Serbiens Studenten stürzen Vučić – der gesteht seine Niederlage ein
«Es ist klar, dass wir diese Wahlen verloren haben. Die Liste der studentischen Blockierer hat gewonnen.» Mit diesen Worten hat Serbiens bisheriger starker Mann Aleksandar Vučić am Sonntagabend seine Niederlage bei der Parlamentswahl eingestanden.
Damit steht das Land vor einem historischen politischen Umbruch: Nach 14 Jahren verliert die Fortschrittspartei SNS ihre dominierende Stellung. Eine Bewegung junger Menschen, die vor knapp zwei Jahren aus Protest gegen Korruption und staatliches Versagen entstanden war, hat sie an den Wahlurnen besiegt.

Die ersten Hochrechnungen des Meinungsforschungsinstituts Ipsos und der Wahlbeobachterorganisation CeSID sahen die Studentenliste am späten Sonntagabend bei 52 Prozent der Stimmen. Das entspräche 138 der 250 Parlamentssitze – und damit einer absoluten Mehrheit. Vučićs Bündnis kommt demnach auf 39,3 Prozent und 104 Mandate.
Auch die unabhängige Wahlbeobachterorganisation CRTA bestätigte den deutlichen Vorsprung. Sie ermittelte 51,47 Prozent für die Studentenliste und 40,42 Prozent für Vučićs Bündnis. Endgültige amtliche Ergebnisse stehen noch aus.
Vučić selbst rechnete mit 135 bis 140 Sitzen für die Studenten. Seine politische Bewegung werde künftig Opposition betreiben, kündigte er an. Im Hauptquartier der Studenten brach Jubel aus. Die Anhänger sangen gemeinsam «Serbien wacht auf». Auch auf den Strassen von Belgrad wurde gefeiert.
Dass dieser Sonntag kein gewöhnlicher Wahltag werden würde, zeichnete sich bereits am Vormittag ab. Vor zahlreichen Wahllokalen bildeten sich Schlangen. «Die Wahlbeteiligung wärmt mir das Herz», sagte eine Frau in Belgrad. Viele Menschen verbanden mit der Abstimmung die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang.
Reporterinnen dieser Zeitung besuchten am Sonntag zehn Wahllokale in der Alt- und Neustadt von Belgrad. Meist verlief die Abstimmung ruhig. Allerdings beobachteten sie auch Unregelmässigkeiten: In einem Wahllokal stimmte der Sichtschutz nicht, andernorts wurden Stimmzettel fotografiert. In Pančevo wurden studentische Wahlkontrolleure körperlich angegriffen. Wahlbeobachter berichteten landesweit von Unregelmässigkeiten und Einschüchterungsversuchen.
Den Wahlsieg der Studenten konnte all das jedoch nicht verhindern. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Bewegung, die vor knapp zwei Jahren ihren Anfang nahm. Am 1. November 2024 stürzte das Vordach des Bahnhofs von Novi Sad ein. 16 Menschen starben. Die Katastrophe wurde zum Symbol für Korruption, Vetternwirtschaft und staatliches Versagen.
Hunderttausende auf den Strassen
Aus der Trauer und der Wut der jungen Leute entstand eine landesweite Protestbewegung. Studenten besetzten Universitäten, Professoren solidarisierten sich mit ihnen. Hunderttausende Menschen gingen auf die Strasse. Schliesslich beschlossen die Studenten, bei den Wahlen selbst anzutreten. Nun haben die Oppositionellen ihr vorläufiges Ziel erreicht.
Vučić selbst war Ende September als Präsident zurückgetreten, um Premierminister zu werden. Daraus wird nun nichts. Statt an die Spitze der Regierung wechselt der Mann, der Serbien mehr als ein Jahrzehnt dominiert hat, in die Opposition. Wie der Machtwechsel tatsächlich ablaufen wird, ist allerdings völlig offen. Die Studentenbewegung muss aus ihrem Wahlsieg erst eine Regierung formen. Und ob Vučić und seine Gefolgsleute bereit sind, ihren Einfluss auf Staat und Institutionen tatsächlich aufzugeben, wird sich erst zeigen.

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