«Ihr seid alle Stars»: Trumps bizarre Friedens-Show
Keine Schlangen vor dem Kongresssaal, kein Gedränge drinnen. Was für ein Unterschied zum Vortag, zum ersten Auftritt von Donald Trump am WEF, als es schon eine Stunde vor seiner Rede zu tumultartigen Szenen kam, weil die Plätze knapp waren.
Diesmal wird erst kurzfristig informiert, dass der US-Präsident um 10.30 Uhr auftreten wird. Viele Besucher bekommen das gar nicht mit, und so gibt es gar einzelne freie Plätze im Saal.
Ob es Dramaturgie oder Nonchalance ist, dass Trump die Zuhörer 41 Minuten warten lässt? Als er um 11.11 Uhr die Bühne betritt, steht seine grosse Entourage vorn auf und applaudiert. Weil man dahinter nichts mehr sieht, stehen auch die meisten anderen Besucher auf, aber längst nicht alle applaudieren.
Ein grosser Tag sei es, beginnt Trump, der diesmal frei spricht - aber wie immer lang. Sein eigentlich als «Opening Remarks» angekündigter Beitrag zur Show dauert an die 25 Minuten. Auf dem Rednerpult prangt nicht mehr das WEF-Logo, sondern das Zeichen des US-Präsidenten. Hat er jetzt das Forum komplett übernommen? Die WEF-Organisatoren sprechen lieber von einer «Veranstaltung der USA».
Ein noch grösseres Logo strahlt vom Grossbildschirm: jenes des Friedensrates. Es zeigt den Ausschnitt einer Weltkarte, in deren Mitte die USA.
Was folgt, ist eine erratische Tour d’Horizon. Trump erzählt noch einmal von seinem grossartigen Sieg bei der Wahl 2024 und wiederholt die Lüge vom Wahlbetrug 2020. Er erinnert daran, dass er jetzt genau ein Jahr im Amt ist und mehr erreicht habe als jeder vor ihm. Die Welt sei friedlicher als vor einem Jahr, dank ihm natürlich. Mehrere Kriege habe er beenden können, konkret acht Kriege, sagt er. Andere Kriege gingen weiter.
Trump preist sich für die Beendigung des Gaza-Krieges, auch wenn dort immer wieder «kleine Feuer aufflackerten», wie er einräumt, aber der Prozess sei auf gutem Weg. Wenn die Hamas die Waffen nicht abgebe, würde dies «das Ende der Hamas» bedeuten.
Dann mäandert er weiter zum Iran. Die Mullahs wollten mit ihm reden. Er springt weiter zur Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien, die unschädlich gemacht worden sei. Und er wiederholt, was er am Vortag zu seinem «Krieg gegen die Drogenkartelle» an der US-Südgrenze sagte. Zugleich seien die Beziehungen zu Venezuela gut, und die US-Ölkonzerne könnten dort nun Öl fördern.
Erst dann kommt der US-Präsident auf das eigentliche Thema zu sprechen: den von ihm geschaffenen Friedensrat. «Eine der wichtigsten Organisationen überhaupt», sagt er. Jedes Land wolle hier dabei sein. Bald zeigt sich dann: Es sind bislang nur eine überschaubare Anzahl Staaten.
Was der Friedensrat genau sein soll, führt Trump nicht gross aus. Es wird gemutmasst, dass es eine Art Gegenprojekt zur UNO wird. Das Ziel sei, Frieden zu schaffen. Das finden sicher alle gut – nur wie? Trump versucht auf die ihm eigene Art, die WEF-Teilnehmer in die Pflicht zu nehmen. «Ihr alle könnt einen Beitrag zum Frieden leisten, alle. Denn ihr seid alle Stars. Ihr seid Stars, alle. Sonst wärt ihr nicht hier.» Eine Show von und mit Donald Trump.
Und einige Staatschefs spielen mit. Die Vertreter der Erstunterzeichnerstaaten sitzen während Trumps Ansprache als Statisten auf der Bühne. Danach dürfen sie zu ihm treten. Stets zwei nehmen gleichzeitig neben ihm Platz. Sie unterschreiben, posieren kurz, dann sind die nächsten zwei dran.
Unterzeichnet haben Argentinien (Javier Milei war persönlich da), Armenien, Ägypten, Bahrain, Jordanien, Katar, Marokko, Paraguay, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Aus Europa sind Bulgarien, Kosovo und Ungarn (mit Viktor Orban) dabei.
Wichtige europäische Verbündete fehlen jedoch: Deutschland, Frankreich und Grossbritannien etwa. Die Schweiz prüft eine Beteiligung an dem Gremium derzeit noch, dessen Eintrittsgebühr 1 Milliarde Dollar kostet.
Huldigungen für den Präsidenten
Die Show geht nun weiter mit Lobhuldigungen auf Donald Trump durch seine wichtigsten Untergebenen. Aussenminister Marco Rubio würdigt die «unglaubliche Leistung», die Trump für den Frieden erbracht habe. Er sei ein «President of Action», er rede nicht nur, sondern handle auch. Trump habe eine Vision für die Zukunft von Gaza, und er werde zeigen, dass man etwas tun könne. Als Vorbild auch für andere Konflikte auf der Welt. Man könne sie lösen.
Als hätte Rubio den US-Präsidenten nicht ausführlich genug gepriesen, treten danach der Sondergesandte Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ans Rednerpult. «Es ist wunderbar, für die Regierung Trump zu arbeiten», sagt Witkoff, der gar gegen Tränen ankämpfen muss. Kushner spricht von einem «Traum», mit diesem Team zu arbeiten, das im Nahen Osten so viel erreicht habe, «mehr als alle geglaubt hatten».
Dann lässt Kushner Fotos einblenden. So solle es im wieder aufgebauten Gazastreifen aussehen. Man sieht supermoderne Hochhäuser und Küstenabschnitte, Tourismus an der Küste, Glasfassaden, eine Zukunft wie aus einem Werbefilm.
Eines muss man den Amerikanern lassen: Im Gaza-Krieg haben sie etwas erreicht, sie haben eine Vision – und sie wissen es, diese zu verkaufen. Der Krieg in der Ukraine hingegen wird in der ganzen Show um den Friedensrat nur ganz am Rande erwähnt. Trump hatte vor Amtsantritt versprochen, ihn in 24 Stunden zu beenden.
Das blendet er aus, wie so vieles andere auch. Eines aber vergisst er nicht: Dem WEF zu gratulieren. Es sei «bigger and better than ever», grösser und besser als je zuvor, sagt er. Und macht dem Co-Präsidenten Larry Fink, dem Landsmann und BlackRock-Chef, ein dickes Kompliment. Dieses könnte auf das WEF zurückfallen, denn manche Teilnehmer stören sich daran, dass der Jahreskongress derart aufdringlich von den Amerikanern gekapert wird.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben






Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.