Die Schweiz in der Pisa-Studie: Viele gute Noten – und eine grosse Sorge
Zeugnisausgabe für das Schweizer Schulsystem: Die Pisa-Studie sorgt alle drei Jahre für Aufregung unter Lehrern, Bildungspolitikerinnen und Eltern. Nun liegen die Ergebnisse für 2025 vor.
Was ist die Pisa-Studie?
Pisa ist eine internationale Schulleistungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie misst seit dem Jahr 2000, welche Kompetenzen 15-Jährige in zentralen Bereichen haben – und zwar nicht bloss Schulstoff, sondern Fähigkeiten, die sie für Schule, Beruf und sonst im Leben brauchen. Die Schweiz nimmt seit Beginn regelmässig teil; getragen wird das Programm hierzulande von Bund und Kantonen. 2025 lag der Fokus auf Naturwissenschaften, Lesen, Mathematik sowie erstmals auf der Domäne «Lernen in der digitalen Welt», konkret «modellbasiertes Problemlösen». Teilgenommen haben über 7500 15-Jährige aus 275 Schulen.
Wie lautet das Urteil für die Schweiz?
Eigentlich schneidet die Schweiz gut ab. Sie liegt in allen getesteten Bereichen statistisch signifikant über dem Durchschnitt der anderen Länder. Die Schweiz gehört über alle vier Bereiche hinweg zu den 20 leistungsstärksten Ländern. Die positive Bilanz hat aber einen Haken: Während die Leistungen in Naturwissenschaften seit 2015 stabil blieben, sind die Werte in Lesen und Mathematik rückläufig.
Wie ist das Abschneiden in den Naturwissenschaften?
In den Naturwissenschaften erreicht die Schweiz 501 Punkte und liegt damit klar über dem OECD-Durchschnitt von 482 Punkten. Elf Länder schneiden signifikant besser ab, sechs liegen auf vergleichbarem Niveau, 73 tiefer.
Und in Mathematik?
Die Bilanz ist zwiespältig: Mit 499 Punkten liegen die Schülerinnen und Schüler klar über dem OECD‑Durchschnitt. In Europa bedeutet dieser Wert Rang zwei hinter Estland. Gleichzeitig gibt es einen kontinuierlichen Rückgang: 2015 erreichten die Schweizer Schülerinnen und Schüler noch 521 Punkte. Der Rückgang zeigt sich auch im OECD-Gesamtdurchschnitt..
Wie sieht es beim Lesen aus?
Mit 470 Punkten liegt die Schweiz zwar weiterhin über dem OECD-Schnitt (461). Aber auch hier zeigt der Trend stark nach unten: 2015 lag die Schweiz noch bei 492 Punkten, 2018 bei 484, 2022 bei 483.
Was ist «modellbasiertes Problemlösen» – und wie gut ist die Schweiz dort?
Diese Disziplin wurde 2025 erstmals erhoben und gehört zum Bereich «Lernen in der digitalen Welt». Untersucht wird die Fähigkeit, komplexe Probleme mithilfe digitaler Werkzeuge, Modelle oder Algorithmen selbstgesteuert zu lösen. Die Schweiz erreicht 520 Punkte und liegt damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 500 Punkten. Auch hier ist nur Estland besser.
Sind die rückläufigen Werte das grösste Problem der Schweiz?
Nein. Die Studie ortet die zentrale Herausforderung nicht in einem Absturz der Schweizer Schule, sondern in der Teilhabe. Zu viele Jugendliche erreichen die Mindestkompetenzen nicht. In Naturwissenschaften sind es 20,7 Prozent, im Lesen 28,8 Prozent und in Mathematik 23,2 Prozent. Besonders stark hängen die Leistungen weiterhin mit sozialer Herkunft, Migrationshintergrund und der zu Hause gesprochenen Sprache zusammen. Jugendliche aus dem sozial am stärksten benachteiligten Viertel erzielen in Naturwissenschaften deutlich tiefere Werte als privilegierte Jugendliche; auch Schülerinnen und Schüler, die zu Hause ausschliesslich andere Sprachen sprechen, schneiden markant schwächer ab.
Ist das Schweizer Bildungssystem ungerechter geworden?
Hier lohnt es sich, genau hinzusehen. Der Anteil der 15-Jährigen, die in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften gleichzeitig immerhin das Mindestniveau erreichen, ist seit 2015 gesunken und liegt 2025 bei lediglich 65,4 Prozent. Gleichzeitig ist der Abstand zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Schülerinnen und Schülern geschrumpft. Das ist allerdings trügerisch: Der Abstand wurde nicht etwa kleiner primär, weil die Benachteiligten stark aufgeholt hätten, sondern vor allem, weil der Anteil privilegierter Jugendlicher mit Mindestkompetenzen sank.
Welche Reaktionen gibt es?
Die Resultate bestätigen für verschiedene Akteure den Handlungsbedarf – allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Schweizerische Arbeitgeberverband fordert, die Grundkompetenzen wieder stärker ins Zentrum zu rücken. Unternehmen stellten insbesondere beim Schreiben und in der Mathematik seit Jahren grössere Defizite bei Lernenden fest. Der Thinktank Avenir Suisse kritisiert, dass die Leistungen trotz hoher Bildungsausgaben zurückgehen, und fordert mehr Transparenz über die Ergebnisse der Schulen sowie mehr Spielraum für Reformen und unterschiedliche Lösungsansätze. Der Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse legt den Fokus auf die Chancengleichheit. Er fordert gezielte Unterstützung für Jugendliche mit Lernrückständen – sowohl in der Volksschule als auch während der Berufslehre – und verweist darauf, dass Grundkompetenzen eine Voraussetzung für die berufliche Integration und die gesellschaftliche Teilhabe seien.
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