Carla Maurer: Wir brauchen parolenfreie Räume
In der Primarschule habe ich gelernt, dass die Schweiz 6 Millionen Einwohner hat. Ja, Einwohner. Damals waren damit beide biologischen Geschlechter konsequent mitgemeint. In der deutschen Grammatik gab es derweil drei Geschlechter. Dass es die Frau und das Mädchen heisst, aber der Mann und der Junge, fand ich damals schon blöd. Warum sind nur Mädchen genderneutral, und nicht alle Kinder? Irgendwann dann lernte ich, dass die Schweiz 7 Millionen Einwohner hat. Als wir an der 8-Millionen-Grenze kratzten, waren es immerhin Einwohner und Einwohnerinnen. Kurz darauf bin ich ausgewandert und habe mich während fast zweier Dekaden wenig mit dem Bevölkerungswachstum meines Heimatlandes befasst. Es ging in meinem Leben mehr um royale Dramen, U-Bahn-Streiks und den Brexit. Fast forward, und wir sind bei 9,1 Millionen Einwohner:innen angekommen und wollen bei 10 Millionen kappen, komme was wolle.
Mein Vater erklärte mir jeden Sonntag unsere neun Planeten. Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto. Diesen Satz habe ich in der Schule gelernt, um mir die neun Planeten des Sonnensystems zu merken. Jetzt sind es derer nur noch acht. Ich lasse einfach das letzte Wort weg. Es gäbe sicher eine elegantere Lösung. Wussten Sie übrigens, dass schwarze Löcher nach neuesten Erkenntnissen gar nicht alles um sich herum verschlucken, sondern Materie in eine Umlaufbahn ziehen können, aus der dann neue Himmelskörper und Sonnensysteme entstehen können? Auch das eine relativ neue Erkenntnis. Ebenso habe ich in meiner Kindheit gelernt, dass man Danke und Bitte sagt, die Schuhe vom Sitz nimmt, älteren Menschen den Sitz anbietet, und wann man siezt und duzt. Das Busbillet hat 50 Rappen gekostet. Der Anruf zur Tante nach Luzern wurde zum interkantonalen Tarif verrechnet und musste deshalb kurzgehalten werden. Den glorreichen FCSG haben wir im Espenmoos bejubelt.
Jetzt käme der Moment im Spannungsbogen dieser Kolumne, wo ich mich elegant auf den Einstiegssatz beziehen und Ihnen meine persönliche Abstimmungsempfehlung abgeben könnte. Die Kanzel und die Zeitungskolumne liessen sich für politische Parolen auch wirklich gut nutzen. Angesichts der schnell voranschreitenden Polarisierung unserer Gesellschaft, beeinflusst von #Hashtags und Algorithmen, sind aber parolenfreie Räume dringend notwendig. Das ist mir als Pfarrerin ein grosses Anliegen. In den Kirchen treffen Menschen von rechts bis links aufeinander. Man kann nicht in seiner Bubble verschwinden, sondern muss sich mit politisch Andersdenkenden auseinandersetzen, einander aushalten und Werte verhandeln. Das ist manchmal unglaublich anstrengend.
Parolenfrei heisst nicht wertefrei. Heisst auch nicht unpolitisch. Was ich als Pfarrerin sage, ist immer auch politisch, hat also Relevanz für unser Zusammenleben. Ich traue der Gemeinde zu, die biblische Kernbotschaft und die Regeln unseres Zusammenlebens ins Gespräch zu bringen und zu einem ethisch verantwortungsvollen Schluss zu kommen. Das ist vielleicht ein hoher Anspruch, aber wenn wir einander nicht zutrauen, kritisch zu denken, dann können wir einpacken. Überhaupt müssen wir einander wieder mehr zutrauen. Vielleicht können wir so den Algorithmen ein Schnippchen schlagen.
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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