Eltern dürfen mitreden – aber mit 16 ist für viele die Grenze erreicht
Social Media den Stecker ziehen? Immer mehr Länder diskutieren darüber, den Zugang zu Plattformen für Minderjährige zu verbieten oder zu erschweren.

Nachdem Australien ein Verbot beschlossen hatte, stimmte die französische Nationalversammlung ebenfalls für einen solchen Schritt. Der französische Verfassungsrat kippte die Verbotsregelung im August jedoch wieder.
Auch in der Schweiz flammt die Debatte immer wieder auf. Der Bundesrat prüft aktuell sogar, ob ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige den Jugendschutz verbessern könnte. Der Bericht dazu soll 2027 vorliegen.
Doch was sagt eigentlich die Bevölkerung dazu?
9 von 10 fordern Verbot
Die Meinungen sind gemacht: 87 Prozent der Befragten sind «dafür» oder «eher dafür», Minderjährigen den Zugang zu sozialen Medien zu verbieten. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Watson in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Demoscope, an der 8317 Menschen in der Deutschschweiz und der Romandie teilgenommen haben.
Bei der Frage, ab welchem Alter der Zugang erlaubt sein sollte und welche Rolle die Zustimmung der Eltern spielt, gehen die Meinungen jedoch auseinander – doch dazu später mehr.
Bemerkenswert: Die Zustimmung für ein Verbot hat weder Wohnort, Alter noch Geschlecht. Sowohl 88 Prozent der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer als auch 87 Prozent der Menschen in der Romandie befürworten ein Verbot. Auch zwischen Männern (87 Prozent) und Frauen (90 Prozent) gibt es nur geringe Unterschiede. In sämtlichen Altersgruppen unterstützen mindestens 86 Prozent ein Verbot.
Einen grösseren, aber immer noch vernachlässigbaren, Unterschied gibt es bei der Parteizugehörigkeit: Am wenigsten befürworten FDP-Wählende eine Zugangsbeschränkung (82 Prozent) und am meisten die Mitte-Wählerschaft (92 Prozent).
Nicht verwunderlich ist hingegen, dass Menschen eher ein Verbot befürworten, wenn sie mit Kindern im selben Haushalt leben (90 Prozent), im Vergleich zu Einzelhaushalten (84 Prozent).
Was für ein Verbot spricht
Wer ein Verbot grundsätzlich befürwortet, konnte in der Umfrage auch die Gründe dafür nennen: Am grössten ist die Sorge um die psychische Gesundheit der Jugendlichen. Dahinter folgen das Suchtpotenzial und schädliche Inhalte.
Auch Mobbing, eine beeinträchtigte Aufmerksamkeit und die Gefahr, online ins Visier von Tätern zu geraten, wurden genannt. Von den erfragten Gründen bereitet die Schlafqualität am wenigsten Sorgen: 53 Prozent sehen darin ein Problem.
Was gegen ein Verbot spricht
Auch die Minderheit, die ein Verbot ablehnt, haben wir nach ihren Gründen gefragt. Ein Argument gegen eine Altersschranke sticht deutlich hervor: Ein Verbot liesse sich umgehen. 70 Prozent der Befragten vertreten diese Meinung.

Dahinter folgen die persönlichen Freiheiten der Jugendlichen sowie die Möglichkeit, sich zu informieren und Informationen auszutauschen. Spannend: Auf die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit berief sich auch der französische Verfassungsrat. Er befand, die vom Parlament beschlossene Regelung greife «unverhältnismässig in die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit» ein.
Doch auch andere ablehnende Gründe werden ins Feld geführt: 40 Prozent der Befragten sehen soziale Netzwerke als Unterstützung für schüchterne oder introvertierte Jugendliche.
Ab welchem Alter?
Ab welchem Alter Jugendliche soziale Netzwerke nutzen dürfen sollen, hängt für viele Befragte davon ab, ob die Eltern zustimmen.
Mit dem Einverständnis der Eltern sollen Jugendliche nach Ansicht vieler Befragter früher auf soziale Netzwerke dürfen. Insgesamt 37 Prozent würden den Zugang in diesem Fall ab 13, 14 oder 15 Jahren erlauben. Ohne elterliche Zustimmung halten nur 14 Prozent eine dieser Altersgrenzen für angemessen.
