150'000 gegen Vučić: Serbiens Jugend will das alte Regime stürzen
Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Protestierenden an diesem Donnerstag auf den Platz «Slavija» im Zentrum von Belgrad. Am Abend werden es 150'000 sein. Es ist die letzte Grossdemonstration vor der Parlamentswahl am kommenden Sonntag. Die Studierendenbewegung hat diese durch beharrlichen und friedlichen Protest während der letzten zwei Jahre selbst erzwungen.
Vuvuzelas und Trillerpfeifen durchdringen die Abendluft, Bengalos färben den Himmel rot. Auf riesigen Leinwänden werden die Reden der Kandidaten übertragen, immer wieder brandet Applaus auf. Studenten verteilen Sticker und sorgen als Ordner für Sicherheit. Polizisten sind keine zu sehen. Als Tausende Demonstranten ihre Handytaschenlampen einschalten, verwandelt sich der Platz in ein Lichtermeer.
An diesem Abend in Belgrad geht es um mehr als eine Wahlkampfveranstaltung: Die Studentenbewegung will ein politisches System ablösen, das Serbien seit Jahrzehnten prägt.
Begonnen hat alles mit einem Vordach. Am 1. November 2024, um 11.52 Uhr, brach am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad die Betonkonstruktion herunter und tötete 16 Menschen. Die Zivilbevölkerung reagierte zuerst mit Stille, jeden Freitag zur Unglückszeit, eine Minute für jeden getöteten Menschen. Studenten besetzten Fakultäten und marschierten quer durch Land. Immer lauter wurde ihr Ruf nach Neuwahlen.
Aufgrund des hohen politischen Drucks zog Aleksandar Vučić die Parlamentswahlen vor und trat am 27. September als Präsident zurück. Nicht aus Demut, sondern aus machtpolitischem Kalkül: Eine dritte Amtszeit als Präsident ist nicht erlaubt, im Amt des Premierministers hingegen schon. So führt der Mann, der Serbien seit über einem Jahrzehnt regiert, nun die Liste Nummer 1 an. Als «gewöhnlicher Bürger», wie er sagt. Im Präsidentenpalast hält für die Zwischenzeit die amtierende Parlamentspräsidentin Ana Brnabić den Sessel warm.
Die Studierenden konnten trotz eines Kräfteverhältnisses, das an den Kampf zwischen David und Goliath erinnert, grosse Mehrheiten in der Bevölkerung für sich gewinnen. Darin steckt die grosse Leistung der jungen Leute, die als «Kinder» zum Sinnbild für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geworden sind: «Die Kinder haben die Sache in die Hand genommen», sagt ein Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Hinter den Kindern, sagt er, stünden die Eltern, die Grossmütter, die Grossväter. «Dagegen gibt es keine Kampagne.» Die Studierenden, so scheint es, haben die vormalige Spaltung der Gesellschaft in soziale Klassen und Generationen überwunden.

Ein gewagtes politisches Experiment
Neu an den heutigen Protesten ist, dass sie Vučić als Verantwortlichen für Korruption direkt adressieren. Zu Beginn forderte die Bewegung lediglich funktionierende Institutionen. Heute lauten die Sprechchöre: «Vučić geht, Vučić geht». Die ausserparlamentarische Studierendenbewegung ist zu einer mehrheitsfähigen politischen Kraft mit Zustimmungswerten von rund 40 Prozent geworden. Sie kann es mit der in ihren Augen korrupten Regierungspartei aufnehmen.
Auch der Student Stojan ist an diesem Donnerstag auf dem «Slavija». Er hat die Protestbewegung monatelang mitorganisiert. Die Studenten treffen ihre Entscheidungen gemeinsam im Plenum, in dem alle stimmberechtigt sind. Eine feste Führung gibt es nicht. Nach diesem Vorbild haben sie nun auch eine Wahlliste aufgestellt, die Linke, Liberale und Nationalkonservative vereint. «Es ist ein politisches Experiment», sagt Stojan.

