«Es ist ans Herz gegangen»: Radio Ü65 bringt Pflegeheime auf Sendung
«Für mich soll's rote Rosen regnen.» Der Wunsch kommt aus der Bodenseeregion. Stefan Häseli drückt die Taste, die Musik erklingt. Mit Kopfhörer auf den Ohren und drei Mikrofonen vor sich, sitzt der Kommunikationsfachmann aus Gossau im Bistro des Wohn- und Pflegeheims Flawil (WPH). Vor ihm Laptop, Kabel und Mischpult, neben ihm Techniker Beat Drittenbass. Dieser hat das mobile Radiostudio aufgebaut, mit dem Häseli seit Mai durch Alters- und Pflegeinstitutionen im Kanton St. Gallen tourt. Gesendet wird während zweier Nachmittagsstunden – live übers Internet in die ganze Welt.
Doch Radio Ü65 ist mehr als ein Wunschkonzert, das jeden zweiten Montag in einer Senioreneinrichtung produziert wird. Es sorgt für Abwechslung im Heimalltag und holt zugleich ein Stück Aussenwelt ins Haus. «So wird die Produktion zu einem besonderen Gemeinschaftserlebnis», sagt Häseli. Ein Konzept, das schweizweit einzigartig sei.
Grüner Kaktus mitten im November
Statt roter Rosen gibt es für Häseli ein Stück Rüeblitorte aus der Heimküche. «Die habe ich jeweils von meiner Mutter zum Geburtstag bekommen», plaudert er ins Mikrofon. Einige lächeln, während andere mit verschränkten Armen reglos am Tisch sitzen. Über 60 Bewohnerinnen und Bewohner sind ins Bistro gekommen, um zwei Stunden lang Radio live zu erleben. «Das sind ausgesprochen viele», sagt Co-Heimleiterin Bernadette Schläpfer. Das Interesse sei generell gross: «Viele haben schon beim Einrichten des Studios zugeschaut.»

Zehn Senioreneinrichtungen beteiligen sich im Startjahr an Radio Ü65, darunter – neben Flawil – auch die «Liebenau» in Brunnadern, das «Solino» in Bütschwil und das Thurvita-Pflegeheim Sonnenhof in Wil. Gesendet wird jeweils von 14 bis 16 Uhr. Ob Stadt oder Land spiele kaum eine Rolle, sagt Häseli. Den Ton gebe die Musik an: «Werden Partylieder gewünscht, kommt Stimmung auf. Sind Chansons oder Balladen gefragt, geht es ruhiger zu.»
Der Musikwunsch, den Häseli eben von einer Bewohnerin des Alterszentrums Solino einspielt, ist eher Evergreen als Schunkelhit: «Ein kleiner grüner Kaktus» von den Comedian Harmonists. «Aufgenommen wurde der Song am 15. November 1934», weiss er. Das Datum passt zur Sendung, die sich ganz dem November verschrieben hat. Da wird für den Basar in Brunnadern geworben, gerätselt über den Zibelemärit und den Auftakt zur Narrenzeit – und darüber, was das lateinische «novem» mit dem Monat zu tun hat.
Nicht immer live, manchmal später
Keine Produktion gleicht der anderen. «Wir klären jeweils vorgängig ab, ob es Bewohnerinnen oder Bewohner gibt, die Episoden aus ihrem Leben erzählen oder andere kurze Beiträge leisten möchten», sagt Häseli. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Entscheidend sei, Erinnerungen aufzugreifen und gemeinsame Momente zu schaffen – für die Zuhörenden zu Hause und für jene, die im Heim vor Ort dabei sind.
Was weder Udo Jürgens noch Vicky Leandros und The Mamas and the Papas geschafft haben, gelingt gegen Ende der Sendung Patent Ochsner: Der Saal lässt sich vom Moderator anstecken, schwenkt die Arme. Und singt da tatsächlich jemand mit bei «Für immer uf di»? Häselis Handylicht leuchtet. Seine Augen auch.

«Der Nachmittag ist ans Herz gegangen», resümiert WPH-Bewohner Bruno Hofer. Der 92-jährige ehemalige Zahnarzt war über 50 Jahre lang Geiger im Flawiler Kammerorchester. Auch er hat sich ein Musikstück gewünscht: eine Ouvertüre von Bach. Zu hören bekommt er sie diesmal noch nicht, für die nächste Sendung ist sie aber vorgemerkt. Dann sind Häseli und Drittenbass im Pflegezentrum Blumenfeld in Altstätten zu Gast.
Monika Frei, ebenfalls Bewohnerin des WPH Flawil, muss sich nicht mehr gedulden. Viermal habe sie sich etwas gewünscht und alle Titel seien gespielt worden, sagt sie. Inzwischen hört sie das Programm regelmässig über ihr Tablet: «Nicht immer live, manchmal erst später, in einem ruhigen Moment.»
Radio ü65 will über Kantonsgrenze hinaus
Gut ein halbes Jahr nach dem Start erreicht Radio Ü65 rund 1000 Hörerinnen und Hörer. Finanziert wird das Angebot über Jahrestickets der beteiligten Institutionen. Diese kosten laut Häseli einen tiefen vierstelligen Betrag. Dafür erhalten die Häuser zwei Liveproduktionen und können pro Sendung Musikwünsche platzieren.
Hinzu kommt eine einmalige Anschubfinanzierung des Kantons St.Gallen, die nächstes Jahr ausläuft. «Wir müssen das über Stiftungen und Sponsoren kompensieren», sagt Häseli. Gleichzeitig eröffne der Wegfall der kantonalen Bindung neue Perspektiven: die Expansion in die umliegenden Regionen. Um die Reichweite zu erhöhen und vermehrt auch Menschen zu Hause zu erreichen, seien künftig auch kurze Werbeblöcke oder Kooperationen mit Lokalradios denkbar.
Radio zum 20-Jahr-Jubiläum
Bis Ende 2028 sei das Projekt gesichert, sagt Häseli. «Das kann ich aufgrund der Anmeldungen bereits heute sagen.» Auch das WPH Flawil ist wieder dabei: am 28. Dezember und am 12. April 2027, wenn das Heim sein 20-Jahr-Jubiläum feiert. Co-Heimleiterin Bernadette Schläpfer beobachtete einen Unterschied zu den internen Musiknachmittagen, bei denen nach kurzer Zeit geredet werde. Diesmal hätten die Bewohnerinnen und Bewohner konzentriert zugehört: «Es war eindrücklich, wie die Leute die Sendung einfach genossen haben.»
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