Endlich ist es wieder nass: Schöner hat es nie geregnet
Zuerst ist da dieser Klang: Ein leises Prasseln. Dann der Donner. Aus dem Prasseln wird ein Rauschen. Fenster auf, der Regen ist da.
Und wie es duftet. Erdig und etwas miefig und doch so erfrischend.
Es regnet wieder. Endlich.
Ab auf den Balkon. Der Nachbar ist auch draussen. Im Block unten haben sich auch Menschen kurz nach 6 Uhr nach draussen geschält. Überall werden die Fenster aufgerissen. Durchzug durch die ganze Wohnung. Weg mit der abgestandenen Luft, die in den letzten Wochen so bleischwer rumhing und nie kräftig weggewittert wurde. Diese Mischung aus Schweiss, Sonnencreme und ständigem Grillieren.
Jeder Tropfen macht Freude. Niemand flucht über den Regen, niemand holt noch hektisch die Wäsche rein. Im Gegenteil: An der Bushaltestelle stehen ein paar Verwegene nicht unter dem Dach und lassen sich verregnen. Eine Glungge wird fotografiert.
Endlich wieder lange Hosen ohne Angstzustände vor Schweissausbrüchen. Endlich wieder geschlossene Schuhe. Endlich wieder Regenjacke. Was vor ein paar Monaten noch schlechte Laune ausgelöst hätte, fühlt sich jetzt an wie ein Privileg.
Die Natur dürstet es nach jedem Tropfen, aber auch die Menschen lechzen nach dem Regen. Die Hitze hat uns ausgetrocknet. Immer nur heiss, immer nur trocken, immer nur stickig. Anfangs waren die Sommernächte aufregend, die Badibesuche machten noch Spass, die Tage waren wie Ferien am Mittelmeer, auch wenn der Wecker am Morgen klingelte.
Doch mit jedem Tag ohne Regen verschwand diese Leichtigkeit langsam. Flüsse trocknen aus. Bauern haben kein Futter mehr und schicken ihre Kühe früher zum Metzger. Absolutes Feuerverbot in einem Grossteil der Schweiz. Übersterblichkeit wegen der Hitze. «Seien Sie sparsam mit dem Wasser und verzichten Sie auf das Tränken von Pflanzen», steht auf dem Flyer, der im Briefkasten liegt.
Müde von der ständigen Hitze prüfen wir zum hundertsten Mal die Wetter-App. Sonne. Sonne. Sonne. Keine Wolken. Schon gar kein Regen. Maximal ein paar Kurzgewitter zwischen zwei Hitzewellen. Die Strassen trockneten innert Minuten. Es war gerade genug, um aus der Hitze eine Schwüle zu machen. Immerhin war das auf eine andere Art unangenehm. Aber auch nur kurz.
Jetzt endlich wieder Regen. Richtiger Regen. Die Tropfen bleiben an der Scheibe kleben. Leute öffnen wieder ihre Schirme. Das offene Fenster kühlt den Raum wieder ab, die Klimaanlage hat Pause.
Natürlich: Auch die paar angesagten Regenstunden lösen keine der akuten Probleme. Sie füllen weder die Bäche, noch retten sie Ernten. Aber alleine die Tatsache, dass es wieder regnet, fühlt sich an wie ein Ereignis. Die Luft wird leichter. Es wird alles etwas dunkler. Langsam schleicht sich das Wasser am Trottoir entlang in den Dollendeckel. Ein Kind trägt Gummistiefel und springt in eine Glungge.
Aufregend, anregend, erregend: Da steckt überall «Regen» drin. Es braucht ihn. Auch wörtlich.
Und es braucht ihn auch deswegen, damit wir die Sonne wieder mögen können. Wir schätzen die heissen Tage nicht mehr, wenn die Abkühlung ausbleibt. Die Hitze, die gestern noch Spass machte, wird morgen zur Bedrohung, wenn es einfach immer nur heiss ist.
Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag: Immer Wolken mit Tröpfchen auf der App. Grossartig.
Bald wird er wieder nerven, dieser Regen. Dann wird die Regenjacke wieder zur Qual. Der kurzen Hose wird nachgetrauert. Wir werden an der Bushaltestelle wieder unters Dach flüchten und uns über nasse Schuhe ärgern. Niemand wird mehr Glunggen fotografieren. Und irgendwann werden wir morgens aus dem Fenster schauen und seufzen: Nicht schon wieder.
Hoffentlich.
Denn es ist ein gutes Zeichen, wenn Regen nervt. Wenn er nichts Besonderes mehr ist, kein Ereignis, auf das man wochenlang wartet und dessen Ankunft man auf dem Balkon verfolgt. Wenn Regen einfach wieder Regen ist. Manchmal willkommen, manchmal lästig und manchmal genau am falschen Wochenende.
Jetzt noch nicht. Das Fenster bleibt offen. Das Prasseln des Regens ist beinahe meditativ. Es riecht nach nasser Erde. Schöner hat es nie geregnet.
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