«Das ehrlichste Wort, das je ein Bundesrat verwendet hat»
Der beliebteste Leserkommentar unter dem Interview mit Ignazio Cassis beginnt so: «Durchwursteln ist vielleicht das ehrlichste Wort, das ein Schweizer Aussenminister je verwendet hat. Und im Moment wohl auch das einzig realistische.»
Der watson-Leser bezieht sich auf das Gespräch, das die «Schweiz am Wochenende» mit Cassis geführt hat. Der FDP-Politiker sagte: «Wir müssen schauen, wie wir uns in dieser unruhigen Welt am besten durchwursteln können.» Und er schob nach, wie das zu verstehen ist: «Durchwursteln gilt medial gern als Makel. Ich sehe darin eher eine schweizerische Kernkompetenz: den besten Weg zu finden, um unsere Interessen zu wahren – Schritt für Schritt, mit gesundem Pragmatismus.»
Gemeint war also kein planloses Lavieren, sondern ein bewusst pragmatischer Ansatz: die Schweiz als kleiner Staat, der sich in einer zunehmend von Machtpolitik geprägten Welt flexibel bewegt, statt mit grossen Gesten aufzutreten. Der Aussenminister war sich beim Interview sehr wohl bewusst, dass er mit dieser Feststellung Reaktionen provozieren würde.
Und so kam es auch. Der «SonntagsBlick»-Chefredaktor macht das «Durchwursteln» zum Thema seines Editorials. Er sieht darin den Ausdruck eines Problems: einer Aussenpolitik ohne klare Haltung. Die Schweiz drohe, sich zwischen den Grossmächten opportunistisch zu bewegen, statt eine erkennbare Linie zu vertreten. In einer Welt, die von Machtpolitik geprägt ist, wirke ein solcher Ansatz nicht souverän, sondern beliebig – und langfristig auch riskant für Glaubwürdigkeit und Einfluss.
Die Prinzipien eines Kleinstaats
In der «NZZ am Sonntag» wird Cassis’ Aussage ebenfalls aufgegriffen. Sie zitiert dazu einen namentlich nicht genannten «hohen Bundesbeamten», der sagt: «Man muss sich schon fragen, wie viele Prinzipien sich ein Kleinstaat noch leisten kann.»
Ähnlich tönt es aus einigen Leser-Kommentaren. Durchwursteln sei eine Bankrotterklärung. «Planlos», «ohne Strategie», «ohne Rückgrat» – diese Begriffe tauchen immer wieder auf. Mehrfach ist zu lesen, von einem Bundesrat erwarte man Führung, klare Ziele und Orientierung.
Gerade angesichts von Krieg, Blockbildung und globalen Spannungen verlangen viele Kommentierende das Gegenteil: klare Kanten. Die Schweiz versuche seit Jahren, es mit allen gut zu stellen, wirtschaftlich zu profitieren und gleichzeitig moralisch unangreifbar zu bleiben. Das sei bequem, vielleicht typisch schweizerisch – aber zunehmend unglaubwürdig.
Doch viele Leserinnen und Leser geben Cassis recht, nicht nur, weil er «ehrlich» sei. Cassis habe schlicht ausgesprochen, was ist. «Durchwursteln» beschreibt nach dieser Lesart keine Schwäche, sondern die Realität eines kleinen Staates in einer Welt, in der Recht zunehmend von Macht verdrängt wird.
Eine helvetische Überlebensstrategie
Cassis’ Ansatz sei so gesehen eine Überlebensstrategie: flexibel bleiben, Spielräume offenhalten, nicht jede moralische Position öffentlich zuspitzen. Die Schweiz habe historisch genau damit Erfolg gehabt. Mehrere Kommentierende kommen zum Schluss: Lieber pragmatisch navigieren als sich in Konflikten zu begeben, die man nicht entscheiden kann.
Auffällig ist, wie schnell sich die Debatte vom Wort löst und grundsätzlicher wird. «Durchwursteln» wird für viele zum Symbol für die Schweiz insgesamt: für ihre Neutralität, ihre Aussenpolitik, ihr Verhältnis zur EU und ihr wirtschaftliches Modell. Die einen sehen darin ein Erfolgsrezept, das Stabilität und Wohlstand gebracht hat. Die anderen ein Auslaufmodell, das in einer härteren Welt nicht mehr funktioniert.
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