Carla Maurer: «Die Frage sollte sein – Bist Du glücklich oder nicht?»
Das neue Jahr begrüsst mich mit einer Yogi-Teebeutel-Weisheit, Sorte Ingwer Zitrone: «Die Frage sollte sein – Bist Du glücklich oder nicht?» Ich lasse den Tee sieben Minuten ziehen, befördere den tropfenden Beutel von der Tasse direkt in den Mülleimer und setze mich aufs Sofa mit Sicht auf die fast schneefreien Bündner Berge. So fühlt sich Zufriedenheit an.
Zeitgleich entfaltet sich in meiner News-App im Minutentakt das Grauen von Crans-Montana. Ein kleiner Neujahrszwischenfall in einer vollen Bar, denke ich zuerst, und schlürfe betroffen an meinem Tee. Bis sich mir mit zunehmendem Informationsstand der Horror nach und nach erschliesst. Ich muss Ihnen das nicht erzählen. Sie waren bestimmt auch am Live-Ticker.
Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Gedanken geordnet habe und mir die Schicksale der Familien der Toten und der ums Leben Kämpfenden, der Schwer- und Leichtverletzten, der unversehrt Überlebenden und gerade noch Davongekommenen vor Augen führen kann. Innert Sekunden ist nichts mehr, wie es einmal war, alle Pläne, das Vertrauen ins Leben zerschlagen. Ich denke an die Erstversorger und Rettungskräfte, an das medizinische Personal und die Berichterstattenden, an deren kräftezehrenden, traumatischen Aufgaben, die völlig unerwartet in ihr Leben platzten.
Im ersten Moment hat mich die Yogi-Teebeutel-Frage genervt. Warum soll gerade die Frage nach dem eigenen Glück die Frage aller Fragen sein? Und doch spricht sie mich in diesem Moment an. Ich muss nicht lange überlegen. Ja, ich bin glücklich. Sehr sogar. Nur ist das mit dem Glück so eine Sache. Manchmal versteckt es sich kaum wahrnehmbar, wie eine flauschige Wolke tief im Innern. Der allzu hektische Alltag, Reizüberflutung, Konflikte oder Müdigkeit können sich wie ein Schleier darüberlegen. Oder ich habe PMS. Die monatlichen hormonellen Schwankungen stehen mit der Glückswolke auf Kriegsfuss. Ich hinterfrage alles: meine Entscheidungen, mein Leben, mich selbst. Trotzdem schwingt es immer mit, das Glück, breitet sich in episodischen Abständen für kurze oder lange Momente im ganzen Körper aus.
Wieder zuhause in Adliswil. In meinem Briefkasten wartet die Zeitschrift Reformiert auf mich. Mit rund 550‘000 Druckexemplaren ist das monatliche Kirchenblatt die auflagenstärkste Publikation der Schweiz. Cool, oder? Darauf sind wir Reformierten stolz. Das Dossier beschäftigt sich mit dem Thema Selbstoptimierung und Glück.
Der britische Theologe und anglikanische Bischof Graham Tomlin gibt ein Interview mit dem Titel «Sich selbst zu sein macht unglücklich». Das exzessive Streben nach Selbstoptimierung und dem eigenen Kern-Ich kann uns den Weg zum Glück verstellen. Selbstreflexion ist zwar notwendig und richtig, soll sich aber nicht hauptsächlich an der eigenen Person, sondern an der Umwelt ausrichten und stets die Unverfügbarkeit des Lebens im Blick behalten. «Wir sind viel komplexer, als wir denken», sagt Tomlin. «Es gibt kein inneres Selbst, das entdeckt und ausgelebt werden will. Wir alle sind innerlich widersprüchlich.»
Vielleicht liegt das Glück gerade darin, diesen Widerspruch anzunehmen und sich mit der suboptimalen Version des eigenen Ichs anzufreunden. Dann findet es uns vielleicht auch an den dunkelsten und unwahrscheinlichsten Orten. Viel Glück!
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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