«Kommt vermummt»: Wie Randalierer ungestört in Barcelona wüten konnten
Die Polizei ahnte nichts. Am Samstag organisierten sich Hunderte Jugendliche in Barcelona spontan über einen TikTok-Chat namens «Blocus». Von hier wurden Interessierte zu geschlossenen Gruppen bei Telegram und Whatsapp weitergeleitet. Viel Inhalt gab es nicht: Ort, Zeit und der Aufruf, mit dunkler Kleidung und vermummten Gesicht zu kommen.
Nur wenige Stunden später versammelten sich gegen 17 Uhr bis zu 600 Schüler und Jugendliche auf Barcelonas Zentralplatz Plaça Catalunya. Viele wirkten ein wenig planlos. Es gab nur ein Transparent mit der Aufschrift «Contra el sistema, instis en lluita» (Gegen das System – Schulen im Kampf).
Das Vorbild der geplanten Protestaktion waren die Schülerproteste der Bewegung «Lycées Indignés», die vor allem Paris seit Tagen überziehen. Wie in Frankreich wollte auch Spaniens Jugend ihrer Unzufriedenheit über Missstände an Schulen, soziale Ungleichheit und fehlende Zukunftsperspektiven Luft machen. Und wie in Frankreich gelang es auch in Barcelona einer Gruppe von rund 50 Randalierern und gewalttätigen Systemgegnern, den Protest in der spanischen Mittelmeermetropole ausarten zu lassen.
Nur eineinhalb Stunden nach Beginn des Treffens fingen erste Unruhestifter an, Stadtmobiliar und Müllcontainer in Brand zu setzen, Bushaltestellen zu zerstören und Geschäfte zu plündern. Vor allem Mode- und Schmuckgeschäfte sowie Elektronikläden wurden gestürmt. Zahlreiche Geschäfte rund um die Plaça Catalunya schlossen ihre Türen, versuchten provisorisch, ihre Schaufenster zu schützen.
Besitzer kleinerer Läden bewaffneten sich sogar mit Baseball-Schlägern, um die Plünderer fernzuhalten. Hunderte Touristen, die beim Shoppen waren, sassen in den Geschäften fest. Passanten, die sich in der Gegend aufhielten, wurden von den Vorfällen überrascht. Sicherheitskräfte forderten Touristen und Einheimische auf, den Bereich schnellstmöglich zu verlassen.
Mit Barrikaden und Pflastersteinen gegen die Polizei
Als endlich Hundertschaften der spanischen Bereitschaftspolizei anrückten, errichteten die jugendlichen Randalierer aus geparkten Velos und Motorrädern Barrikaden und lieferten sich mit Stöcken und Pflastersteinen bis in die Nacht regelrechte Strassenschlachten mit der Polizei. Sie griffen die Beamten sogar mit Böllern und Leuchtfackeln an. Die katalanische Regionalpolizei Mossos d'Esquadra sperrte grosse Teile der Innenstadt ab, schränkte den Zugang zu U-Bahnstationen ein.
Die Behörden hatten die Lage zeitweise nicht mehr unter Kontrolle. Am Ende des Tages wurden rund 130 Jugendliche festgenommen. Bei 73 handelte es sich um noch Minderjährige. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen wurden 15 Polizisten verletzt, vier davon schwer. Die Feuerwehr musste 33 Brände löschen. 23 Geschäfte wurden beschädigt.

«Wir werden nicht zulassen, dass dies ungestraft bleibt», versicherte Barcelonas Bürgermeister Jaume Collboni. Man werde die volljährigen Verantwortlichen sowie die gesetzlichen Vertreter der Minderjährigen zur Rechenschaft ziehen, betonte Collboni. Kataloniens Ministerpräsident Salvador llla verurteilte die Gewalttaten aufs Schärfste: «Gewalt hat in Katalonien keinen Platz. Niemals. Protestieren ist ein demokratisches Recht. Angriffe, Einschüchterungen und Sachbeschädigung hingegen nicht».
Warnungen gab es schon vor Tagen
Während die Polizei in Barcelona von den Ausschreitungen überrascht wurde, befürchteten Experten seit Tagen, die Schülerproteste in Frankreich könnten auf Spanien überschwappen. Vor allem die zunehmende Wohnungsnot und fehlende Zukunftsperspektiven wühlen Spaniens Jugend seit Wochen auf.
Ende September löste die polemische Zwangsräumung der 87-jährigen Rentnerin Maricarmen in Madrid landesweite Massendemonstrationen und Protestcamps aus, an denen sich hauptsächlich junge Spanier beteiligten. Der spanische Mieterbund und Gewerkschaftsverbände haben für den 11. November sogar zum Generalstreik für bezahlbaren Wohnraum aufgerufen.
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