Albert Tanner war ein grundsätzlich fröhlicher Mensch
«Du fehlst», schreiben seine Frau und die zwei Töchter in der Todesanzeige. «Deine Liebe und Freundschaft, Deine lebhafte Präsenz, Dein Lachen und Deinen Witz werden wir sehr vermissen.» Lebhafte Präsenz, Lachen, Witz: Sie beschreiben den Menschen gut, der am 14.März 1950 in der Buebenrüti oberhalb von Teufen in einfachen Verhältnissen geboren wurde. Max Baumann, der Albert Tanner an der Universität Zürich kennengelernt und ihn auch während der Krankheit, die zu seinem Tod führte, immer wieder besucht hat, fügt noch hinzu: «Albert hatte eine starke Ausstrahlung und war blitzgescheit. Und er war ein grundsätzlich fröhlicher Mensch.»
Obschon er mit dem Studium in Zürich und später mit der Arbeit in Bern zu seiner Heimat geografisch auf Distanz ging, hat sie ihn immer wieder beschäftigt. Angefangen mit Forschungen über die Industrialisierung in Appenzell Ausserrhoden, und endend 2016 mit «Appenzeller Welten», einem in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Mäddel Fuchs entstandenen Buch, in dem 41 bemerkenswerte Männer und Frauen porträtiert werden. Hier wird das Appenzellerland als ein Ort erfahrbar, an dem erstaunlich viel Eigenwilliges sich hat entfalten können. Wofür Albert Tanner auch eine Erklärung hatte: «In der Appenzeller Einzelhofwirtschaft ist jeder sein eigener Chef, auch wenn es nur ein kleiner Chef ist.»
Um dies erkennen zu können, durfte man nicht mehr von oben auf die Gesellschaft schauen, von einer führenden Schicht her, sondern man musste es von unten tun. Man durfte nicht mehr nur die politischen Vorgänge im Auge haben, sondern musste sich der Wirtschaft und dem sozialen Zuständen widmen, mit neuen Methoden und unter Verwendung bisher ungenutzter Quellen. Man musste, wie Max Baumann sagt, «die Blickrichtung ändern, und sich den kleinen Leuten zuwenden». Genau hier liegt Albert Tanners Leistung. «Als anfangs der 1970er Jahre die moderne Sozialgeschichte auch am Historischen Seminar der Universität Zürich Einzug hielt, gehörte Albert Tanner zu den innovativen Pionieren der Erforschung der Heimindustrie», sagt Jakob Tanner, emeritierter Professor an der Universität Zürich. «Seine Dissertation zeichnet unter dem klingenden Titel <Das Schiffchen fliegt – die Maschine rauscht> den glanzvollen Aufstieg und quälenden Niedergang der Ostschweizer Textilindustrie seit dem 18. Jahrhundert nach.»
Die Geschichte der Industrialisierung, der gewerkschaftlichen Organisation und der Arbeitskämpfe hätten ihn auch später immer wieder beschäftigt, ebenso wie die Entwicklung des Bürger- und Unternehmertums in der Schweiz, fährt Jakob Tanner fort. Darüber hinaus habe er sich mit der Formierung des schweizerischen Bundesstaates und mit der politischen Kultur des Landes befasst. Schliesslich: «Schon als Assistent des Sozialhistorikers Rudolf Braun war er an der Reorganisation des Geschichtsstudiums und an der Vermittlung historischen Wissens interessiert.» Und als Professor an der Pädagogischen Hochschule Bern habe er sich beruflich für eine qualitativ hochwertige Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer engagiert, und für einen sorgfältigen Umgang mit der Sprache.
An all diesen Stationen – an der Universität Zürich, an der Universität Bern, an der Pädagogischen Hochschule Bern - hat er sich nicht nur durch enormen Fleiss und eine überlegene Intelligenz ausgezeichnet, sondern auch durch Freundlichkeit, Zugänglichkeit, Motivationsgabe – so sagen es jene Wegbegleiter, die sich in einem 2010 gedrehten Film zu Albert Tanners 60.Geburtstag äussern. So haben es auch die von ihm ebenso geforderten wie geförderten Berner Studierenden empfunden, als sie den damaligen Oberassistenten Albert Tanner als Nachfolger von Beatrix Mesmer für einen Lehrstuhl portiert haben. Allerdings vergeblich: Eine Frau durch einen Mann zu ersetzen, das erschien angesichts des geringen Frauenanteils nicht opportun.
Seine menschliche Ausstrahlung wird jene begleiten, die Albert Tanner begegnet sind. Und wer die Schweiz von heute verstehen will, sollte «Arbeitsame Patrioten – wohlanständige Damen» zur Hand nehmen, seine breit angelegte Studie über «Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz 1830-1914». Sie erklärt, warum sich das Bürgertum in der Schweiz so leicht und uneingeschränkt durchzusetzen vermochte wie nirgendwo sonst in Europa – und warum es bis heute eine prägende Kraft ist.
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