Staatstrauer nach tödlichen Schüssen in Krakau und ein grausiger Fund
Nach dem verheerenden Gewaltverbrechen in der Innenstadt von Krakau trauert Polen um die zahlreichen Opfer und rätselt weiter über das Motiv des Täters. Er erschoss am Samstag aus einem Auto heraus sechs Zufallsopfer auf dem Hauptmarktplatz und verletzte mehr als ein Dutzend Menschen, bevor Polizisten ihn mit Schüssen ausser Gefecht setzen konnten. Im Haus des lebensgefährlich verwundeten Angreifers wurden später drei weitere Tote entdeckt - wahrscheinlich Familienangehörige des Mannes, wie Regierungschef Donald Tusk mitteilte.

Staatspräsident Karol Nawrocki kündigte für Sonntag und Montag eine landesweite Staatstrauer an. Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben der Polizei um einen jungen Polen, der nicht gezielt, sondern wahllos auf seine Opfer geschossen haben soll. Vier Frauen und zwei Männer wurden demnach getötet und mindestens 16 verletzt, darunter fünf Ausländer. Zwölf der Verletzten sind nach Angaben des Chefs der Woiwodschaft Kleinpolen, Krzysztof Kleczar, in einem kritischen oder lebensgefährlichen Zustand.
Täter soll «sehr radikale Ansichten» vertreten haben
Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus und dementierte Berichte über eine Fahndung nach einem möglichen Komplizen. Weshalb der Schütze am frühen Nachmittag das Feuer eröffnete und welche Vorgeschichte seine Tat hatte, ist noch Teil der Ermittlungen. Der Mittzwanziger soll nach ersten Erkenntnissen «sehr radikale Ansichten» vertreten haben, wie Polens Innenminister Marcin Kierwinski am Abend sagte. Es gebe Anzeichen dafür, dass er von rechtsextremistischen Ideologien fasziniert gewesen sei, auch wenn dies noch näher überprüft werden müsse.
Nach Polizeiangaben verwendete der Täter eine halbautomatische Langwaffe, ähnlich einem Sturmgewehr vom amerikanischen Typ AR-15. Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtete, Fotos nach zu urteilen sei die Waffe mit einer Vorrichtung zur präziseren Schussabgabe ausgestattet gewesen. Der Täter habe zudem eine Pistole bei sich geführt. In seinem Auto seien viele weitere Waffen und Munition gefunden worden, sagte eine Polizeisprecherin.
Fluchtversuch endet mit Unfall und Schiesserei
Medienberichten zufolge war der Wagen des Mannes auf der Flucht vom Tatort an einer Kreuzung mit einem anderen Auto zusammengestossen. Daraufhin sei der Angreifer aus seinem Fahrzeug gesprungen und habe auf die Einsatzkräfte geschossen. Diese hätten das Feuer erwidert und den Täter getroffen, der überwältigt werden konnte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Die «blitzschnelle Reaktion» der Polizei habe ein noch grösseres Massaker verhindert, betonte Innenminister Kierwinski. Die Beamten hätten innerhalb von drei Minuten nach der ersten Alarmierung schon Schüsse auf den Angreifer abgegeben.

Das polnische Verteidigungsministerium dementierte Spekulationen, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Soldaten oder Ex-Soldaten handele. Zwei Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen erlitt den Angaben zufolge drei Schusswunden. «Wir beten für diesen tapferen Polizisten, für diesen Helden, dass er überleben möge», sagte der Innenminister. Der Täter selbst sei wegen seiner lebensgefährlichen Verletzungen in einem Krakauer Krankenhaus behandelt und mehrfach operiert worden.
Drohne entdeckt drei Tote im Haus des Schützen
Welche Dimensionen das Gewaltverbrechen hat, wurde erst nach und nach klar. Später suchten Einsatzkräfte das etwa zwei Stunden Autofahrt von Krakau entfernte Wohnhaus des Schützen auf. Wegen des Verdachts, dass sich dort Sprengsätze befinden könnten, wurden mithilfe einer Drohne Aufnahmen gemacht, auf denen die drei Toten zu sehen waren. Es handele sich um zwei Frauen und einen Mann, vermutlich die engsten Familienangehörigen des Schützen, sagte Regierungschef Tusk bei einer Pressekonferenz des Krisenstabs.
Zu den Hintergründen machte Tusk keine näheren Angaben. Er betonte, dass Polizei, Sicherheitsbehörden und Staatsanwaltschaft alles unternehmen würden, um so schnell wie möglich Informationen zu den Motiven des Schützen bekanntzugeben.
Augenzeugen schildern chaotische Szenen
Aufnahmen von der Tat und panisch flüchtenden Menschen machten in sozialen Medien und im Fernsehen schnell die Runde. Augenzeugen berichteten von beängstigenden Szenen im Zentrum der zweitgrössten Stadt des Landes. «Im ersten Moment hat grosses Chaos geherrscht. Die Menschen haben begonnen, sich hektisch zu bewegen, ich habe umgestürzte Tische gesehen», sagte eine Person dem TV-Sender Polsat News. «Plötzlich ist ein Auto herangefahren, und ein Mann hat begonnen, aus dem Fenster des Wagens zu schiessen», berichtete ein weiterer Augenzeuge. Der Angreifer habe einen Helm oder eine Maske getragen, sein Gesicht sei nicht zu sehen gewesen.
Spurensicherung läuft
Die Spurensicherung am Tatort sollte bis mindestens Sonntag dauern, sagte Justizminister Waldemar Zurek am Samstagabend. Zeugen wurden gebeten, sich bei der nächsten Polizeidienststelle zu melden. Zurek kündigte eine harte Bestrafung des Täters an. Regierungschef Tusk und sein Innenminister machten sich noch am Samstag auf den Weg nach Krakau. Die Universitätsstadt hat mehr als 800.000 Einwohner und ist als Teil des Unesco-Welterbes ein beliebtes Ziel für Touristen aus aller Welt. (dpa)
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