Extreme Armut, Geheimbotschaften und Schuhe fürs Museum – Calmy-Reys Erinnerungen an Nordkorea
Dieses Mal wollte das Wetter nicht mitspielen: Als Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) gemeinsam mit seiner Ehefrau Paola Rodoni Cassis und vier Mitarbeitenden am Donnerstag auf dem Flughafen der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang landete, regnete es stark. Die Begrüssung durch nordkoreanische Offizielle erfolgte unter grossen, schwarzen Regenschirmen.
Cassis' Vorvorgängerin Micheline Calmy-Rey (SP) hatte vor über 23 Jahren mehr Wetterglück. Sie war als Aussenministerin für fünf Tage in Nordkorea für hochrangige Gespräche sowie Besuche bei Entwicklungsprojekten zu Gast gewesen, bevor sie am 20. Mai 2003 bei mildem und trockenem Wetter zu Fuss die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea in Panmunjom überschritt. Dort war fünfzig Jahre zuvor ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden, das zwar die Kriegshandlungen beendete, der koreanischen Halbinsel aber keinen dauerhaften Friedenszustand brachte.

Calmy-Reys Grenzübertritt war ein historisches Ereignis: Erstmals seit dem Ende des Koreakriegs 1953 durfte ein amtierendes Regierungsmitglied eines ausländischen Staates die Demarkationslinie überschreiten. Die Fotos davon gingen um die Welt. Die roten Bally-Schuhe mit weissem Schweizer Kreuz, die Calmy-Rey dabei getragen hatte, sind heute im Landesmuseum in Zürich ausgestellt.
Im Gespräch mit «Schweiz heute» erinnert sich Calmy-Rey an die «ausserordentlich interessante Reise». Sie sei vom nordkoreanischen Militär vom Norden her an die Demarkationslinie gebracht worden. Diese verständigten sich mit den US-Offzieren auf der südlichen Seite per Megafon, erzählt Calmy-Rey.
Botschaften nach Seoul überbracht
Der Anlass der Reise war das 50-Jahre-Jubiläum der Präsenz von Schweizer Armeeangehörigen in der Überwachungskommission für den Waffenstillstand an der innerkoreanischen Grenze. Nur sechs Monate nach ihrer Wahl in den Bundesrat trat Calmy-Rey die von langer Hand vorbereitete Reise in das abgeschottete Land an.

In Erinnerung geblieben sei ihr die «extreme Armut», die die Schweizer Delegation vor allem bei Fahrten aufs Land zu sehen bekommen habe, wo man Schulen oder Entwicklungsprojekte besichtigte.
Die Reise sei in ein zeitliches Fenster gefallen, in dem die Möglichkeit einer diplomatischen Annäherung und einer beschränkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nord- und Südkorea bestanden habe, sagt die Genferin: «Die Nordkoreaner haben die Schweiz als neutrales Land und glaubhaften Vermittler angesehen und liessen ihre Botschaften an Südkorea durch mich als Schweizer Aussenministerin überbringen.» Deshalb sei die Reise in Südkorea auf enormes mediales Interesse gestossen.
Dialog mit Nordkorea ermöglichen
Auch Ignazio Cassis wird am Samstagmorgen (Ortszeit) in Seoul vor südkoreanischen Medien auftreten. Ob er dabei wie einst Micheline Calmy-Rey nach vertraulichen Botschaften aus Pjöngjang gefragt wird, ist unbekannt.
Am Donnerstag hat Cassis in Pjöngjang das 2020 geschlossene diplomatische Büro der Schweiz in Nordkorea wiedereröffnet. Am Freitag reiste er nach Gesprächen mit der nordkoreanischen Aussenministerin nach Südkorea weiter, wo ebenfalls Treffen mit Regierungsvertretern auf der Agenda stehen.
Das wiedereröffnete Büro soll den direkten Dialog mit Nordkorea ermöglichen und die bilateralen Beziehungen zu normalisieren helfen, wie Nicolas Bideau erläutert, der Kommunikationschef des Aussendepartements.
Nach mehreren Jahren der Isolation nehme Nordkorea seine diplomatischen Kontakte schrittweise wieder auf. Diese Gelegenheit wolle die Schweiz nutzen. Gerade in Zeiten zunehmender Spannungen brauche es mehr Dialog, nicht weniger, so Bideau: «Die Schweiz will sich dort nützlich machen, wo Diplomatie besonders schwierig ist.»
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