«Die Erwartungen sind sehr hoch»: Schweizer Botschafter über das neue Ungarn
Alle vier Jahre umziehen und sich wieder ein neues Netz aus Kontakten aufbauen: Diesen Weg hat Alexander Renggli als Diplomat gewählt. Der 50-Jährige ist seit genau einem Jahr Schweizer Botschafter in Ungarn und vertritt damit erstmals als Missionschef sein Land. Ein Land, in dem er erst ab seinem 15. Lebensjahr selbst lebte. «Meine Eltern verbrachten ihre konsularische Karriere fast ausschliesslich im Ausland», erzählt Renggli beim Gespräch in der Schweizer Botschaft in Budapest.
Und so liest sich Rengglis Lebenslauf wie eine Aneinanderreihung von Feriendestinationen: Geboren in Tokio, aufgewachsen in Rotterdam, Jakarta, Ankara und Manila. Die Freude am Dienst für sein Land hat er praktisch in die Wiege gelegt bekommen. «Ich empfinde diese Arbeit als grosse Bereicherung und schätze, dass ich so permanent mit der Schweiz verbunden bin, egal wo ich mich auf der Welt befinde.»
Seinen Start in Budapest beschreibt er als «Aufspringen auf einen fahrenden Zug.» «Die Führung einer mittelgrossen Vertretung zu übernehmen, ist eine Herausforderung.» Doch auch die politische Situation in seinem Gastland, machten die ersten Monate im neuen Amt durchaus aussergewöhnlich.
In Ihr erstes Amtsjahr fiel der Regierungswechsel von Viktor Orbán zu Péter Magyar. Wie haben Sie diesen erlebt?
Alexander Renggli: Der Wahlkampf von Péter Magyar war sehr eindrücklich und intensiv. Bemerkenswert war das enorme internationale Interesse. Für ein Land von der Grösse Ungarns war diese Aufmerksamkeit aussergewöhnlich. Die Wahl hatte eine Bedeutung, die weit über die Landesgrenzen hinausstrahlte.
Was ist Ihnen vom Wahltag besonders geblieben?
Die Mobilisierung. Die Wahlbeteiligung lag bei fast 80 Prozent, insbesondere auch junge Menschen haben sich stark beteiligt. Gleichzeitig verlief der Wahltag trotz der politischen Polarisierung sehr diszipliniert und friedlich. Die demokratischen Abläufe haben funktioniert.
Hat Sie das Resultat überrascht?
Vor allem die Klarheit. Kaum jemand unter den Beobachtern, mit denen ich gesprochen hatte, rechnete mit einem so deutlichen Ausgang.
Wie spürbar ist der Machtwechsel heute im Alltag von Budapest?
Man spürt klar, dass die Atmosphäre eine andere ist. Viele Menschen wirken erleichtert und optimistisch. Insbesondere in der Hauptstadt, wo eine deutliche Mehrheit für den Wechsel gestimmt hat. Gleichzeitig treffe ich auch Personen, die Fidesz unterstützt haben. Entscheidend ist: Das Wahlergebnis wird akzeptiert.
Was erwarten die Menschen von der neuen Regierung?
Die Erwartungen sind sehr hoch. Auch von Schweizer Unternehmen hier in Ungarn. Viele Firmen hoffen darauf, dass die Rahmenbedingungen verbessert und angekündigte Reformen umgesetzt werden. Themen sind etwa das Gesundheitssystem, die Förderung von KMU und Innovation sowie der öffentliche Verkehr.
Sie sprechen von Schweizer Unternehmen. Gibt es viele davon in Ungarn?
Ja. Rund 900 Schweizer Firmen sind hier präsent und beschäftigen etwa 33'000 Menschen. Gemäss Statistik der ungarischen Zentralbank ist die Schweiz das sechstgrösste Investorenland. Dazu gehören grosse Namen wie ABB, Givaudan, Holcim, Nestlé, Novartis, Roche oder Stadler Rail, aber auch viele kleinere Unternehmen.
Was machen diese Firmen in Ungarn?
Das ist sehr vielfältig. Stadler etwa produziert Wagenkästen. Andere Konzerne betreiben Shared Service Center. Roche beschäftigt in einem solchen Zentrum in Budapest rund 2500 Personen. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, administrative Tätigkeiten an einen günstigeren Standort auszulagern. Solche Zentren sind eng in Wertschöpfungs- und Innovationsprozesse eingebunden.
