Carla Maurer: Warum die besten Erinnerungen offline entstehen
Die schönsten Momente sind oft die ungeplanten. Sie werden von keinen Erwartungen sabotiert, die in Enttäuschung enden können. Wenn ich an unsere Traumreise nach Sri Lanka vor zehn Jahren zurückdenke, dann steht ein völlig ungeplanter Moment zuoberst. Wir waren in einem Hotel mitten in der Natur und lagen wie tote Fliegen am Pool. Die Hitze drückte. Die Affen mischten sich frech unter die Gäste.
Eines Morgens entscheiden wir uns, früh aufzustehen, um uns als Hobbyornithologen zu versuchen. Wir fanden bald eine menschenverlassene Lichtung. Durch das Vergrösserungsglas eröffnete sich uns ein atemberaubendes Federuniversum. «Overview effect» nennt man die lebensverändernde Perspektive, die viele Astronauten beim Blick auf die Erde aus dem Weltall erleben. Spätestens seit der erfolgreichen Mondumrundung der Artemis II kennt man den Begriff. Mein hobby-ornithologisches Erlebnis kam dieser Erfahrung nahe.
Spannend ist ja, dass es von diesem Abenteuer keine einzige Fotografie gibt. Zum einen hätten wir dafür ein Objektiv gebraucht, wie es Wildtierfotografen und Paparazzi benutzen. Zum anderen hatten wir weder eine Kamera noch ein Handy dabei. Meines schaltete ich bereits vor dem Abflug auf die dreiwöchige Reise aus und liess es in der Nachttischschublade in London zurück. Ohne Mobiltelefon reisen: mittlerweile kann ich mir das nur noch schlecht vorstellen. Nicht wegen meiner Erreichbarkeit, sondern weil man für die allermeisten Abläufe Zugriff auf Internet und Apps braucht.
Ich stecke zwischen den Welten fest. Typisch Xennial. So nennt sich die Mikrogeneration mit den Jahrgängen 1977-1985. Manche sagen, das sei reines Marketing. Ich sage: es gibt uns. Wir Xennials haben unsere Kindheit und frühe Jugend komplett analog erlebt, und uns dann im jungen Erwachsenenalter digitalisiert (so zumindest die Erwartung). Ich erinnere mich an die ersten Handys und PCs im Freundeskreis (da war ich schon an der Uni), an das minutenlange Einwählen ins Internet und die ersten Chat-Foren. Ich habe die Digitalisierung der Unibibliothek als Studentin mitverfolgt (damals noch ohne Liveticker). Zettelkasten um Zettelkasten verschwand. Mit 29 Jahren hat mir meine Schwiegermutter erklärt, was eine Smartphone-App ist.
Heute werden Kinder schon in der Primarschule mit einer altersgerechten Smartwatch ausgestattet, damit sie für die Eltern erreichbar sind und umgekehrt. Sie fragen in ihr Handgelenk rein, was es zum Znacht gibt. Manche Kinderschuhe enthalten sogar ein Fach im Absatz, wo sich ein Ortungschip einlegen lässt. Schauen Sie sich zu dem Thema mal die Episode «Arkangel» der Fernsehserie Black Mirror von 2019 an.
Ich leide unter der Abhängigkeit von meinem Smartphone und komme, wie es mit der Sucht so ist, doch nicht los davon. Nun aber gibt es Grund zur Hoffnung. Die Gen Z (Jahrgänge circa 1997-2012) hat nämlich auch genug davon. Sie wollen erleben, wie das war, in den 1990er Jahren jung zu sein. DVD statt Streaming-Service, traditionelle Kamera statt Handyschnappschuss, CD statt Spotify. Toll war’s! Treffen wir uns am Samstag um 16 Uhr am Treffpunkt Bahnhof? Wenn etwas dazwischenkommt, stehst du dir die Beine in den Boden und ich erzähle dir dann am Montag in der Schule, weshalb ich dich versetzt habe.
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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