Start ohne Party: Nach Eklat eröffnet die Venedig-Biennale
Nach all dem Ärger um die Teilnahme Russlands und Israels startet die 61. Kunstbiennale in Venedig ohne Zeremoniell. Wenn eine der wichtigsten internationalen Kunstveranstaltungen um 11 Uhr ihre Tore für ein breites Publikum öffnet, geschieht das ohne Eröffnungsfeier. Da die Jury im Streit zurückgetreten ist, wird es Preise erst zum Abschluss im November geben, dann vergeben durch das Publikum.

«Bei der Biennale hat Putin gewonnen», meint Italiens Kulturminister Alessandro Giuli bitter. Hätte Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco die Regierung vor irgendeiner Zusage über Russlands Teilnahmewunsch informiert, dann hätte man das als Verhandlungsmasse nutzen können – vielleicht für eine Waffenruhe in der Ukraine, sagte er der italienischen Zeitung «Corriere della sera». Das sehen nicht alle so: Italiens rechter Vize-Regierungschef Matteo Salvini warnt vor Zensur. Buttafuoco reagiert mit Unverständnis auf seine Kritiker, beklagt Intoleranz und Zensurvorwürfe. Die Biennale sei kein Gericht. «Dies ist ein Garten des Friedens, ein Ort, an dem ausgestellt wird, ein Ort, an dem diskutiert wird, ein Ort, wo man sich zuhört», sagte er.
Russland, das heute den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg feiert, sieht die erste Teilnahme seit Beginn seiner Invasion in der Ukraine als Ende seiner kulturellen Isolation im Westen. Rund 50 vom russischen Staat handverlesene Künstler, darunter Musiker, Dichter und Philosophen, arbeiteten an dem Musik- und Performanceprojekt «Der Baum ist im Himmel verwurzelt». Zwar bleibt der Pavillon, der Eigentum des russischen Staates ist, ab heute für ein breites Publikum geschlossen. Besucher sehen aber draussen die Installation auf einem grossen Bildschirm. Das sei von Anfang an so geplant gewesen, sagt die umstrittene Kuratorin Anastassija Karnejewa, Tochter eines beim Staatskonzern Rostec tätigen Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals.
Pussy Riot: «Kunst ist niemals neutral»
Kritiker verurteilen die russische Kulturoffensive als Teil von Moskaus «hybrider Kriegsführung». Während Russland töte, öffne die Biennale ihre Türen für Kremlchef Wladimir Putins Funktionäre und Propagandisten, sagt Nadja Tolokonnikowa, Frontfrau der in Russland verbotenen Punkband Pussy Riot. Die Biennale hätte nach ihrer Darstellung von «Putins Regime» verfolgte russische Künstler einladen können. «Kunst ist niemals neutral», betonte sie bei einer Protestaktion am Pavillon gemeinsam mit ukrainischen Aktivistinnen der Gruppe Femen.
Die Ukraine protestierte auch gegen Russlands Rückkehr zur Biennale, weil im Zuge des Moskauer Krieges nach offiziellen Angaben Kiews mittlerweile Tausende Kulturdenkmäler und andere kulturelle Einrichtungen zerstört oder beschädigt wurden. Zehntausende für die Identität des Landes wichtige Kulturobjekte seien verschleppt worden – und 346 Künstler im Zuge der russischen Invasion getötet worden, heisst es in Kiew. Das von Russlands Krieg geschundene Land bringt das Projekt «Sicherheitsgarantien» nach Venedig. Dazu bildet die ukrainische Künstlerin Schanna Kadyrowa ihre Skulptur «Origami-Hirsch» aus Papier nach – das Kunstwerk wurde 2024 in den Kriegswirren aus der Stadt Pokrowsk im Gebiet Donezk in Sicherheit gebracht.
Israelischer Künstler fühlt sich isoliert Und Israel?
Immerhin wollte die Jury das Land gemeinsam mit Russland von der Preisvergabe ausschliessen, bevor sie geschlossen zurücktrat. Über diesen Rücktritt habe er sich gefreut, sagte der rumänisch-israelische Bildhauer Belu-Simion Fainaru, der Zeitung «Welt». Doch in Venedig sei er «völlig isoliert», berichtete der Gestalter des israelischen Pavillons. «Mit keinem einzigen Künstler und Kurator auf der Biennale gibt es Interaktion.» Für die Politik der israelischen Regierung, gegen dessen Chef Benjamin Netanyahu ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) wegen Kriegsverbrechen im Gazastreifen vorliegt, will Fainaru nicht verantwortlich gemacht werden. «Ich jedenfalls bin als Künstler nach Venedig gekommen, und nicht, um meine politische Haltung oder diejenige meines Landes zu vertreten oder um mich zu Vorwürfen gegen einen Regierungschef zu äussern», sagte er der «Jüdischen Allgemeinen». «Das würde ich sehr gerne den Politikern überlassen.»

Demonstranten ruft die Teilnahme Israels dennoch auf den Plan: Am Vorabend der Eröffnung gingen in Venedig etwa 2000 Menschen auf die Strasse. Die Polizei drängte sie mit Schildern und Schlagstöcken zurück. (dpa)
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