Spüren Sie seit dem Regierungswechsel wirtschaftlich eine neue Dynamik?
Wir stellen ein zunehmendes Interesse fest. Schweizer Firmen aus unterschiedlichen Branchen prüfen, welche Möglichkeiten sich in Ungarn ergeben. Gleichzeitig ist die Schweizer Regierung aktiv. Bis 2029 stehen für das Kooperationsprogramm mit Ungarn 87,6 Millionen Franken zur Verfügung.
Wofür wird dieses Geld eingesetzt?
Unter anderem für Berufsbildung, Forschung und Innovation, die Finanzierung von KMU, Wasser- und Abwassermanagement sowie die Bekämpfung von Menschenhandel.
Inwiefern hilft die Schweiz bei Letzterem?
Ungarn ist teilweise Herkunftsland, die Schweiz Zielland. Das betrifft Frauen, die in der Schweiz in der Sexarbeit tätig sind und Opfer von Menschenhandel werden können. Wir fördern Prävention und die Zusammenarbeit zwischen Behörden. Wichtig ist, dass sich Polizei- und Fachstellen kennen und im konkreten Fall wissen, wen sie kontaktieren können.
Mit welchen Zielen sind Sie nach Budapest gekommen?
Meine Aufgabe ist zunächst, die bereits sehr guten Beziehungen zwischen der Schweiz und Ungarn auf allen Ebenen zu pflegen und wenn möglich weiter zu vertiefen. Übergeordnet wünsche ich mir, dass die Schweiz hier als sympathische und vertrauenswürdige Partnerin wahrgenommen wird – und als innovatives Land, das zur Wettbewerbsfähigkeit und zum Wohlstand beitragen kann.
Am 15. September feiert die Schweizer Botschaft 80 Jahre Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen. Was bedeutet dieses Jubiläum?
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die bilateralen Beziehungen kurz unterbrochen, wurden aber bereits 1946 wieder aufgenommen. Das Jubiläum bietet die Gelegenheit, zurück- und nach vorne zu blicken. Unser Motto lautet «Connected in many ways». Das beschreibt die Beziehungen sehr gut: Sie reichen von Wirtschaft und Politik über Wissenschaft und Kultur bis zu persönlichen Verbindungen.
Eine davon führt zum Ungarn-Aufstand 1956.
Ja. Nach dessen Scheitern flüchteten über 12'000 Ungarinnen und Ungarn in die Schweiz. Diese Solidarität ist hier bis heute im Gedächtnis. Viele integrierten sich hervorragend, und man trifft heute weitere Generationen mit ungarischen Wurzeln in der Schweiz. Etwa 32'000 Ungarinnen und Ungarn sind dort zuhause. Umgekehrt leben derzeit rund 2300 Schweizerinnen und Schweizer in Ungarn.
Wie wird die Schweiz in Ungarn wahrgenommen?
Sehr positiv. Natürlich begegnet man zunächst den klassischen Bildern: Berge, Schokolade, Käse und Uhren. Bei meinen Besuchen an Schulen und Universitäten höre ich aber auch immer wieder das Wort Qualität. Bei älteren Generationen kommt die Erinnerung an die Schweizer Solidarität hinzu.
Wo sehen Sie noch Potenzial?
Die Schweiz dürfte als Innovations- und Technologiestandort noch stärker wahrgenommen werden. Dasselbe gilt für die Kultur. Deshalb organisieren wir im Jubiläumsjahr diverse Veranstaltungen, darunter ein schweizerisch-ungarisches Innovationsforum oder den gemeinsamen Gastlandauftritt der deutschsprachigen Länder am diesjährigen Internationalen Buchfestival in Budapest.
Was gefällt Ihnen an Budapest?
Es ist eine fantastische Stadt. Man begegnet der bewegten Geschichte Ungarns auf Schritt und Tritt – in der Architektur, in Denkmälern und im Stadtbild. Gleichzeitig ist Budapest international und weltoffen, mit einem breiten kulinarischen und kulturellen Angebot. Obwohl die Stadt touristisch erfolgreich ist, empfinde ich sie noch immer als angenehm und gut zugänglich. Ich hoffe, dass Budapest vom Overtourism verschont bleibt.
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