Ausländerquote in Klassenzimmern: Meloni nimmt Italiens Schulen ins Visier
«Es kann nicht sein, dass sich in einer italienischen Klasse die italienischen Kinder in die Ecke gedrängt fühlen, weil sie zur Minderheit geworden sind. Das geht nicht», polterte die italienische Ministerpräsidentin am Wochenende. Die Jugendorganisation Gioventù Nazionale ihrer Partei Fratelli d’Italia hatte zu einem Fest geladen.
Das alles Integration zu nennen, sei eine weitere Lüge. «Eine bequeme Lüge für alle, die von Ideologie leben, und die uns am Fernsehen Moralpredigten halten», so Meloni weiter. Und mit Blick auf muslimische Eltern, die ihre Töchter mit der Burka oder dem Nikab in die Schule schicken, ergänzte sie: «In Italien kann niemand im Namen einer echten oder vermeintlichen Tradition entscheiden, dass eine junge Frau sich verstecken muss.»
Meloni versprach Abhilfe in Form eines neuen Gesetzes. Dieses sieht eine Obergrenze von 30 Prozent ausländischer Schüler pro Klasse und das Verbot der Verhüllung des Gesichts oder des Körpers an den Schulen vor. Der Ministerrat wird es voraussichtlich schon in dieser Woche beschliessen.
Sollte die Grenze von 30 Prozent an einer Klasse überschritten werden, müssten so viele ausländische Schülerinnen und Schüler auf andere Klassen oder auch auf andere Schulhäuser umverteilt werden, bis der Grenzwert eingehalten wird. Mit dem Gesetz sollen ausserdem die Eltern verpflichtet werden, Italienisch zu lernen, um nicht nur die Integration der Kinder, sondern auch jene der Eltern zu fördern.

Die Integration von Migranten und ihren Kindern ist auch in Italien ein Thema, bei dem die Emotionen hochgehen. Doch wenn es ein Problem im Zusammenhang mit Migration gibt, das im Belpaese so gut wie gar nicht existiert, dann sind es Klassen, in denen die einheimischen Kinder in der Minderheit sind.
Insgesamt beträgt der Anteil ausländischer Kinder an den italienischen Schulen laut Behördenangaben 11,6 Prozent (Schuljahr 2024/25). Die Zahl der Klassen, bei denen der Ausländeranteil 20 Prozent übersteigt, liegt bei knapp tausend - bei insgesamt rund 300'000 Schulklassen landesweit. Das entspricht einem Anteil von 0,6 Prozent.
Der Bildungsminister relativiert bereits
In der Zahl der ausländischen Schülerinnen und Schüler sind auch die Kinder aus EU-Ländern enthalten, die 44 Prozent aller ausländischer Kinder an Italiens Schulen ausmachen, sowie die Einwandererkinder der zweiten Generation, die mehrheitlich bereits recht gut Italienisch beherrschen, wenn sie in die 1. Klasse eintreten, weil sie die Sprache schon im Kindergarten oder zu Hause gelernt haben.
Bildungsminister Giuseppe Valditara krebste auch bereits zurück und betonte, dass bei der Feststellung des Ausländeranteils in den einzelnen Klassen «nicht der Pass, sondern die Italienischkenntnisse» ausschlaggebend sein werde. Das heisst: Die ohnehin schon äusserst geringe Zahl der «überfremdeten» Klassen dürfte sich noch einmal deutlich verringern. Melonis Vorstoss ist reine Demagogie.
Obwohl die praktischen Auswirkungen des angekündigten neuen Gesetzes also praktisch null sein werden - oder gerade deswegen -, hat Melonis Vorstoss zahlreiche Reaktionen ausgelöst, unter anderem auch beim Staatsoberhaupt höchstpersönlich. Staatspräsident Sergio Mattarella betonte, dass die «Schule der wichtigste Hebel bei der Integration» sei; er forderte eine «Schule die einschliesst, unterstützt und aufbaut».
«Einmal mehr kümmert sich unsere Rechtsregierung nicht um die Schule, sondern läuft der neofaschistischen Rechten von Roberto Vannacci hinterher», betonte der Chef der linksgrünen Allianz AVS im Parlament, Angelo Bonelli. Tatsächlich hat der Ex-General und Gründer der ultrarechten Partei Futuro Nazionale getrennte Klassen für italienische und ausländische Schüler und Sonderklassen für Schüler mit Behinderungen gefordert. Mit solchen Parolen erreicht Vannaccis Partei in den Umfrage bereits 8 Prozent, auf Kosten der Regierungskoalition von Giorgia Meloni.
Auch Vannacci hat das wahltaktisch motivierte Manöver der Regierungschefin mit der Ausländerquote an den Schulen durchschaut. Er postete ein KI-generiertes Foto von sich als Touristenführer mit einem erhobenen kleinen Sonnenschirm: «Auf diese Weise könnt ihr mir besser folgen», erklärte er ironisch an die Adresse der Rechtskoalition.
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