­
­
­
­

«Inakzeptabel»: Frauenverband springt angeschossener SVP-Kandidatin Amaudruz zur Seite

Sieben Männer, nur eine Frau: Alliance-F-Co-Präsidentin Maya Graf kritisiert die Kandidatenauswahl der SVP scharf. Die Grünen-Ständerätin wirft der Partei vor, ihrer Verantwortung gegenüber den Frauen nicht nachzukommen. Céline Amaudruz gehöre zwingend aufs Ticket, fordert Alliance F.
Wagte sich als erste aus der Deckung und gerät nun ins Störfeuer der eigenen Partei: SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz am 15. Oktober vor den Medien. (Bild: Keystone)
«Konsterniert» über die Kandidierendenauswahl der SVP: Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL). (Bild: Anthony Anex)

Sie war die Erste, die sich mit ihrer Bundesratskandidatur exponierte: Céline Amaudruz, Vizepräsidentin der SVP Schweiz, erklärte vorletzte Woche, für die Nachfolge von Guy Parmelin anzutreten.

Die anderen Anwärter liessen sich mehr Zeit. Erst in den letzten 48 Stunden vor Ablauf der Meldefrist am Freitagmittag kamen sieben weitere Kandidaturen hinzu – alle von Männern. Neben den Nationalräten Rémy Wyssmann (SO) und Michael Graber (VS) kandidieren Ständerat und Ex-Parteichef Marco Chiesa (TI) sowie die Regierungsräte Jean-Pierre Gallati (AG), Franz Ruppen (VS) und Pierre Alain Schnegg (BE). Auch Fraktionschef Thomas Aeschi (ZG) wurde zwar von seiner Kantonalpartei nominiert, sein «persönlicher Entscheid» steht allerdings noch aus.

Amaudruz unter Druck

Mit ihrem Vorpreschen machte sich Amaudruz angreifbar. Die 47-jährige Genferin sitzt zwar seit 2011 im Nationalrat, ist seit 2016 Parteivizepräsidentin und nach Parmelin das wohl bekannteste Westschweizer Gesicht der SVP. Dennoch hat sie parteiintern nicht nur Freunde.

Im engsten Machtzirkel der Partei scheint man gewillt, eine Bundesrätin Amaudruz zu verhindern. Hinter vorgehaltener Hand wird an ihrer Führungsstärke und ihrem Arbeitseifer gezweifelt. Ihr werden zudem Abweichungen von der Parteilinie vorgeworfen, etwa beim Vaterschaftsurlaub.

Der halbe Bundesratskandidat Thomas Aeschi sagte gegenüber der «SonntagsZeitung», man brauche im Bundesrat eine «führungs- und durchsetzungsstarke Persönlichkeit», die sich für die Kernthemen der SVP einsetze. SVP-Nationalrat Thomas Knutti (BE) plädierte für ein Zweierticket aus Aeschi und Graber. Die Fraktion entscheidet am 20. November.

Auch die Sonntagspresse berichtete wenig schmeichelhaft über Amaudruz. Vincent Kaufmann, Präsident der Anlagestiftung Ethos, kritisierte in der «SonntagsZeitung» die Häufung ihrer Verwaltungsratsmandate sowie den aus seiner Sicht zu wenig unabhängigen Verwaltungsrat des Getreideverarbeiters Groupe Minoteries. Amaudruz präsidiert das Gremium, ihre Familie ist Grossaktionärin.

Die «NZZ am Sonntag» berichtete zudem über ihre Verbindungen zum umstrittenen Investor Antoine Hubert. Seit März sitzt Amaudruz im Verwaltungsrat von Huberts Spitalimmobiliengesellschaft Infracore. Vor Wochenfrist waren ihre Nebeneinkünfte und ihr Führungsstil als Präsidentin der SVP Genf Thema.

«Männer  mit Samthandschuhen angefasst»

Niemand in Bundesbern hat mehr Bundesratswahlen erlebt als Grünen-Ständerätin Maya Graf, die seit 2001 im Parlament sitzt – 15 an der Zahl. Sie beobachte nicht zum ersten Mal, dass frühe Kandidierende besonders kritisch durchleuchtet werden und Frauen sich an anderen Massstäben messen lassen müssten, sagt sie.

