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«Gen-Z»-Proteste: Das Feindbild Merz eint eine Jugend ohne Hoffnung

Wie in Frankreich demonstrieren nun auch in Deutschland Schüler und Studenten. Vor allem das Gefühl der Perspektivlosigkeit treibt sie auf die Strasse. Vereinzelt kommt es zu Krawallen.
Materielle Anliegen sind für viele der Hauptgrund, auf die Strasse zu gehen: Demonstrantin vor dem Brandenburger Tor. (Bild: Ebrahim Noroozi/AP)
Maskierte Demonstranten in Berlin. (Bild: Ebrahim Noroozi/AP)
Vor allem am Abend kam es zu Gewaltausbrüchen. (Bild: Ebrahim Noroozi/AP)

Pariser Zustände vor Augen, haben sich viele Ladengeschäfte auf dem Berliner Kurfürstendamm auf das Schlimmste eingestellt: Vernagelte Schaufenster sieht, wer am Samstag über den Prachtboulevard im Westen der deutschen Hauptstadt läuft; vor allem im Hochpreissegment, bei Rolex, Yves Saint Laurent oder Hermès, befürchtet man offenbar Plünderungen.

Fünf Kilometer weiter östlich, vor dem Brandenburger Tor, versammeln sich am frühen Nachmittag unter dem Motto «Gen Z regelt» einige tausend Leute; in der Mehrheit handelt es sich um Schüler, Studenten und Lehrlinge, von denen viele zum ersten Mal in ihrem Leben auf die Strasse gegangen sein dürften. Allerdings schliessen sich auch zahlreiche Protest-Habitués mit weissen Haaren der Demonstration an. So dürfte der Altersdurchschnitt für eine Jugendbewegung recht hoch sein.

Kapitalismusgegner treffen auf enttäuschte Konsumenten

Insgesamt macht die Kundgebung einen disparaten Eindruck: Palästina-Fahnen sind ebenso zu sehen wie solche mit Hammer und Sichel; einigen Teilnehmern scheint es um das grosse Ganze zu gehen, anderen um Partikularinteressen wie die Arbeitsbedingungen wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität.

Wer über den Platz läuft, hat gelegentlich den Eindruck mehrerer parallel ablaufender Kundgebungen. Kapitalismusgegner haben sich ebenso versammelt wie solche, deren Halloween-Kostümierung darauf hindeutet, dass sie im Grunde nichts lieber wären als satte und zufriedene Mitglieder der Konsumgesellschaft.

Ein Feindbild aber eint alle: Friedrich Merz. In dem 70‑jährigen Kanzler scheint sich zu verdichten, was die Demonstranten ablehnen: eine (tatsächliche oder vermeintliche) Welt von gestern. Dabei sind es die als schlecht empfundenen Lernbedingungen an Schulen und Universitäten, die beklagt werden, aber auch das Gefühl, in einer alternden Gesellschaft materiell zu kurz zu kommen, und nicht zuletzt die Angst, als Wehrpflichtiger in den Krieg ziehen zu müssen.

Maskierte Demonstranten in Berlin. (Bild: Ebrahim Noroozi/AP)

Der Gedanke, dass ihr Freund oder Bruder in der Ukraine ums Leben kommen könnte, sei für sie unerträglich, sagt eine 17-jährige Auszubildende, die ihren Namen nicht nennen will. «Friedrich, geh selber an die Front», ist auf dem Plakat zu lesen, das ein anderer mit sich herumträgt. Als aus Lautsprechern der Song «Merz, leck Eier» ertönt, hebt sich die Stimmung; einige fangen nun an, zu hüpfen. Ein älterer Mann mit Deutschlandfahne, der in sein Megafon ruft: «Wir sind stolz, Deutsche zu sein, aber ohne Merz», wird dagegen ignoriert.

Marvin, ein 26-jähriger Geschichtsstudent, macht sich Sorgen um seine berufliche Zukunft: Auf einen sicheren und ordentlich bezahlten Arbeitsplatz könne er kaum hoffen, eine eigene Wohnung sei für ihn eine fast schon utopische Vorstellung. «Dass Merz predigt, wir müssten mehr arbeiten, ist absurd und unverschämt», sagt er, zumal sich für eine Generation längst die Frage stelle: «Wozu das alles?»

Die Politik hat keine Antworten auf die Anliegen der Jungen

Ob die Kundgebungen schon bald vergessen sein werden oder ob hier eine neue Jugendbewegung ihren Ausgang nimmt, ist noch kaum absehbar. Insgesamt sollen sich in ganz Deutschland deutlich weniger als die angekündigten 180’000 Teilnehmer versammelt haben. Auch Berlin, so der Eindruck des Reporters, hat schon deutlich grössere Demonstrationen gesehen.

Das Thema der Ressourcenverteilung zwischen den Generationen dürfte in den kommenden Jahren allerdings eher noch mehr zu reden geben. Antworten darauf hat die Politik angesichts der demografischen Entwicklung im Grunde nicht, sodass sich unter den Jungen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit breitzumachen scheinen. Die Reaktion der SPD, einen nationalen Bildungsgipfel einberufen zu wollen, mag gut gemeint sein, wirkt in ihrer Hilflosigkeit aber fast rührend.

Vor allem am Abend kam es zu Gewaltausbrüchen. (Bild: Ebrahim Noroozi/AP)

So erscheint durchaus möglich, dass die Ereignisse vom Samstag einen Vorgeschmack auf stürmischere Zeiten geben könnten: Von den oft beschworenen «französischen Verhältnissen» ist Deutschland zwar noch weit entfernt, doch vor allem in Frankfurt und Köln kam es am Abend zu Ausschreitungen; in beiden Städten setzte die Polizei Wasserwerfer ein.

In Berlin wurden Flaschen und Böller auf Polizisten geworfen. Grösstenteils blieb es aber friedlich; die befürchteten Plünderungen am Kurfürstendamm blieben aus.

 
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