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«Im Land meiner Träume»

Ein Leben voller Zwischentöne

Nach Schicksalsschlägen bringt die 81-jährige Alice Lenherr ihr Musikalbum nun doch noch an die Öffentlichkeit.
Alice Lenherr in Gams
In ihrem Musikzimmer lässt Alice Lenherr ihrer Kreativität freien Lauf. Ihr jüngstes Album: «Im Land meiner Träume». (Bild: Daniel Schwendener)

Wenn sie von der Musik spricht, strahlen ihre Augen wie funkelnde Sterne. Auch wenn die Melodien, die sie komponiert, und die Texte, die sie schreibt, überdies von Schicksalsschlägen geprägt sind. Einer der gröss­ten war der Tod ihres Mannes. «Es war der 29. April», erinnert sie sich mit Tränen in den Augen. «Er sackte zusammen – und erwachte nie mehr.» Es war jener Tag, an welchem sie abends die Taufe ihrer CD «Im Land meiner Träume» gefeiert hätte. Stattdessen wurde dieser Tag zu ihrem Albtraum. 

Ein «Vergelts Gott» für Liechtenstein-Lied
Die geborene Grabserin lebt heute in einem ehemaligen Bauernhaus in Gams, zusammen mit ihrem Kater Angel. Der Name passt zu dem Langhaarkater – schliesslich hatte das Tier einen grossen Schutzengel. Einst lebte er in einer ukrainischen Familie. Als diese die Schweiz wieder verlassen musste, hätte der Kater entweder in einem Heim platziert oder eingeschläfert werden müssen. Wäre nicht Alice Lenherr gewesen, die das Tier mit viel Liebe aufgenommen hat. 

Angel sitzt in Alice Lenherrs Musikzimmer, während diese an der elektrischen Orgel musiziert. Per Knopfdruck lässt sie Melodien erklingen, die sie einst selbst eingespielt hat. Sie summt fröhlich mit und begleitet den Klang mit der einen oder anderen Textzeile. Vor Jahren schrieb sie ein «Liechtenstein-Lied». Ein Lied, in dem der Schweizer Mutschen die Liechtensteiner Drei Schwes­tern grüsst, der Rhein ganz still und sanft dahinfliesst und sich die Musikerin fragt: Wo kann es nur so schön sein? Die Melodie und der Text gefielen ihrer Zwillingsschwester Anni so gut, dass sie das Lied der damaligen Fürstin Gina zukommen liess. Diese freute sich so sehr darüber, dass sie ein Dankeschön mit einem «Vergelts Gott» retournierte. 

«Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling»
Musik spielte im Leben der 81-Jährigen schon immer eine grosse Rolle. Sie zeigt ein Bild in Schwarz-Weiss und tippt mit dem Finger auf einen Mann, der inmitten einer Musikgruppe am Schlagzeug sitzt. «Mein Vater», sagt Alice Lenherr lächelnd. «Roxy» nannte sich die Band damals. Sie zeigt ein weiteres Foto: «Hier musizierte mein Vater mit den Werdenberger Buben.» Im Hause Lippuner – wie sie ledig hiess – war musikalisch einiges los: Ihr Vater war Schlagzeuger, ihre Mutter spielte Gitarre. Und so gehörte die Musik von klein auf zur grossen Leidenschaft der heute 81-Jährigen. Sie spielte Flöte, Gitarre, Klavier. Und liebte es, gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester zu singen. Gemeinsam traten sie an Musikveranstaltungen auf und sangen damalige Hits wie «Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling.» Bei einem Wettbe­werb in Kreuzlingen belegten die Zwillinge Platz zwei. Und Alice Lenherr weiss auch noch ganz genau mit welchem Song: «Die Liebe ist ein seltsames Spiel» von Connie Francis. Noch heute hört sich Alice Lenherr gerne die Lieder der US-amerikanischen Schlagersängerin an – und schwelgt dabei in Erinnerungen. 

