Kokain-Euros im Gepäck: Schwester des Clan-Bosses wehrt sich gegen Schweizer Strafbefehl
Im September stand der mutmassliche Schweizer Statthalter eines Mafia- Bosses in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht. Der im Aargau wohnhafte italienische Kleinunternehmer soll 20 Jahre lang die Schweizer Schlüsselfigur des 'Ndrangheta-Clans der Anello-Fruci gewesen sein. Er soll Investitionen unter anderem in Restaurants und Striplokale hier verwaltet und beaufsichtigt, Geld nach Italien transportiert, Drogengeschäfte vermittelt und den illegalen Waffen- und Munitionshandel unterstützt haben. Ihm wird Mafia-Zugehörigkeit vorgeworfen.
Anfang Oktober muss sich auch die Schwester des kalabrischen Bosses Rocco Anello in Bellinzona verantworten, die sich jahrelang in der Schweiz aufhielt. Bei ihr geht es «nur» um Geldwäscherei; der Vorwurf der Mafia-Unterstützung in ihrem Fall wurde offensichtlich fallengelassen. Ihr wird vorgeworfen, sie habe «zumindest» an einem bestimmten Tag, nämlich am 19. Juli 2020, 50'000 Euro aus Italien in die Schweiz geschmuggelt. Die Italienerin (60) habe die Geldscheine in ihrer eigenen Wohnung in Gretzenbach im Kanton Solothurn deponiert, so die Bundesanwaltschaft.
Drogenspuren auf den Euronoten
Die Banknoten wiesen Spuren von Kokain und Heroin auf, wie eine Untersuchung zeigte. Für den Transport in die Schweiz waren die Scheine laut Bundesanwaltschaft in drei mit Stoff umwickelten Plastiksäckchen verstaut worden. Der Stoff war zuvor in einer Mischung aus Wasser und Talkpuder getränkt worden. Versteckt war das Ganze in einer Tasche mit doppeltem Boden.
Die Schwester des Bosses habe gewusst, so steht es in der Anklage, «dass das Geld aus Verbrechen stammte, nämlich aus einer qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz».
Entdeckt hatten die Strafverfolgungsbehörden das mutmassliche Drogengeld offensichtlich bei einer Hausdurchsuchung am 21. Juli 2020. Damals wurden in der Schweiz und in Italien auch der Aargauer Kleinunternehmer und 74 weitere Personen aus dem Umfeld des Clans verhaftet und Vermögenswerte von 170 Millionen Euro beschlagnahmt.
Im Oktober 2024 verurteilte die Bundesanwaltschaft die Frau per Strafbefehl wegen Geldwäscherei zu einer bedingten Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu 30 Franken und einer Busse von 800 Franken. Das mutmassliche Drogengeld wurde eingezogen. Weil die Verurteilte den Strafbefehl nicht akzeptierte, kommt sie nun in Bellinzona vor den Einzelrichter.
Die Schwester des Bosses arbeitete in der Schweiz unter anderem getarnt als Serviertochter und Zimmermädchen in einem Hotel-Restaurant.
Das Urteil gegen die Frau soll im November verkündet werden. Ebenso jenes gegen den Aargauer Baggerunternehmer, für den die Bundesanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verlangt. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch.
Einer der Haupttäter in der Schweiz, ein kalabrischer Pizzeria-Besitzer aus dem Aargau, wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt. Die Pizzeria im Aargau ging in Konkurs. Mittlerweile läuft sie wieder, geführt von der gleichen Familie. Als wäre nichts geschehen.
Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.
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