Männer dafür, Frauen dagegen: Neue AKW werden zur Geschlechterfrage
Der Schweizer Atomausstieg war Frauensache. Als Energieministerin Doris Leuthard (CVP) im Frühling 2011 verkündete, dass die Schweiz ihre Atomkraftwerke schrittweise abschalten werde, herrschte in der Landesregierung eine Frauenmehrheit. Die Bundespräsidentin hiess Micheline Calmy-Rey, die Justizministerin Simonetta Sommaruga und die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf.
Letztere habe damals eine entscheidende Rolle gespielt, sagte Leuthard später: «Es half, dass Sie als Bündnerin keine Beziehung zur Atomwirtschaft hatte. Ich bin überzeugt: Eine Mehrheit von FDP- und SVP-Männern im Bundesrat hätte damals beim Atomausstieg nicht mitgemacht.» Wohl ebenfalls kein Zufall: In Deutschland beschloss Bundeskanzlerin Angela Merkel die gleiche Massnahme als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima.
Umfragen bestätigen das Bild
Inzwischen ist es vorbei mit der Frauenmacht in der Landesregierung und auch energiepolitisch steht die Schweiz an einem anderen Ort als 2017, als das Volk den Atomausstieg an der Urne bekräftigte. In der Sommersession beschlossen National- und Ständerat, das Neubauverbot für Atomkraftwerke aufzuheben. Es war ein Sieg für Energieminister Albert Rösti, der mit diesem indirekten Gegenvorschlag das Hauptanliegen der Blackout-Initiative aufnahm.
Kaum geändert haben dürfte sich indes die Skepsis der Frauen gegenüber der Kerntechnologie. In sämtlichen Umfragen zeigt sich: Männer befürworten AKW (auch neue) mehrheitlich, Frauen lehnen sie deutlich ab. 2023 trat dies etwa in einer Befragung zutage, welche just das Schweizer Nuklearforum als Lobbyorganisation in Auftrag gegeben hatte.
Nur 25 Prozent der befragten Frauen gaben damals an, der Kernenergie grundsätzlich positiv gegenüberzustehen – halb so viele wie bei den befragten Männer. Während 54 Prozent der Männer sagten, das Abfallproblem sei lösbar, stimmte dieser Aussage nur rund ein Drittel der Frauen zu. Neben dem radioaktiven Abfall gehören Bedenken zu Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Atomkraftwerke zu den meistgenannten Gründen für die Ablehnung.
In jüngsten Umfragen zeigte sich die Schweizer Bevölkerung etwas aufgeschlossener gegenüber nuklearer Energie, nach Geschlechtern aufgeschlüsselt wurden diese allerdings nicht.
Geschlechtergraben in der Mittepartei
Zeigen wird sich der Gender-Gap allerdings am Dienstag, wenn das Referendumskomitee gegen das Atom-Comeback vor die Medien tritt. Angekündigt ist unter anderem Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder. Das an sich ist keine Überraschung, die Luzernerin weibelte bis zuletzt für einen Rückweisungsantrag - vergeblich. Auftreten wird sie auf dem Podium aber als Vertreterin der Mitte-Frauen. Diese haben gemäss gut unterrichteten Quellen bereits beschlossen, das Referendum zu unterstützen.
Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy hingegen positionierte seine Partei zuletzt anders. In einem Interview gegenüber der «NZZ» wies er darauf hin, dass sich seine Partei bewegt: «Bei der Schlussabstimmung war fast die Hälfte unserer Nationalratsfraktion dafür, die Ständeräte stimmten sogar fast geschlossen zu.»
Beznau abgestellt
Bereits am 23. Juni meldete der Energiekonzern Axpo, dass die Leistung der beiden Reaktoren im Atomkraftwerk Beznau auf 50 Prozent gedrosselt werde. Grund dafür ist die anhaltende Hitzewelle, welche die Aare auf über 25 Grad erwärmt. Das Kühlwasser des Atomkraftwerks wird aus der Aare entnommen und nach dem Kühlvorgang wieder in den Fluss zurückgeleitet. Am Freitag bestätigte ein Axpo-Sprecher auf Anfrage, dass das AKW ganz heruntergefahren werde. (bro)
Noch deutlicher ist die Zustimmung unterdessen bei der FDP. Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher trat früher zwar noch als AKW-Gegnerin auf, befürwortet mittlerweile aber neue AKW. Und mit der Waadtländer Nationalrätin Jacqueline De Quattro ist bei der zweiten Abstimmung auch die letzte Freisinnige gekippt.
Noch nicht im Referendumskomitee ist die Frauen-Lobby-Organisation Alliance F. Auch diese hat allerdings bereits Stellung bezogen. Anfang Juni verschickte der überparteiliche Dachverband einen Brief an die Nationalrätinnen und Nationalräte mit der Bitte, sowohl die Initiative als auch den indirekten Gegenvorschlag abzulehnen.
Begründet wird dies unter anderem mit einer «historischen Verpflichtung»: Bereits 1990 hätten 58 Prozent der Frauen dem Ausstieg aus der Atomenergie zugestimmt. «In der Frage der Energiewende nehmen die Frauen signifikant eine andere Position ein als die durchschnittliche Bevölkerung», heisst es im Brief.
Das dürfte sich dereinst im Abstimmungskampf abbilden - auch ohne Frauenmehrheit im Bundesrat.
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