Greifen die USA den Iran an? Experte schätzt Kriegsgefahr ein
Herr Vögeli, seit Anfang Jahr hat US-Präsident Donald Trump immer wieder gedroht, im Iran zu intervenieren. Passiert ist bisher nie etwas. Greifen die USA dieses Mal an?
Vor dem Iran ist alles mobilisiert. Eine riesige Armada an Schiffen, U-Booten, zwei Flugzeugträger und mehrere hundert Kampfflugzeuge warten. Die USA haben die Schlagringe angezogen. Es wirkt so, als wollten die Amerikaner ihre Mittel nun auch einsetzen. Man darf aber nie vergessen: Noch laufen die Verhandlungen über Teherans Atomprogramm, das Washington einschränken möchte. Trump ist ein Dealmaker. Und für den weiteren Verlauf der Ereignisse können viele Motive und Faktoren eine Rolle spielen.
Zum Beispiel?
Im indischen Ozean liegt die strategisch wichtige Inselgruppe Diego Garcia, die zum Vereinigten Königreich gehört. Die USA nutzen sie als Stützpunkt. Doch der britische Premier Keir Starmer möchte Diego Garcia nun an Mauritius zurückgeben. Manche Analysten gehen davon aus, dass das jetzige Militäraufgebot und eine mögliche Eskalation dieses Vorhaben erschweren. Gleichzeitig gibt es Gerüchte, dass Trump nicht wie geplant zu den Olympischen Spielen reist. Auch das hat möglicherweise mit der Situation im Iran zu tun.
Zur Person
Urs Vögeli ist Direktor beim «Swiss Institute for Global Affairs». Das Thinktank erforscht sicherheits- und geopolitische Fragen. Der 41-Jährige hat einen Doktor in Politikwissenschaften der Universität Zürich und führt ein Unternehmen, das Regierungen und Unternehmen in politstrategischen Fragen berät. Zudem dient Vögeli als Milizoffizier in der Armee. Er hat ein halbes Jahr bei der Schweizer Friedenstruppe «KFOR» im Kosovo gearbeitet.
Was bitte haben die Olympischen Spiele mit einem möglichen Konflikt zwischen den USA und dem Iran zu tun?
Trump fährt eine Agenda, bewusst oder unbewusst, vielleicht auch durch Berater gesteuert. Die Erfahrung zeigt, dass diese Agenda eine Dramaturgie und klare Höhepunkte kennt. Die Trump-Administration versucht bewusst zu beeinflussen, über welches Thema die Weltöffentlichkeit während jeweils ein oder zwei Wochen spricht.
Derzeit soll Donald Trump die Vor- und Nachteile eines Angriffs abwägen. Was dürfte im Zentrum seiner Überlegungen stehen?
Kosten und Nutzen. Donald Trump denkt transaktional, ausschlaggebend für ihn sind Deals. Am liebsten wäre ihm wohl ein Verhandlungserfolg beim iranischen Atomprogramm. Lässt sich dieser nicht realisieren, steigen die Chancen für einen Angriff. Ein solcher würde kurzfristig das iranische Regime schwächen und allenfalls Proteste im Land befeuern. Auch die Achse Iran-Russland-China nähme Schaden. Aber bereits mittelfristig wüchse der Widerstand der sogenannten BRICS-Staaten (Bündnis von Schwellenländern u. a. Brasilien, Russland, Iran, China und Südafrika) gegen die USA und den Westen. Die Frage ist, ob Trump sich diese Überlegungen macht.
Wie könnte ein Angriff nach einer gescheiterten Einigung aussehen?
Ein Schuss vor den Bug mit einer beschränkten Zahl an Luftschlägen scheint am wahrscheinlichsten. Also ein Angriff in der Dimension von vergangenem Jahr. Damals bombardierten die USA die iranischen Atomanlagen. Ein Krieg ohne Hemmungen ist weder im Interesse der USA, noch des Irans, der einer militärischen Grossmacht gegenüberstünde. Für Trump ist das politische Risiko gross, etwa mit Blick auf die Midterms. Darum ist auch ein militärischer Regimesturz unwahrscheinlicher. Ein solcher erforderte einen gross angelegten Angriff und brächte zu viele Unwägbarkeiten mit sich.
Könnten die USA mit Ayatollah Ali Chamenei den obersten iranischen Politiker entführen, so wie sie es mit Venezuelas Präsident Nicolas Maduro gemacht haben?
Die Situation im Iran ist nicht mit jener in Venezuela vergleichbar. Nicolas Maduro war angreifbarer, weil sich die venezolanische Regierung primär um seine Person drehte. Der Iran ist ein viel grösseres Land, alleine das macht eine Entführungsoperation schwieriger. Ausserdem wäre die Entfernung von Ali Chamenei nicht mit dem Ende des Mullah-Regimes gleichbedeutend. Es ist davon auszugehen, dass eine andere Figur an seine Stelle treten würde.
Welche Reaktionsmöglichkeiten hat der Iran nach einem US-Angriff?
In der Nachbarschaft befinden sich viele US-Basen. Der Iran könnte diese beschiessen oder versuchen, ein Schiff aus der US-Flotte zu versenken. Auch den vom Iran unterstützten Huthi-Milizen könnten wieder eine wichtigere Rolle einnehmen, indem sie Frachtschiffe angreifen. Eine weitere – von wohlgemerkt vielen – Möglichkeit ist die Sperrung der Strasse von Hormus. Sie ist ein wichtiger Wasserweg für den globalen Ölmarkt.
Man liest, dass eine solche Sperre den Ölpreis in die Höhe treiben könnte. Das müsste Vladimir Putin in die Hände spielen, der den Krieg gegen die Ukraine vor allem über Ölverkäufe finanziert.
Ja, zum Beispiel. Aber bedenken Sie: Auch Trump könnte sein venezolanisches Öl zu höheren Preisen auf den Markt bringen. Ich sage darum nochmals: Enorm viele Faktoren spielen eine Rolle. Vorhersagen sind schwierig. Wir müssen uns darauf vorbereiten, eine weniger vorhersagbare und verlässliche Welt zu handhaben. Auch in der Schweiz.
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