Am häufigsten wird jedoch in beiden Fällen ein Mindestalter von 16 Jahren genannt: 39 Prozent wählen diese Grenze für den Zugang mit Zustimmung der Eltern, 42 Prozent für den Zugang ohne deren Zustimmung.
Ohne Erlaubnis der Eltern würden 21 Prozent der Befragten den Zugang erst ab 17 Jahren zulassen. Weitere 19 Prozent finden, Jugendliche sollten soziale Netzwerke ohne elterliches Einverständnis gar nicht nutzen dürfen. Selbst wenn die Eltern zustimmen, lehnen 8 Prozent den Zugang ab.
Welche Plattformen wären betroffen?
Besonders eine Plattform steht bei den Befürwortenden eines Verbots im Fokus: TikTok. 97 Prozent finden, dass die App für Minderjährige gesperrt werden sollte. Dahinter folgen Instagram mit 91 und Snapchat mit 87 Prozent.
Bei X und Facebook ist die Zustimmung etwas geringer. Doch auch diese Plattformen würden 81 beziehungsweise 79 Prozent der Befürworterinnen und Befürworter für Minderjährige sperren.
Als soziale Netzwerke gelten in der Umfrage offene Plattformen, auf denen Menschen über eigene Profile Inhalte veröffentlichen und miteinander interagieren. Einzel- und Gruppenchats auf WhatsApp oder Telegram sind davon ausgenommen.
Welche Schutzmassnahmen braucht es?
Auch die Betreiber der sozialen Netzwerke sollen stärker in die Pflicht genommen werden: 80 Prozent der Befragten fordern eine strengere Regulierung der Plattformen. Damit erhält diese Forderung unter den weiteren Schutzmassnahmen am meisten Zustimmung.
Daneben setzen viele auf Aufklärung: Drei Viertel befürworten Unterricht, der den Umgang mit digitalen Medien und sozialen Netzwerken vermittelt. 71 Prozent sprechen sich für Prävention und Sensibilisierung durch Eltern und Schulen aus.
72 Prozent wünschen sich zudem bessere Möglichkeiten, Cybermobbing zu melden sowie einen wirksameren Schutz davor.
Mit der heutigen Situation zufrieden ist hingegen kaum jemand: Nur ein Prozent hält weitere Massnahmen für unnötig.
Wie soll das Alter überprüft werden?
Wer Jugendliche unter einer bestimmten Altersgrenze von sozialen Netzwerken ausschliessen will, muss ihr Alter auch überprüfen können. Dafür stehen verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl – von einer Ausweiskopie bis zur elektronischen Identität. Am meisten Zustimmung erhält die E-ID: 72 Prozent der Befragten befürworten ihren Einsatz.
Das ist bemerkenswert: Das E-ID-Gesetz wurde im vergangenen September mit gerade einmal 50,4 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Als Mittel zur Alterskontrolle findet die E-ID dagegen bei der Anhängerschaft sämtlicher Parteien eine Mehrheit. Die Zustimmung reicht von 67 Prozent bei der SVP bis zu 83 Prozent bei den Grünliberalen.
Eine Ausweiskopie kommt für 52 Prozent der Befragten infrage. Eine Überprüfung über ein Konto bei Apple, Google oder Microsoft befürworten nur 16 Prozent.
Die blosse Angabe des eigenen Alters überzeugt kaum jemanden: Lediglich 3 Prozent halten das für eine geeignete Lösung. Ganz auf Alterskontrollen verzichten würden 4 Prozent.
Methodik
Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit Demoscope vom 17. bis 20. August 2026 in deutscher und französischer Sprache durchgeführt. Nach erfolgter Datenbereinigung lagen 8317 auswertbare Interviews vor. Diese wurden mittels Propensity-Score-Gewichtung an eine unverzerrte Grundgesamtheit angepasst, um dem Selbstselektionsbias entgegenzuwirken und aussagekräftigere Resultate zu erzielen. Zusätzlich wurde eine Gewichtung der Ergebnisse anhand der Wahlbeteiligung vom Oktober 2023 vorgenommen. Unter der Annahme einer Zufallsstichprobe beträgt der maximale Stichprobenfehler in Prozentangaben +/- 1,1 Prozent. Die Umfrage wurde online auf Watson.ch durchgeführt.
Mitarbeit: Hanna Hubacher, Oliver Julier und Kilian Marti.
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