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Experte über Behandlung der Brandopfer: «Die ersten 24 Stunden sind entscheidend»

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana stellt das Schweizer Gesundheitswesen vor eine enorme Herausforderung. Die Schwerverletzten wurden auf mehrere Spitäler verteilt, doch die Lage bleibt angespannt.
Ein Blick in die Intensivstation für Brandverletzte des Unispitals Zürich. (Bild: Keystone)
Auf einer Verkehrsinsel in Crans-Montana wurden im Gedenken der Opfer Kerzen aufgestellt. (Bild: Keystone)

Bei der Brandkatastrophe in der Walliser Bar «Le Constellation» in Crans-Montana sind mindestens 40 Menschen gestorben, rund 115 wurden teils schwer verletzt. 80 Personen wurden mit 13 Rettungshelikoptern und 42 Krankenwagen in Spitäler gebracht, sie sind weiterhin in kritischem Zustand. 35 Personen konnten sich selber in die Pflege begeben.

Im Spital Wallis, das seinen Katastrophenplan aktivierte, werden rund 60 Verletzte behandelt, die auf verschiedenen Spitalstandorte Visp, Sion und Martigny verteilt wurden. Die Schwerstverletzten wurden aus dem Wallis in die Verbrennungungszentren an den Universitätsspitälern in Zürich und Lausanne geflogen.

Auch im Kinderspital Zürich und im Genfer Universitätsspital wurden Verletzte aus Crans-Montana aufgenommen. Weitere Spitäler, etwa das Berner Inselspital, mobilisierten ebenfalls alle notwendigen Ressourcen, um Brandopfer aufzunehmen. Viele Spitäler, so beispielsweise das Zürcher Stadtspital Triemli, sind dafür jedoch schlicht nicht genügend spezialisiert.

Nach 24 Stunden am richtigen Ort

Was bei einem solchen Unglück die grössten Herausforderungen sind, erklärte Mathias Zürcher, leitender Arzt am Schweizerischen Zentrum für Rettungs-, Notfall- und Katastrophenmedizin in Basel, gegenüber dem SRF: «Für die Einsatzkräfte vor Ort ist es initial eine riesige Herausforderung, die Übersicht zu gewinnen. Wenn das allmählich gelingt, versuchen sie, die Verletzten vor Ort zu stabilisieren und möglichst bald an geeignete Zielspitäler weiterzuleiten», erklärte er.

Doch diese Koordination kann nicht nach Schema F durchgeführt werden. Sie sei sehr dynamisch, so Zürcher: «Sie wissen zum Zeitpunkt X noch nicht, was einige Minuten später auf sie zukommt. Und sie müssen fortlaufend entscheiden, welcher Patient wo hingehört.» Grundsätzlich sei es wichtig, dass schwerverletzte Patienten möglichst zeitnah in die Kliniken ihrer finalen Versorgung kommen. «Schwerbrandverletzte Patienten sollten idealerweise innerhalb von 24 Stunden einen Platz für die Definitivversorung erreichen.»

Auf einer Verkehrsinsel in Crans-Montana wurden im Gedenken der Opfer Kerzen aufgestellt. (Bild: Keystone)

Ob die Kapazitäten der Schweizer Spitäler reichen, um die Brandverletzten aus Crans-Montana fachgerecht zu versorgen, kann Zürcher nicht mit Sicherheit sagen. «Ich gehe allerdings davon aus – wenn es stimmt, dass es zahlreiche Schwerverbrannte sind –, dass die Kapazität in der Schweiz möglicherweise nicht genügt und darum die Unterstützung aus dem nahen Ausland in Anspruch genommen werden muss.»

Das ist bereits geschehen: Mindestens ein Brandopfer wurde nach Stuttgart verlegt. Auch ins Verbrennungszentrum in Niguarda bei Mailand wurden gemäss dem «Corriere della Sera» bereits drei Schwerverletzte gebracht. Weitere drei Verletzte wurden nach Frankreich verlegt, in Spitäler in Lyon und Paris. 14 Brandopfer werden zudem nach Polen verlegt, wie der polnische Regierungschef Donald Tusk am Freitag bestätigte.

Erstversorgung sichern, Verletzte identifizieren

Um besser auf Katastrophen wie in Crans-Montana vorbereitet zu sein, braucht es gemäss Zürcher nicht zwingend mehr Kapazitäten, sondern Koordination, Kooperation und Training solcher Ereignisse müssten verbessert werden. «Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass wir ein solches Ereignis auch gut aufarbeiten, um zu sehen, was funktionierte und was von den vorhandenen Konzepten verbesserungswürdig ist.»

Doch das ist Zukunftmusik. Noch haben die Spitäler, die Brandopfer aus Crans-Montana aufgenommen haben, andere Sorgen. Denn die Situation vor Ort ist weiterhin sehr angespannt. «Einige Personen, die eigentlich frei gehabt hätten, sind zur Arbeit gekommen, um ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen», erklärte der Walliser Staatsrat Mathias Reynard am Freitagmorgen.

In den kommenden Tagen geht es vor allem darum, die Erstversorgung der Patientinnen und Patienten weiter sicherzustellen. Weiter geht es darum, die Verletzten zu identifizieren. Denn bei vielen Opfern ist noch immer unklar, um wen es sich handelt. Sei ein Mensch zu sechzig, siebzig Prozent verbrannt, könne man ihn visuell kaum mehr identifizieren, erklärt ein Experte gegenüber der NZZ. (pre/watson)

 
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