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Kiwis für Kleinwinzer: Das Bordeaux-Gebiet sattelt radikal um

Die französische Weinbranche sucht Auswege aus der Absatzkrise. Auch im Bordelais leiden vor allem die einfacheren Winzer. Viele müssen ihre Rebberge roden.
August, 2026, im Bordeaux-Gebiet: Tristes Bild eines stillgelegten Weinberges. (Bild: Thomas Flattard/AFP)
«Es schmerzt, all diese Reben auszureissen», sagt Bordeaux-Winzer Eric Merle. (Bild: zvg)
Winzerin Cécile de Taffin setzt auf Kiwis und Touristen. (Bild: zvg)

Eric Merle ist nicht eben guter Dinge. «Es schmerzt, all diese Reben auszureissen», sagt der stämmige Bordeaux-Winzer. «Vor allem, wenn ich daran denke, dass ich sie vor 40 Jahren eigenhändig gepflanzt hatte.»

Von seinem Château de Viens nördlich von Bordeaux mit den zwei schmucken Türmchen schaut der 62-Jährige über die säuberlich ausgerichteten Rebzeilen und sagt dann leise: «Une catastrophe.»

Schuld sind Trockenheit und Hitze. Sie bescheren dem Weinland Frankreich gerade die kleinste Ernte seit 1957. Laut ersten Schätzungen des Agrarstatistikamtes Agreste sinkt die Traubenmenge in Frankreich im Fünfjahresvergleich um 28 Prozent. Betroffen sind neben dem Bordeaux-Wein das Burgund, das Elsass und sogar das Cognac-Gebiet. Viele Weinbauern melden derzeit Konkurs an; andere roden ihre Rebberge teilweise oder ganz. Die Zahl der Suizide nimmt zu.

Eric Merle erzählt, wie er mit 18 Jahren aus der armen Agrarregion Lot nach Bordeaux gekommen war, wo damals der Weinbau boomte. Er lernte den Winzerberuf; dann übernahm der junge Familienvater in den Côtes de Bourg sein Château – ein «coup de coeur», Liebe auf den ersten Blick. Merle baute den Weinberg von 10 auf 30 Hektaren aus. Er fabrizierte mit Malbec-Trauben einen korrekten Roten; 1990 gewann er damit einen Preis.

«Es schmerzt, all diese Reben auszureissen», sagt Bordeaux-Winzer Eric Merle. (Bild: zvg)

Derzeit fährt Merle die Ernte ein. Es ist seine letzte. «Im Oktober kommt der Bagger», sagt er so sachlich wie möglich. Dann werden die Schaufelzähne all die Pflanzen, Holzpflöcke, Drähte und Wurzeln ausreissen. «Ich habe dafür keine Verwendung mehr», meint der Winzer, um bitter anzufügen: «Die Leute wollen keinen Rotwein mehr trinken? Okay, dann mach ich halt keinen Wein mehr.»

Laut dem Branchenverband der Bordeaux-Weine hat der Konsum von Rotwein aus dem berühmten Weingebiet seit 1975 um 58 Prozent abgenommen. «Früher gab man in Frankreich sogar den Kindern einen verwässerten Roten zum Mittagessen. Heute bieten die Bars in Paris mehr und mehr alkoholfreien Wein an», sagt Merle verzweifelt. «Verstehen Sie? Traubensaft!»

Der Weinbauer bedauert, dass er nicht begonnen hatte, Weissen und Rosé zu produzieren. Er lieferte lieber seinen Roten nach China. Ab 2019 wurde er ein Opfer geopolitischer Spannungen. Merle merkte: «Die Chinesen kaufen heute ihren Wein lieber in Argentinien, Chile, Neuseeland oder Australien.»

Jetzt hat der passionierte Weinbauer, wie er sich selber bezeichnet, genug. Er rodet seine Reben. Der Staat zahlt ihm 4000 Euro pro stillgelegte Hektare. So versucht die Regierung in Paris, die Überproduktion an Rotwein zu stoppen. Im Bordelais ist die Anbaufläche von einst 120 000 auf 91 000 Hektaren gesunken. Merle hat sich eine Zeitlang überlegt, anstelle der Reben Obstbäume zu pflanzen. «Doch die brauchen zu viel Wasser. Sie überleben Dürren wie in diesem Sommer nicht.»

Der Kleinwinzer hat drei Kinder, aber keines möchte das Gut übernehmen. «Ich habe ihnen davon abgeraten», bekennt er. Bisher vergeblich versuchte er, sein Château zu verkaufen – wie hunderte anderer Bordeaux-Weinbauern. Es gibt keine Käufer.

Nur die Grands Crus im Médoc, bei Saint-Emilion, Pomerol oder Sauternes hielten sich gut, sagt Merle. Sie litten weniger unter dem schwindenden Konsum von Rotwein in Frankreich und auf der ganzen Welt; und ihr Wein werde sogar noch besser, wenn die Zahl der Sonnentage zunehme.

Aber die Spitzenweine machen selbst im Bordeaux-Weingebiet nicht einmal fünf Prozent der Produktion aus. «Wir Kleinproduzenten haben nicht die Mittel, mit einem Mal einen Topwein zu schaffen, der nicht mehr fünf, sondern 50 Euro wert ist», bekennt Merle. Günstigen Wein herzustellen, rechne sich aber nur, wenn auch das Volumen stimme. «Und heute ist die Nachfrage nach einfachen, aber ehrlichen Weinen nicht mehr hoch genug.»

Die unbeugsame Winzerin

Aber nicht alle geben auf. Zehn Kilometer südöstlich von Merles Gut liegt das Weingut von Cécile de Taffin. Die 42-jährige Winzerin sagt mit bestimmter Stimme: «Wir bleiben.» Ihr Château heisst nicht von ungefähr L’Insoumise, auf Deutsch: «die Unbeugsame».

Winzerin Cécile de Taffin setzt auf Kiwis und Touristen. (Bild: zvg)

Das Ehepaar Taffin produziert einen Bordeaux supérieur für 7.50 bis 10 Euro die Flasche. Darunter ist auch ein Weisser und ein Rosé. Einen bedeutenden Teil exportierte das Winzerpaar in die USA – bis ihr Zwischenhändler wegen Trumps Zolltarifen 2025 das Handtuch warf.

«Das zwingt uns, die Produktion zu senken», sagt die Cécile de Taffin. «Wir roden bis im Oktober sieben unserer 25 Hektaren.» Für das freiwerdende Land haben die Taffins eine überraschende Lösung gefunden, die sich auch in andren Weinbergen durchsetzt: Sie bauen Kiwis an.

Nicht genug damit: Cécile de Taffin, eine ausgebildete Önologin, entwickelt den Weintourismus und organisiert Führungen. Den vielen ausländischen Besuchern erzählt sie, andere Bordeaux-Winzer pflanzten Nüsse, Salbei oder Oliven; einer habe auf Legehennen umgestellt und erziele mit den Eiern höhere Margen als zuletzt mit dem Rebbau.

«Ich verstehe schon, für einen stolzen Bordeaux-Winzer ist das Umsatteln zu hart», räumt die Winzerin ein. «Aber wer überleben will, muss pragmatisch sein und diversifizieren. Sonst haben wir Kleinwinzer keine Zukunft.»

 
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