Mit 55 Prozent Männern zu 45 Prozent Frauen ist die Liste für ein in weiten Teilen patriarchales Land progressiv. Die Demo in Belgrad wird von einer Studentin und einem Studenten mit gleichen Redeanteilen moderiert.
Weil die Studentenliste auf dem Wahlzettel die Nummer 3 trägt, ist die Zahl überall präsent: auf Plakaten, Luftballons und als Gruss mit drei erhobenen Fingern. Doch das Symbol ist nicht unproblematisch: In den 1990er-Jahren wurde der Dreifingergruss vor allem von serbischen Nationalisten verwendet.
Die alten Gegner sind geblieben
Die Kundgebung selbst ist friedlich, fast festlich, wie jede studentische Massenveranstaltung bisher. Trotz vereinzelter Festnahmen von Oppositionellen in den letzten Tagen, sieht man bislang keine Aggressionen von Vučić-Anhängern und keine übergriffigen Polizisten. Viele Demonstranten haben trotzdem Angst, sich öffentlich zu bekennen.
Eine Frau im mittleren Alter berichtet, was es bedeutet, wenn man im staatlichen Bildungswesen arbeitet. Sie möchte anonym bleiben. «Ich bin jeden Tag mit Schikane konfrontiert, mit Erpressung, Nötigung, Bedingungen, Drohungen. Deshalb bin ich hier», sagt sie. Ob sie wegen der Proteste schon bedroht worden sei? «Ja.» Sie hofft auf einen deutlichen Sieg der Studierendenliste. Doch der grossangelegte Betrug mit den Wahlstimmen, den sogenannten Phantomwählern, sei nicht zu unterschätzen.
Zorica Nedeljkov hat keine Angst, mit Namen hinzustehen. Sie ist 57, Bibliothekarin und in Belgrad geboren. «Ich war auf allen Protesten seit 1991», sagt sie. «Ich war gegen Milošević, und ich bin seit jeher gegen das Regime von Vučić. Das ist einfach Teil meines Lebens.» Dass die Neunziger mit heute vergleichbar seien, will sie aber nicht gelten lassen. «Als wir damals gegen Milošević gekämpft haben, stand das Land unter Sanktionen, der Krieg war gerade erst vorbei und das alles in einem extrem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Das hier ist etwas ganz anderes», sagt sie. Doch die Energie sei fast dieselbe.

Was sich nicht geändert hat, sind die Gegner. Milošević regierte zuletzt mit den Radikalen von Vojislav Šešelj, in deren Reihen ein junger Mann namens Aleksandar Vučić Karriere machte. Als Informationsminister legte dieser den Medien Zügel an.
Für Zorica geht es am Sonntag um eine Rechnung, die seit dem Sturz Miloševićs im Oktober 2000 offen ist: die Abrechnung mit denen, die ihn getragen haben. Sie zählt die heutigen Entscheidungsträger wie Ivica Dačić, Aleksandar Vučić und Aleksandar Vulin auf, dieselben Namen wie damals, nur älter. «Egal, wie sehr sie sich in den letzten fünfzehn Jahren als proeuropäische Politiker verkauft haben – das ist alles eine Farce», sagt sie. Für Zorica geht es deshalb auch darum, endlich mit den alten politischen Eliten abzurechnen, die sich seit den Zeiten Miloševićs an der Macht halten konnten.
Stojan spricht ebenfalls von einem grundlegenden Regimewechsel: «Zuerst muss man das alte loswerden», sagt er. Dafür sei es nötig, alle politischen Kräfte zu mobilisieren.

Die politischen Extreme auf dem «Slavija» erahnt man beim sichtbaren Nebeneinander einer Kosovo- und Che Guevara-Flagge an diesem Abend. Sie alle eint der Kampf gegen das alte System. Auffällig dabei sind die vielen nationalistischen Kräfte und Symbole. Auch Stojan kritisiert sie. Doch er weiss, dass am Sonntag eine einmalige Chance bevorsteht: einen korrupten wie autoritär regierenden Präsidenten und sein Regime loszuwerden.
«Der Nationalismus wird nicht verschwinden», sagt Stojan. Doch in einem demokratischen Serbien könne man ihn zumindest offen kritisieren. Von Europa erhofft er sich dabei Unterstützung: «Wir wollen kein Mitleid, sondern Hilfe.»
Das Wichtigste zur Serbien-Wahl
1. Wie wird gewählt? Am Sonntag, 25. Oktober, werden 250 Parlamentssitze vergeben. Es gilt Verhältniswahlrecht mit einer Dreiprozenthürde (Ausnahmen für Minderheitenlisten). Für die absolute Mehrheit braucht es 126 Sitze.
2. Wer tritt an? Die beiden zentralen Konkurrenten sind Vučićs Bündnis (Liste 1) und die Studentenliste (Liste 3). Daneben kandidieren unter anderem die Sozialisten von Ivica Dačić, Vučićs Regierungspartner, und kleinere Oppositionsparteien.
3. Wer steckt hinter der Studentenliste? Die Studenten treten nicht selbst an, sondern haben 250 unabhängige Kandidaten ausgewählt: darunter Professoren, Ärzte, Lehrer und Aktivisten. Spitzenkandidat ist der Kardiologe Ilija Srdanović.
4. Was wollen die Studenten? Vor allem Korruption bekämpfen, staatliche Institutionen reformieren und faire Wahlen sichern. Die EU-Frage und Kosovo haben sie bewusst aus dem Programm gelassen, Sanktionen gegen Russland lehnen sie ab.
5. Wie fair ist die Wahl? Die OSZE-Beobachter warnen vor Einschüchterung, Druck auf Wähler und ungleichen Wahlkampfbedingungen. Bereits die Wahl von 2023 war von Manipulationsvorwürfen begleitet. (chm)
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