Deutscher «Ersatzkanzler» in Ankara: Erdogan rollt den Roten Teppich aus
Auch die Türkei sieht in Hendrik Wüst offenbar einen Anwärter auf das Amt des deutschen Bundeskanzlers: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und hochrangige Minister seiner Regierung fanden Zeit für Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, der bis zu diesem Mittwoch die Türkei besucht. Wüst gab sich staatsmännisch und erklärte, er habe mit Erdogan über Gemeinsamkeiten gesprochen, aber auch über «unterschiedliche Positionen». Wichtig sei der «offene Dialog».
Offiziell geht es bei der ersten Türkei-Reise eines nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten um Wirtschaftsbeziehungen, die Erinnerung an den Beginn der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland vor 65 Jahren und die Interessen eines Bundeslandes mit einer Million türkischstämmiger Bürger. Dass Wüst als möglicher Nachfolger von Bundeskanzler Friedrich Merz gehandelt wird, überschattete diese Themen jedoch. Ein Staatspräsident wie Erdogan empfängt einen deutschen Landespolitiker nicht alle Tage.
Das Präsidialamt in Ankara veröffentlichte Fotos von der Begegnung, die knapp eine Stunde dauerte: Erdogans Botschaft, dass Wüst aus seiner Sicht mehr ist als ein Provinzpolitiker, war überdeutlich. Am Dienstag traf Wüst auch Aussenminister Hakan Fidan und Finanzminister Mehmet Simsek.
«Ankara ist an guten Beziehungen zu dem Mann interessiert, der eines Tages Deutschland regieren könnte», sagte der Blogger und Buchautor Murat Yetkin, ein erfahrener Kenner der türkischen Politik, zu «Schweiz heute».
Der Aufstieg der AfD und die Niederlagen von CDU und SPD bei den jüngsten Landtagswahlen würden in der Türkei aufmerksam beobachtet, sagt Yetkin. «Darüber macht man sich hier Sorgen.»
Wüst will neues Kapitel in den Beziehungen aufschlagen
Möglicherweise spielte Akif Cagatay Kilic, Erdogans aus dem nordrhein-westfälischen Siegen stammender Sicherheitsberater, eine Rolle beim Zustandekommen des Treffens von Wüst mit dem Staatschef im Präsidentenpalast von Ankara. Kilic hatte Wüst im Juni in Düsseldorf besucht und mit ihm über die deutsch-türkischen Beziehungen und Europafragen gesprochen. Die Türkei fordert eine Modernisierung der Zollunion zwischen der Türkei und der EU, was von Wüst im Interesse der nordrhein-westfälischen Wirtschaft unterstützt wird.
Zum Auftakt seiner Reise forderte Wüst, Deutschland und die Türkei sollten ein neues Kapitel in ihren Beziehungen aufschlagen. Der Ministerpräsident wird von einer grossen Wirtschaftsdelegation begleitet und wollte in Ankara auch mit Politikern aus der Opposition sowie mit Vertretern der Zivilgesellschaft sprechen.
Das politische Ankara sei sich auch über Wüsts Wahlkampfinteressen und sein Werben um die Stimmen der türkischstämmigen Wähler in NRW bei der nächsten Landtagswahl im April im Klaren, meint Yetkin. Wüst sucht anders als andere CDU-Politiker häufig den Kontakt zur deutsch-türkischen Minderheit.
Bei einem Festakt zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens von 1961 in Düsseldorf sagte Wüst vor zehn Tagen, die so genannten Gastarbeiter hätten das Land «vielfältiger, offener und stärker gemacht». Mit dieser Botschaft dürfte Wüst auch in Ankara gut angekommen sein.
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