«Konsterniert» über die Kandidierendenauswahl der SVP: Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL). (Bild: Anthony Anex)

Graf stört sich daran, dass Amaudruz «für den Mut, als Erste anzutreten, nun richtiggehend niedergeschrieben» werde, während Männer, die teilweise bis zum letzten Moment zugewartet hätten, «bislang mit Samthandschuhen angefasst» würden.

Graf ist Co-Präsidentin von Alliance F. Der Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen sei konsterniert über die Auswahl von sieben Männern und nur einer Frau: «Die SVP als grösste Partei der Schweiz, die sich Volkspartei nennt, bringt es nicht fertig, mit zwei Bundesratssitzen die weibliche Hälfte der Bevölkerung abzubilden.»

Das sei inakzeptabel. Der Rücktritt Parmelins habe sich abgezeichnet: «Es ist die Verantwortung jeder Partei, sich darauf vorzubereiten.» Man müsse rechtzeitig auf genügend weibliche Kandidaturen hinarbeiten, damit auch Absagen von Favoritinnen wie Esther Friedli (SG) oder Natalie Rickli (ZH) verkraftbar seien.

Für Graf ist klar: «Wir erwarten, dass die SVP ihre Vizepräsidentin Céline Amaudruz aufs offizielle Ticket setzt.» Nach der mehrheitlich negativen Berichterstattung müsse Amaudruz die Chance erhalten, sich den anderen Fraktionen bei den Hearings zu präsentieren und Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen.

Unterstützung erhielt Amaudruz übers Wochenende auch aus den eigenen Reihen. Die Vereinigung der Westschweizer SVP-Frauen betonte in einem Communiqué ihre parlamentarischen Erfolge für Frauen, etwa für Brustkrebsbetroffene oder Gewaltopfer. Auch sie fordert die Fraktion auf, Amaudruz zu nominieren.

Freisinnige Frauen zurückhaltender

So weit will Nationalrätin Bettina Balmer (ZH) nicht gehen. Auch die Präsidentin der FDP Frauen stört sich daran, dass nur eine Frau sieben Männern gegenübersteht. Balmer bedauert die Absage «von so fähigen Frauen wie Esther Friedli oder Natalie Rickli», respektiert aber deren persönliche Abwägungen.

Aus ihrer Sicht müsse jedoch die fähigste Person gewählt werden. Diese Aussage richte sich ausdrücklich nicht gegen Amaudruz. Die Geschlechterfrage sei diesmal weniger dringlich, weil mit Karin Keller-Sutter (FDP) und Elisabeth Baume-Schneider (SP) weiterhin zwei Frauen in der Regierung sässen, so Balmer.

 

Schlagwörter

Lädt

Schlagwort zu Meine Themen

Zum Hinzufügen bitte einloggen:

Anmelden

Schlagwort zu Meine Themen

Hinzufügen

Sie haben bereits 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

Entfernen

Um «Meine Themen» nutzen zu können, stimmen Sie der Datenspeicherung hierfür zu.

Kommentare
Keine Kommentare

    Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben

Kommentare hinzufügen

Ähnliche Artikel

Frist abgelaufen: SVP hat 8 Kandidaturen: Aeschi lässt sich Zeit ++ Walliser Doppelkandidatur ++ Auch Gallati tritt an

Am Freitagmittag um 12 Uhr endet die parteiinterne Bewerbungsfrist für den SVP‑Bundesratssitz. Wir halten Sie in unserem Live-Ticker auf dem Laufenden.
23.10.2026

Amaudruz einzige offizielle Kandidatin ++ Natalie Rickli sagt ab ++ Matter denkt nach

Das Kandidatenkarussell für die Nachfolge des Ende Jahr abtretenden Bundesrats Guy Parmelin dreht sich bereits munter. Wir geben Ihnen den Überblick über den Stand der Dinge.
04.10.2026

Amaudruz will Bundesrätin werden – und ist empört über die Mutter-Frage

Die SVP hat ihre erste offizielle Kandidatin für den Bundesrat. Die Genferin Céline Amaudruz gab vor den Medien bekannt, dass sie für Parmelins Nachfolge antreten will. Die Medienkonferenz zum Nachlesen im Ticker.
15.10.2026

Wettbewerb

2x einen Gastro-Gutschein im Wert von CHF 50.- zu gewinnen
Feldfreunde

Umfrage der Woche

Süsses oder Saures: Wie halten Sie es mit Halloween?
­
­