«Sie wollen andere bekehren und auf den richtigen Weg führen»: Kirchenhistoriker erklärt das Wesen der Piusbrüder
Brav gekleidete Frauen, mobile Beichtstühle, die heilige Messe auf Latein und 16'000 Gläubige aus der ganzen Welt: Am Mittwoch weihte die Piusbruderschaft in Ecône im Kanton Wallis vier neue Bischöfe. Damit haben die erzkonservativen Katholiken den Willen des Papstes ignoriert und automatisch ihre Exkommunikation provoziert. Die Gemeinschaft der Piusbrüder umfasst weltweit rund 600'000 Gläubige, darunter knapp 1000 Priester und etwa 300 Nonnen. Markus Ries ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern und ordnet die aktuellen Ereignisse ein.
Markus Ries, könnten Sie einer heiligen Messe auf Latein folgen?
Ja. Ich bin 67 Jahre alt. Als Ministrant in Weinfelden TG erlebte ich zunächst noch die alte Liturgie. Der Priester hielt die Messe auf Latein, wie heute die Piusbrüder. Ich kenne die Gebete heute noch auswendig. Nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 setzte sich die neue Liturgie nach und nach durch. Der Pfarrer verwendet seither die Volkssprache.

Die meisten Anhänger der Piusbrüder verstehen ja nichts, wenn ihr Pfarrer Latein spricht.
Das ist auch nicht nötig. Der Priester zelebriert die Messe auf Latein, und das Volk folgt ihm. Die Messe muss einfach feierlich, schön und traditionsverbunden sein. Die Katholiken hingegen begreifen den Gottesdienst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als eine Feier, an der die Gläubigen aktiv teilnehmen und verstehen, was der Priester sagt.
Was unterscheidet die Piusbrüder am stärksten von den Katholiken?
Der augenscheinlichste Unterschied ist ganz klar die Liturgie.
Und sonst?
Die Piusbrüder haben ein komplett anderes Verständnis davon, wie das Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft zu gestalten ist. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich bei den Katholiken die Vorstellung durchgesetzt, dass sie mit einer pluralistischen Gesellschaft in einen konstruktiven Dialog treten. Die Katholiken beanspruchen die Wahrheit nicht allein für sich, sondern anerkennen ausdrücklich, dass sich Wahrheit auch in anderen Glaubensrichtungen findet. Die Piusbrüder hingegen haben eine Mission: Sie wollen andere bekehren und auf den richtigen Weg führen. Die Wahrheit und der Irrtum können nicht das gleiche Recht beanspruchen. Die Piusbrüder lehnen es deshalb ab, dass die Kirche die Glaubensfreiheit als Menschenrecht versteht.
Was ist für die Anhänger das Faszinierende an der Piusbruderschaft?
Die Piusbrüder haben einen starken Zusammenhalt und vertreten eine klare Linie. Man weiss, was richtig und was falsch ist. Es gibt kein Verwischen, kein Abwägen, nichts Schwammiges. Auf alle Lebensfragen gibt es eine Antwort. Die Rollen von Mann und Frau sind klar verteilt, unveränderlich vorgegeben von Gott. Gegenüber modernen gesellschaftlichen Entwicklungen herrscht grosse Skepsis.
Hat die Piusbruderschaft das Potenzial, in der Schweiz zu einer Massenbewegung zu werden?
Die Bilder mit den zahlreichen Anhängern, die aus der ganzen Welt zur Bischofsweihe ins Wallis pilgerten, sind eindrücklich. Die Piusbrüder spielen in der Schweiz aber keine dominierende Rolle. Sie sind eine Art katholische Freikirche, die es nicht schaffen wird, die Säkularisierung der Gesellschaft rückgängig zu machen. Der Mitgliederschwund muss den traditionellen Landeskirchen trotzdem zu denken geben. Wenn dieser Trend anhält, wird irgendwann in ferner Zukunft vielleicht jeder zweite Gläubige ein Piusbruder sein.
Weshalb blickt die ganze Weltpresse auf die Schweiz, wenn eine religiöse Randgruppe vier Bischöfe weiht?
Die Schweiz ist eine Art Rom der Piusbrüder. In Freiburg wurden sie 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. In Ecône errichteten sie ein Priesterseminar. Wenn sie jetzt an einem Grossanlass den Bruch mit dem Papst provozieren, liegt das öffentliche Interesse auf der Hand.
Wie gross ist die Gefahr religiöser Spannungen?
Sie sind innerhalb des Katholizismus grösser als im Verhältnis zu anderen Weltreligionen. Der Absolutheitsanspruch der Piusbrüder triggert die Reformierten nicht. Sie gefährden nicht den Frieden zwischen den Konfessionen. Sie haben ja nicht die Möglichkeit, Angehörige anderer Glaubensrichtungen unter Zwang zu bekehren. Aber es gibt unter den Katholiken durchaus eine sehr konservative Minderheit mit einem Flair für traditionelle Kirchenästhetik, die von den Piusbrüdern bedient wird. Hier sehe ich ein gewisses Konfliktpotenzial.
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