Serbiens Studenten greifen nach der Macht: «Werden zeigen, dass Demokratie möglich ist»
Eigentlich will Slobodan Bubnjević nur zurück an den Schreibtisch. Der Physiker ist in seiner Heimat Serbien dem Fernsehpublikum als Erklärer der Wissenschaften bekannt, derzeit schreibt der 48-Jährige an seinem nächsten populärwissenschaftlichen Buch «Die Physik der Zeit».
«Nicht wirklich die richtige Zeit» sei es daher für seine nächste Aufgabe, meint Bubnjević: Er wurde von den Studenten, die seit zwei Jahren gegen Korruption protestieren, als einer der Kandidaten für die Parlamentswahl nominiert. Bei der Schicksalswahl am 25. Oktober geht der Wissenschaftsjournalist gegen die Liste von Autokrat Aleksandar Vučić ins Rennen.
Wir treffen Bubnjević in einem Café in Belgrad. Schnell wird klar: Mit klassischer Regierungs- oder Oppositionspolitik hat der Wissenschafter nichts am Hut. Doch in dem Land, in dem Vučić seit 14 Jahren den Ton angibt und die «neue Elite» der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) quasi zum Staat wurde, scheint es schwer, unpolitisch zu bleiben. «Sie regieren hier wie Okkupatoren», meint Bubnjević.
Einen Job als Lehrer oder in der Verwaltung gibt es fast nur noch mit dem richtigen Parteibuch; in die Gesellschaft wirkt Vučić durch seine Kontrolle über die serbisch-orthodoxe Kirche und ein Arsenal von regierungsfreundlichen Zeitungen und Fernsehsendern. Statt Information gibt es vor allem für ältere Bewohner auf dem Land nur die Regierungspropaganda.

«Hier in Serbien sprechen wir von Belagerung. So fühlt es sich zumindest an», so Bubnjević. Entsprechend überrascht hätten viele Serben reagiert, als eines Tages Aktivisten in ihren Dörfern auftauchten und Banner mit der Aufschrift «Die Studenten gewinnen» anbrachten. «Manche dachten, wir seien irgendwelche Fremdlinge, die das Land zerstören wollen.»
Tagelange Fussmärsche durch das Land
Das habe sich inzwischen grundlegend geändert. In jeder abgelegenen Siedlung des 6,5-Millionen-Einwohner-Landes kenne man die Studenten, die mit ihrer neu gegründeten Wahlliste an einem eingerosteten, übermächtig scheinenden Machtsystem rütteln. Vielerorts wurden die Jugendlichen auf ihren tagelangen Fussmärschen und Radtouren durchs Land euphorisch begrüsst. Mit Jubel, Tränen und Landesflaggen.
Das sei neu in der jüngeren Landesgeschichte, erzählt Bubnjević: «Die Studentenbewegung hat den Reset-Knopf in Serbiens Gesellschaft gedrückt – wir erleben hier einen Neustart von 100 Jahren Balkan-Geschichte.» Bei der Parlamentswahl nächste Woche wird ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Studentenliste und der Liste «Vereintes Serbien» von Premierminister-Kandidat Vučić erwartet.
Am Anfang des Kampfs stand eine Katastrophe: Der 1. November 2024 brannte sich in das kollektive Gedächtnis Serbiens ein, als am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad ein Vordach einstürzte und 16 Menschen tötete. Schnell waren in den Augen Hunderttauender Demonstranten die Ursachen für das Unglück gefunden: Nachlässige Arbeit und Vetternwirtschaft. «Die Leute erkannten, dass wir nicht nur in einem korrupten System leben. Schlimmer noch: Wir haben ein System, das so auf so vielen Ebenen korrumpiert ist, dass es Menschen tötet», so Bubnjević.

Zum Zeitpunkt der Tragödie konnte er noch nicht ahnen, dass die Studenten seinen Namen knapp zwei Jahre später auf ihre Wahlliste setzen würden. Dort finden sich Experten aus allen Bereichen: Professoren, Anwälte, Lehrer, Kulturvertreter, ein Schauspieler, ein früherer Basketballstar. Auf die Kandidaten einigten sich die Studenten auf die gleiche Weise, wie sie alle Entscheidungen für ihre Protestbewegung treffen: durch Konsens in demokratischen Versammlungen.
Genau darin will Bubnjević auch die Gewinnformel für den Sieg über die Vučić -Partei erkennen: Ihr Konzept giesse direkte Demokratie in ein Repräsentativsystem. Die Hierarchie bleibt flach. «Es ist Demokratie in ihren Wurzeln. Und wir glauben, dass populistische Anführer die Leute nicht für sich gewinnen können, wenn es direkte Demokratie als Alternative gibt.»
Gute Chancen auf ein Abgeordnetenmandat
Über seine mögliche Zukunft in der Politik will der Mitarbeiter des Instituts für Physik in Belgrad nicht spekulieren. Dabei hätte er als Kandidat 103 auf der 250-köpfigen Studentenliste gute Chancen, als Abgeordneter ins Parlament einzuziehen. Alles offen, beharrt Bubnjević. Selbst der Listenerste, der beliebte Kardiologe und Uniprofessor Ilija Srdanović, müsse nicht unbedingt Regierungschef werden; darüber sollen die Studenten nach dem Sieg entscheiden. Nur eines will Bubnjević jetzt schon sicher wissen: «Dass der nächste Ministerpräsident nicht Aleksandar Vučić heissen wird.»
Internationale und serbische Beobachter kritisierten in den vergangenen Tagen ungleiche Wahlbedingungen, Einschüchterungsversuche und andere Unregelmässigkeiten. Etwa den Ausschluss Tausender Auslandsserben vom Urnengang. Die Sorge, dass es wie bei vergangenen Wahlen zu Manipulation kommt, ist gross. Auch für Bubnjević steht fest: «Wir können keine freien Wahlen erwarten.»
Doch darauf sei man vorbereitet, am Wahltag würden so viele oppositionelle Wahlbeobachter aktiv sein wie nie zuvor bei einer Abstimmung in Serbien. «Wenn es uns gelingt, zu beweisen, dass Vučić verloren hat, kann er sich unter keinen Umständen halten. Vielleicht für kurze Zeit. Doch er wird sich nicht gegen eine friedliche Bewegung wie uns durchsetzen können.»
Eine Bewegung aus Studenten, Akademikern, Experten, allesamt ohne politische Erfahrung – das ist wohl das Erfolgsgeheimnis der Studentenliste. Es könnte sich laut Politikexperten im Falle eines Wahlsiegs aber auch als Schwachpunkt herausstellen. Können führerlose Politneulinge das Westbalkanland voranbringen und in die Europäische Union führen?
Reformen kündigte die Studentenliste jedenfalls für Justiz, Polizei, Medien und Schulen an. Die Bereiche sollen von politischem Einfluss befreit, «gestohlene» öffentliche Gelder zurückgeholt werden. Bubnjević ist zuversichtlich: «Serbien wird der Welt zeigen, dass Demokratie möglich ist. Dass Demokratie am Ende die Oberhand gewinnt.»
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