«Die werfen wir gleich weg»: So gehen Ostschweizer Brockis mit Billigkleidung um
«Ich arbeite seit sieben Jahren im Brocki. So viele Kleider wie heute haben wir noch nie bekommen», sagt Nicole Zeba, Bereichsleiterin bei der Blaukreuz-Brocki in Weinfelden. Einen Anstieg an Kleiderspenden spüren auch die Brocki Gais, die schweizweiten Brockis der Heilsarmee und die Winwin-Brocki der Tosam-Stiftung in Herisau. «Wir beobachten, dass die Leute häufiger ihren Kleiderschrank ausmisten als früher», sagt Morena Napoletano, Marketingleiterin der Heilsarmee-Brocki. Generell sei mehr Kleidung im Umlauf.
Mehr Kleider, schlechtere Qualität
Zugleich stellt Nicole Zeba von der Blaukreuz-Brocki in Weinfelden fest, dass die Qualität der Kleidung abgenommen hat. Dahinter vermutet sie die Branche der Billigkleidung. Die Blaukreuz-Brocki sortiert solche Stücke rigoros aus. «Kleider von Temu oder Shein werfen wir gleich weg», sagt Zeba. Die weiteren angefragten Brockis stellen das Phänomen ebenfalls fest, gehen jedoch anders damit um. Sie achten nicht in erster Linie auf die Marke, sondern auf den Zustand der Kleider. «Auch Fast-Fashion-Kleidung kann weiterverkauft werden, wenn sie neuwertig, sehr gut erhalten oder speziell ist», so Martina Montanus, Leiterin Kommunikation der Tosam-Stiftung.
Die Mitarbeiterinnen der Gaiser Brocki, Charlotte Saupe und Katharina Rüegg-Dörig, halten ihrerseits fest, bei vielen Kleidungsstücken seien die Etiketten unleserlich oder weggeschnitten. So können diese nicht mehr der Marke oder dem Laden zugeordnet werden.
Nicht nur die Menge an Kleidung habe sich geändert, sondern auch der Abnutzungsgrad, wenn sie abgegeben werden. «Vieles ist heute kaum getragen», sagt Morena Napoletano von der Heilsarmee-Brocki. Die Gründe finde man im heutigen Konsumverhalten: «Sehr günstige Preise, ständig wechselnde Kollektionen und die einfache Verfügbarkeit im Onlinehandel sind die grössten Faktoren», sagt Napoletano. Positiv sei immerhin, dass die Menschen der Kleidung ein zweites Leben schenken, indem sie diese ins Brocki bringen. Dennoch sagt Napoletano: «Langfristig wäre es aus Nachhaltigkeitssicht natürlich sinnvoller, bewusster einzukaufen und Kleidung möglichst lange zu nutzen.»
Stinkende Mode wird weitergegeben
Die vier angefragten Brockis nehmen rund zwei Drittel der gespendeten Ware in den Verkauf. Den Rest geben sie weiter oder entsorgen ihn fachgerecht. Verschmutzte, stark beschädigte oder übelriechende Stücke schaffen es gar nicht in den Laden. Die aussortierte Kleidung wird in die Altkleidersammlung gegeben.
Was macht denn eine gute Kleiderspende aus? Sauber und gewaschen sollen die Kleidungsstücke sein und an die Saison angepasst. Das sagen die Mitarbeiterinnen der Gaiser Brocki übereinstimmend. Wenn die Kleider in einer Tüte und gebügelt daherkommen, so freue es sie noch mehr. Kleider in Abfallsäcken zu erhalten finden die Mitarbeiterinnen nicht sehr ‹amächelig›.

Jung und Alt gehen ins Brocki
Ebenso wie die Kleiderspenden wächst auch die Nachfrage nach Secondhand-Kleidung. Die Gründe seien unterschiedlich. «Manche sehen den Reiz im Suchen von Markenware oder besonderen Einzelstücken. Andere kaufen Secondhand, weil es preiswert ist, und wieder andere aus Nachhaltigkeitsgründen», sagt Martina Montanus von der Tosam-Stiftung in Herisau.
Schon das Stöbern im Brocki sei ein Teil des Erlebnisses. «Man weiss nie genau, welches Schnäppchen man heute findet», so Montanus. Ein weiterer Grund sei das gestiegene Bedürfnis nach Individualität, so Morena Napoletano von der Heilsarmee-Brocki. «Menschen wollen ihren eigenen Stil kreieren und sich von der Masse abheben.»
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