minuten mit Ihnen, Herr Präsident, aber …
… nicht länger?
(Lacht) Meine letzte Frage. Wie können die Leute hier Sie am besten unterstützen?
Unser Land zu verteidigen, ist eine sehr teure Aufgabe. Darum: Wenn Sie in der Ukraine Niederlassungen eröffnen können, würde das zeigen, dass Sie Vertrauen haben. Und dass Sie glauben, dass es Frieden geben wird. Ja, es ist ein wenig risikobehaftet aktuell (Raunen im Saal). Wir haben uns eingangs entschieden, heute ehrlich zu sein. Aber: Wir brauchen Ihre Firmen in unserem Land, Ihr Vertrauen in die Ukraine, Ihr Vertrauen in ein unabhängiges Land nach dem Krieg. Investieren Sie jetzt und geben Sie unserer Bevölkerung Jobs. Das ist echte Unterstützung. Nicht blosse Worte.

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