Jetzt wird auch in Barcelona geplündert: Welle der Gewalt erschüttert erneut Europas Städte
Was ist wo passiert?
Die französischen Behörden hatten fürs Wochenende weitere Ausschreitungen bei Protesten erwartet. Die Regierung von Präsident Emmanuel Macron mobilisierte deshalb 10'000 zusätzliche Polizisten, um eine Wiederholung der Verwüstungen vom vergangenen Wochenende zu verhindern. Insgesamt standen 70'000 Polizisten und Gendarmen im Einsatz.
Zunächst schien die Strategie aufzugehen. Etwas mehr als 400'000 Menschen demonstrierten weitgehend friedlich. Doch gegen Abend kippte die Stimmung.
In Paris lieferten sich vermummte Demonstranten erneut Strassenschlachten mit der Polizei. Diese konnte in der französischen Hauptstadt grossflächige Plünderungen dieses Mal allerdings verhindern.
Anders sah es in kleineren französischen Städten aus, wo eine Reihe von kleineren Geschäfte und Supermärkten angegriffen und ausgeraubt wurden. In Marseille traf es auch ein Juweliergeschäft. Besonders heftige Szenen spielten sich laut französischen Lokalmedien in Grenoble ab: Dort zog ein Mann einen pistolenähnlichen Gegenstand, um seinen Laden zu schützen, als ein Mob diesen angriff. Auch in Lyon, Nantes und Toulouse kam es zu Zusammenstössen.
Die heftigsten Szenen kamen am Samstagabend allerdings aus Barcelona. Dort lieferten sich vermummte Jugendliche Strassenschlachten mit der Polizei und plünderten eine Reihe von Geschäften – darunter Schmuck- und Elektronikläden. Die Behörden hatten die Lage zeitweise nicht mehr unter Kontrolle. Am Ende des Tages wurden rund hundert Jugendliche festgenommen, davon war jeder vierte minderjährig. In Rom sorgten dagegen vor allem Szenen aus dem Kolosseum für Aufsehen, wo Demonstranten das Gelände stürmten.
Auch in Albanien und Belgien kam es bei Protesten zu Kämpfen mit der Polizei.
Welche Gefahr besteht für Touristen?
Wie schnell Unbeteiligte in die Ausschreitungen geraten können, zeigte sich in Barcelona. Dort sassen Hunderte Passanten zeitweise in Geschäften fest, während draussen Jugendliche randalierten. Einige Ladenbesitzer und Anwohner verteidigten ihre Liegenschaften mit Baseballschlägern. Die Polizei sperrte Teile der Innenstadt ab, auch der Zugang zu Metrostationen war zeitweise eingeschränkt.
Mehrere Länder haben ihre Reisehinweise für Grossstädte inzwischen angepasst. Das deutsche Auswärtige Amt warnt für Frankreich vor weiteren Ausschreitungen und kurzfristigen nächtlichen Ausgangssperren. Auch Grossbritannien und Kanada raten Reisenden, Demonstrationen zu meiden und mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen.
Die Schweiz hat ihre Reisehinweise dagegen nicht verschärft. Das Aussendepartement hält Reisen nach Frankreich und Spanien weiterhin grundsätzlich für sicher. Es warnt allerdings vor gewalttätigen Zusammenstössen, Brandstiftungen und Strassenblockaden. Reisende sollten Demonstrationen meiden und die Anweisungen der Behörden befolgen.
Wie reagiert die Politik?
Besonders scharf antwortete Kataloniens Regierungschef Salvador Illa, dessen Stadt Barcelona am Samstag das Epizentrum der Ausschreitungen in ganz Europa war. «Gewalt hat in Katalonien keinen Platz. Niemals», schrieb er auf X. «Demonstrieren ist ein demokratisches Recht. Menschen anzugreifen, einzuschüchtern oder Zerstörungen anzurichten, ist es nicht.» Der Mitte-Links-Politiker kündigte Konsequenzen an: «Wir werden dafür sorgen, dass diejenigen, die so handeln, dafür bezahlen.»
Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez zeigte sich am frühen Abend dagegen zufrieden mit dem Polizeieinsatz. Die Demonstrationszüge seien «gut verlaufen», sagte er. Allerdings seien die Sicherheitskräfte erneut mit einem «extrem hohen Mass an Gewalt» konfrontiert gewesen. Bis dahin wurden landesweit fast 1'000 Menschen festgenommen. Insgesamt beteiligten sich nach Regierungsangaben rund 410'000 Menschen an den Protesten – weniger als die 550'000 am Wochenende zuvor.
Ganz anders klang Jean-Luc Mélenchon. Der französische Linkspolitiker forderte Präsident Emmanuel Macron auf, den Demonstranten entgegenzukommen. Andernfalls werde es jede Woche neue Proteste geben. Der Regierung warf er vor, durch ihre Sicherheitsmassnahmen selbst Unordnung zu provozieren.
In Italien verteidigte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni dagegen den harten Kurs der Regierung. Bereits am Dienstag beschlossene neue Sicherheitsmassnahmen sollten verhindern, dass Gewalttäter ganze Städte verwüsten könnten.
Warum betreffen die Proteste nicht mehr nur Frankreich?
Die französischen Proteste finden über soziale Medien zunehmend Nachahmer im Ausland. Das zeigte sich am Samstag etwa in Barcelona. Dort verbreiteten sich Aufrufe unter dem Motto «Instituts Indignats», angelehnt an die französische Schülerbewegung «Lycées Indignés». Auf TikTok kursierte ein Video mit der Botschaft: «Frankreich hat bereits gezeigt, dass es keine Angst hat. Und wir?»
Die Jugendlichen werden vor allem über Whatsapp, Telegram und Instagram mobilisiert. Es kursieren Aufrufe mit der Aufforderung, an bestimmten Daten vermummt an Fixpunkten zu erscheinen. Teilweise wird auch direkt dazu aufgerufen, Geschäfte zu verwüsten. Ähnliche Aufrufe und Aufforderungsvideos gibt es mittlerweile auch für die Schweiz – allerdings mehr noch für Deutschland.
Wie geht es weiter?
Landesweite Proteste werden in Frankreich am nächsten Samstag, 31. Oktober, erwartet. Dazu ruft die Bildungsgewerkschaft «SUD éducation» auf. Eine Woche später wollen die grossen französischen Gewerkschaften demonstrieren. Am gleichen Datum ist in Deutschland eine bundesweite Strassendemonstration angekündigt. In Italien wollen Studierende am kommenden Freitag, 30. Oktober, einen landesweiten Streik organisieren. Eine Beruhigung der Lage scheint derzeit deshalb nicht in Sicht.
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