Beispielsweise Erinnerungen an den Musikclown Eugenio. «Er sah mich und meine Zwillingsschwester an einem Auftritt und lud uns auf seine Amerika-Tournee ein», erzählt die 81-Jährige. Ihr Vater hätte Ja gesagt, die Mutter Nein – «wir waren erst 17 Jahre alt», sagt sie schulterzuckend und lächelt. «Heute verstehe ich, dass unsere Mutter uns noch so junge Mädchen nicht in die grosse weite Welt hinausziehen liess.» Dennoch ist es Alice Lenherr gelungen, sich über Jahrzehnte hinweg als Komponistin und Texterin einen Namen zu machen. Ein wesentlicher Teil ihres künstlerischen Schaffens entstand für ihre Tochter Marion, für die sie eine beachtliche Anzahl an Alben komponierte. Sie fanden grossen Anklang beim Publikum. Dadurch konnte sich Alice Lenherr erfolgreich auf den Musikmärkten der Schweiz, Deutschlands und Österreichs etablieren. Darüber hinaus schrieb sie Songs für namhafte Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz und in Deutschland, darunter Diana und Andrea Wirth – ein weiterer Beleg für ihre Vielseitigkeit und Bedeutung als Musikerin. Weiters unterrichtete Alice Lenherr Kinder an der Musikschule. 

Für viele Schülerinnen und Schüler war sie mehr als eine Musiklehrerin – nämlich eine Vollblutmusikerin, die jedem Kind mit Respekt entgegentrat und so vertrauensvolle Bindungen schuf. 

«Möchte Erinnerung für Kinder hinterlassen»
«Im Land meiner Träume» heisst ihr aktuelles Album. Zwar hat sie die Melodien schon vor vier Jahren geschrieben und daraus in Zusammenarbeit mit Keckeis Music Production eine CD gemacht. Nach dem Tod ihres Mannes nahm sie diese aber nicht mehr in die Hand. Zu stark war die Verbindung zwischen der geplanten CD-Taufe und dem Todestag ihres Mannes Hans. Nachdem sie aber gerade auch von Musikerinnen und Musikern mehrfach motiviert wur­de, doch etwas Werbung für die CD und so die Leute darauf aufmerksam zu machen, fasste sie vor drei Monaten den Mut dazu. In Zusammenarbeit mit der Promokativ Musikpromo­tion machte sie schliesslich Nägel mit Köpfen. Und heute hält sie die CD stolz in den Händen: «Ich wollte damit vor allem für meine drei Kinder eine Erinnerung hinterlassen.»

Geschichten ohne Worte, aber sehr emotional erzählt
Entstanden ist ein sehr tiefgrün­diges, atmosphärisches und berührendes Werk. Da es sich um ein rein instrumentales Album handelt, tragen die Melodien die gesamte emotionale Last und Schönheit der Geschich­ten, die sie ohne Worte erzählt. Von ihren Schicksalsschlägen, die nach dem Tod ihres Mannes nicht abrissen. In jenem Jahr – es war 2022 – verlor sie insgesamt sechs geliebte Menschen, darunter auch eine ihrer Schwestern. Die Melodien balan­cie­ren zwischen Wehmut und Hoffnung und geben ein Wohlgefühl, so wie es auch die 81-Jährige mit ihrer Herzlichkeit anderen Menschen gegenüber tut. Optimismus strahlt sie aus, stets dankbar auch viel Schönes in ihrem Leben gehabt zu haben – und noch immer geniessen zu dürfen. So zum Beispiel ihren grossen, blühenden Garten, in dem sie gerne sitzt. Oder ihre Jass-Freunde, mit denen sie sich regelmässig zum Spielen trifft. Ihre Kinder, ihre zwei Enkeltöchter und nicht zuletzt Angel, den sie tierisch verwöhnt. Besonders gerne erinnert sie sich an den Grand Prix der Volksmusik, bei dem sie zweimal mit Markus Rüegg für die Schweiz angetreten ist. Einmal mit dem Song «Ein kleines Souvenir», das zweite Mal mit «Ich mag es, wenn du lachst». Alice Lenherr hält kurz inne. Als würde sie die Auftritte vor ihrem inneren Auge gerade noch einmal erleben. 

«Im Land meiner Träume» ist ein Album voller Melodien, die mal zart schweben, warm und erdverbunden sind. Die Musik drängt sich dem Zuhörer nicht auf. Sie lädt vielmehr dazu ein, die Augen zu schliessen und der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. «Ich habe noch viel mehr schöne Titel», sagt Alice Lenherr. «Ich hoffe, dass sie alle irgendwann gehört werden und Freude verbreiten.»

Hinweis:
Eine Hörprobe ist unter dem Profil von Alice Lenherr auf mx3 https://mx3.ch/alicelenherr abrufbar, die CD kann zudem unter https://alicelenherr.bandcamp.com/album/im-land-meiner-traume bestellt werden.

 
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