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Paul Rechsteiner: Wo der Fussball der Politik weit voraus ist

Die Schweiz qualifiziert sich seit 2006 zuverlässig für die Fussball-Weltmeisterschaft. Italien hingegen tut sich überraschend schwer. Der Schlüssel für den Erfolg liege in der Integration von Jugendlichen aus Einwandererfamilien, schreibt unser Kolumnist Paul Rechsteiner.
Paul Rechsteiner, Tagblatt-Kolumnist und ehemaliger St.Galler SP-Ständerat. (Bild: Niklas Thalmann)

Vor kurzem scheiterte Italien in der Qualifikation zur Fussball-WM zum dritten Mal in Folge kläglich. Ausgerechnet Italien, der viermalige Fussball-Weltmeister. Eine der erfolgreichsten Fussball-Nationen in der Geschichte überhaupt.

Ganz anders die Schweiz. Jahrzehntelang in der zweiten Reihe, qualifizieren wir uns seit 2006 zuverlässig für die WM. Obwohl wir eine sechsmal kleinere Bevölkerung haben als Italien. Die Schweiz spielt weit über ihrer Gewichtsklasse. Athletisch, technisch, aber auch taktisch im kreativen Zusammenspiel hat das Team enorm zugelegt. Was sind die Gründe?

In der Schweiz wurde die Nachwuchsförderung seit den 1990er Jahren stark ausgebaut. In der ganzen Breite. Alle, die wollen und können, haben eine Chance – egal, woher sie kommen. Es ist diese langjährige, geduldige Aufbauarbeit, die zum Erfolg geführt hat.

Herausragend geht in St.Gallen der SC Brühl voran. Dutzende von Mannschaften stehen für die gelebte Integration von Jugendlichen. Der Klub ist dem aktiven Engagement gegen Diskriminierung verpflichtet. Mit dem Paul-Grüninger-Stadion kommt das auch symbolisch zum Ausdruck. Paul Grüninger gehörte als junger Mann zur Meistermannschaft des SC Brühl, wurde als Polizeihauptmann Präsident des Klubs, bevor er 1938/39 Hunderte, wenn nicht Tausende jüdische Flüchtlinge vor den Nazis rettete.

Ganz anders als in der Schweiz ist die Situation in Italien. Die italienische Gesellschaft tut sich schwer damit, Jugendliche aus Einwandererfamilien und wenig privilegierten Verhältnissen zu fördern. Im Gegenteil: Sie werden oft ausgegrenzt. Die Quittung dafür wird immer stärker sichtbar.

Die offensive Integration Jugendlicher quer durch die ganze Gesellschaft schlägt sich in der Schweiz nicht nur auf dem Rasen in Erfolgen nieder. Über alles gesehen funktioniert bei uns die gesellschaftliche und auch die wirtschaftliche Integration gut. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Berufsbildung. Sie eröffnet Perspektiven für viele.

Politisch sieht es allerdings anders aus. Mehr als ein Viertel unserer Wohnbevölkerung hat kein Bürgerrecht und ist politisch ausgeschlossen. Das passt nicht zu einer stolzen Demokratie.

Anders als der Sport ist das Schweizer Bürgerrecht engherzig. Es ist ein Bürgerrecht voller Hürden und Schikanen. Früher war das anders. Es gäbe keinen Schweizer Nobelpreisträger Albert Einstein, wäre er nicht nach fünf Jahren Schweizer Bürger geworden.

Mit der Demokratie-Initiative gibt es jetzt einen Vorschlag, das Bürgerrecht wieder auf die Höhe des Erfolgsmodells Schweiz zu bringen.

Arbër Bullakaj, vor vierzig Jahren im Kosovo geboren, kam mit acht Jahren in die Schweiz. Als junger Mann wurde er Schweizer Bürger. Seit einer Woche steht er als erster Ostschweizer Nationalrat aus der Migration dafür, dass Integration nicht nur im Fussball zum Erfolg führt, sondern auch in der Politik.  Als Präsident der Demokratie-Initiative setzt er sich dafür ein, dass die Menschen, die zur Schweizer Wohnbevölkerung zählen, vollwertig dazugehören. Was im Fussball Realität ist, muss auch politisch möglich werden.

P.S. Den Hinweis auf die Gründe für die italienische Fussball-Misere verdanke ich dem NZZ-Journalisten Michele Coviello

 
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