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74 Tote bei Festnahme von «El Mencho» in Mexiko

Im WM-Austragungsort Guadalajara wagen sich einige Menschen am Montag wieder auf die Strassen. Viele andere bleiben noch zu Hause, weil sie weitere blutige Angriffe des Drogenkartells von «El Mencho» fürchten.
Soldaten fahren in Mexiko-Stadt durch die Strassen. (Bild: Keystone)
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum. (Bild: Keystone)
Ein Soldat patrouilliert vor einem ausgebrannten Bus. (Bild: AP)

Bei blutigen Gefechten während und nach der Festnahme des Anführers des mexikanischen Drogenkartells Jalisco Neue Generation, Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, sind mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen.

Soldaten fahren in Mexiko-Stadt durch die Strassen. (Bild: Keystone)

Unter den Opfern seien mindestens 25 Soldaten der Nationalgarde, die bei sechs unterschiedlichen Angriffen im Bundesstaat Jalisco getötet worden seien, sagte Sicherheitsminister Omar García Harfuch am Montag. Auch der als «El Mencho» bekannte Drogenboss kam ums Leben, ebenso wie Dutzende mutmassliche Kriminelle.

Berüchtigter Drogenboss starb nach Gefangennahme

Cervantes war der Boss eines der am schnellsten wachsenden kriminellen Netzwerke Mexikos. Er war berüchtigt für den Schmuggel von Fentanyl, Methamphetamin und Kokain in die USA und für Angriffe auf Behördenvertreter, die sich seinem Kartell in den Weg stellten.

Er wurde am Sonntag bei einem Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco verletzt und gefangen genommen. Verteidigungsminister Ricardo Trevilla sagte am Montag, die Soldaten seien einer Geliebten des Kartellchefs in sein Versteck gefolgt. Dort sei es rasch zu einem Feuergefecht gekommen, bei dem acht Bewaffnete getötet worden seien. «El Mencho» und zwei Leibwächter seien zunächst in einen Wald geflohen, dort aber durch Schüsse schwer verletzt worden.

Laut dem Minister erlagen der Drogenboss und dessen Leibwächter ihren Verletzungen, während er nach Mexiko-Stadt transportiert wurden. Kartellmitglieder reagierten mit einer Welle der Gewalt, griffen Sicherheitskräfte an, steckten Autos in Brand und blockierten Strassen.

Nach den heftigen Gefechten vom Sonntag rief Präsidentin Claudia Sheinbaum am Montag zur Ruhe auf. 250 von Kartellmitgliedern errichtete Strassensperren in 20 mexikanischen Bundesstaaten seien mittlerweile beseitigt worden, hiess es von der Regierung.

Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum. (Bild: Keystone)

Viele Menschen verbrachten die Nacht im Zoo

In Guadalajara, wo am Sonntag das öffentliche Leben noch weitgehend stillgestanden hatte, weil sich ängstliche Bewohner nicht nach draussen gewagt hatten, waren am Montag wieder Autos auf den Strassen zu sehen.

Mehr als 1000 Menschen sassen über Nacht im Zoo von Guadalajara fest und schliefen in Bussen. Am Montagmorgen trugen Mütter ihre Kleinkinder unter Polizeischutz aus den Bussen. Zoo-Direktor Luis Soto Rendón sagte, viele seien seit neun Uhr morgens am Vortag dort quasi eingeschlossen gewesen. Eine Rückkehr in ihre Heimatregionen wie Zacatecas und Michoacan wäre zu unsicher gewesen, sagte Soto. «Es sind kleine Kinder und ältere Menschen dabei.»

Ein Soldat patrouilliert vor einem ausgebrannten Bus. (Bild: AP)

Viele bleiben zu Hause – Läden geschlossen

Irma Hernández, eine 43-jährige Wachfrau in einem Hotel in Guadalajara, kam am Montagmorgen zur Arbeit - allerdings unter erschwerten Bedingungen. Normalerweise fahre sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber die Busse seien nicht gefahren, sagte sie der Nachrichtenagentur AP. Ihre Chefs hätten deshalb einen Wagen organisiert, um sie abzuholen. Ihre Angehörigen, sagte sie, seien zu Hause geblieben, weil sie zu viel Angst hätten, das Haus zu verlassen. «Ich mache mir Sorgen, weil ich nicht weiss, wie ich nach Hause kommen soll, wenn etwas passiert», sagte sie.

