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Weiter leben: Trotzen wir dem Zufall

Der Amoklauf macht sprachlos. Und Angst. Doch wir sollten uns gegen die schlechten Gefühle wehren. Es gibt weder die absolute Sicherheit noch die absolute Unsicherheit.
Blumen vor der Pferderennbahn in Aarau. (Bild: Key)

Es ist die totale Zufälligkeit, die einen fassungslos zurücklässt. Die Opfer sind zufällig. Es gebe keinen direkten Bezug vom Täter zum Ort, zum Anlass oder zu einzelnen Menschen an diesem Anlass. Er war einfach da. Mit einer Waffe. Er schoss 40 Mal. Dass «nur» eine Person uns Leben kam, auch das: Zufall.

Unweigerlich schleicht sich die Erinnerung an das Drama von Kerzers in den Kopf. Im März übergoss sich ein Mann in einem Bus mit Benzin und tötete sich und fünf weitere Menschen. Auch hier: Der Täter hatte keinen Bezug zum Ort und den anderen Insassen. Wie der Schütze von Aarau hatte der Mann psychische Probleme. Grundsätzlich, so der Sprecher der Polizei an der Pressekonferenz vom Mittwoch, können solche Taten auch in Zukunft nicht verhindert werden.

Das macht ohnmächtig. Und vielleicht auch Angst.

Eltern haben in der Nacht Sorge um ihre Kinder im Ausgang. Im Bus schauen wir misstrauisch zu den einsteigenden Gästen. Vielleicht bleiben wir heute Abend doch mal lieber wieder daheim.

Alles verständlich. Und doch falsch.

Genauso wenig wie es absolute Sicherheit gibt, gibt es absolute Unsicherheit. Daran sollten wir uns halten. Und weiter Feste feiern, weiter den Jungen ihren Freiraum lassen, weiter unbesorgt im öffentlichen Verkehr fahren. Weiter leben.

Wir besiegen den Zufall nicht, indem wir jedes Risiko vermeiden. Wir geben ihm damit nur mehr Macht. Und viel zu viel Raum. Wir dürfen nach der Amoktat in Aarau traurig sein. Wütend auch. Und sogar ein bisschen Angst dürfen wir haben.

Das ist nur verständlich. Aber wir sollten all diese Gefühle nicht die Oberhand gewinnen lassen.

An der Trauerfeier für die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana sagte die junge Frau Aline Morisoli, die in der Brandnacht im Dorf war, in ihrer berührenden Rede: «Vielleicht sagt man euch das nicht oft genug oder sogar nie. Dann lasst es euch heute sagen: dass wir stolz auf euch sind. Bleibt stark, bleibt aufrecht! Und solange die Sonne scheint, geniesst jeden Augenblick, so zerbrechlich er auch sein mag.»

Für die nächsten Tage ist viel Sonnenschein angesagt.

 
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