Der 54-jährige José Luis Ramírez stand mit vielen anderen vor einer Apotheke an, einer der wenigen Läden, die am Montag in Guadalajara geöffnet waren. Durch eine zugekettete Tür konnten die Kunden Dinge wie Babynahrung und Windeln kaufen. Er sei das erste Mal seit dem Wochenende wieder im Freien, sagte Ramírez, er sei aber der Meinung, dass das Leben weitergehen müsse.

Mexiko hofft auf weniger Druck aus Washington

Das Weisse Haus bestätigte, dass die USA den Einsatz in Jalisco mit Geheimdienstinformationen unterstützt hatten. Die mexikanische Regierung hofft, dass der Tod eines der grössten Fentanyl-Schmuggler der Welt der Regierung in Washington zeigt, dass man den Kampf gegen die Kartelle ernst nimmt.

Trump hatte Mexiko aufgefordert, mehr gegen den Schmuggel der synthetischen Droge zu unternehmen. Er hatte dem Nachbarland weitere Zölle angedroht und auch Einsätze des US-Militärs in Mexiko in Betracht gezogen, wenn es Sheinbaums Regierung nicht gelingt, Ergebnisse vorzuweisen.

Analyst sieht Wendepunkt im Kampf gegen Kartelle

David Mora, Mexiko-Analyst bei der Denkfabrik International Crisis Group, sagte, das Vorgehen gegen Cervantes und die anschliessende Gewalt markierten einen Wendepunkt in Sheinbaums Bemühungen, gegen die mächtigen Kartelle vorzugehen und den Druck aus den USA zu verringern.

Laut Mora könnte der Tod des Drogenbosses aber auch für Gewalt unter den Kartellen sorgen, wenn rivalisierende Gruppen versuchen, den Rückschlag für das Kartell Jalisco Neue Generation zu ihrem Vorteil zu nutzen. «Dies könnte der Moment sein, in dem diese anderen Gruppen erkennen, dass das Kartell geschwächt ist, und sie die Gelegenheit nutzen wollen, ihre Kontrolle auszuweiten und das Jalisco-Kartell in diesen Bundesstaaten zu übernehmen», sagte er.

US-Belohnung von bis zu 15 Millionen Dollar

Das US-Aussenministerium hatte eine Belohnung von bis zu 15 Millionen Dollar für Hinweise ausgesetzt, die zur Festnahme von «El Mencho» führen. Das Drogenkartell Jalisco Neue Generation - Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) - ist eine der mächtigsten und am schnellsten wachsenden kriminellen Organisationen Mexikos. Im Februar hatte die US-Regierung das Kartell als ausländische Terrororganisation eingestuft.

Bekannt für brutale Angriffe

Das Jalisco-Kartell ist für seine besonders aggressiven Angriffe auf das Militär bekannt, darunter auch auf Hubschrauber. Es war ein Vorreiter bei der Nutzung von Drohnen für Sprengstoffanschläge und beim Verlegen von Landminen. Die Anti-Drogenbehörde DEA hält das Kartell für ebenso mächtig wie das Sinaloa-Kartell, eines der berüchtigtsten kriminellen Netzwerke Mexikos, das in allen 50 US-Bundesstaaten aktiv ist.

Gründung von CJNG

Cervantes stammt ursprünglich aus Aguililla im Bundesstaat Michoacán. Seit den 1990er Jahren war der heute 59-Jährige massgeblich in Drogenschmuggel-Aktivitäten verwickelt. Als junger Mann wanderte er in die USA aus, wo er 1994 wegen Verschwörung zum Drogenhandel in Kalifornien verurteilt wurde und fast drei Jahre im Gefängnis verbrachte.

Nach seiner Entlassung kehrte er nach Mexiko zurück und setzte seine Drogenaktivitäten fort, zunächst mit Drogenboss Ignacio Coronel Villarreal, alias «Nacho Coronel». Nach Coronels Tod gründeten Cervantes und Erik Valencia Salazar, auch genannt «El 85», um 2007 das Jalisco-Kartell. Zunächst kooperierte die Gruppe mit dem Sinaloa-Kartell, trennte sich jedoch später und kämpfte jahrelang um die Vorherrschaft in Mexiko. (dpa)

 
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