«Verprügle sie!»: Heimliche Telefonaufnahme bringt Regierungsrat in Bedrängnis
Er ist 64 Jahre alt, sitzt seit 2013 in der Tessiner Regierung und war zuvor Präsident des kantonalen Strafgerichts. Claudio Zali kann bereits auf eine lange Karriere in den Tessiner Institutionen zurückblicken. Nun steht der Lega-Politiker, der derzeit den Staatsrat präsidiert, im Zentrum eines politischen Sturms.
Auslöser sind zwei kompromittierende Audioaufnahmen von Telefongesprächen, die kürzlich auf einem Instagram-Profil veröffentlicht wurden. Darin soll Zali einer ihm bekannten Frau geraten haben, eine andere Frau – eine Stalkerin – zu verprügeln. Er habe dies selbst ebenfalls getan, als diese bei ihm zu Hause aufgetaucht sei. In einem zweiten Gespräch sagt Zali, er könne einen Freund in Mailand anrufen, der ihn niemals verraten würde und das Problem über Drittpersonen lösen könne. Schliesslich verweist er auf den Roman 1984 von George Orwell. Darin habe der britische Schriftsteller festgehalten, dass Menschen nur vor physischen Schmerzen Angst hätten.
Die Tessiner Medien halten die heimlich aufgenommenen Audiodateien für authentisch. Zuerst berichtete am Mittwoch der «Corriere del Ticino» über die brisanten Gespräche und enthüllte, dass die kantonalen Parteipräsidenten Alessandro Speziali (FDP), Fiorenzo Dadò (Mitte) und Fabrizio Sirica (SP) Zali in einem Brief aufgefordert haben, öffentlich Klarheit zu schaffen. Die Glaubwürdigkeit der Institutionen und das Vertrauen in sie stünden auf dem Spiel.
Die eigene Partei reagiert zurückhaltend
Die erhoffte Transparenz schuf Claudio Zali nicht. Stattdessen blies der kantonale Justizdirektor am Mittwochnachmittag zur Gegenattacke. In einer Stellungnahme bezeichnete er sich als Opfer einer schweren Verletzung seiner Privatsphäre. Es sei inakzeptabel, dass drei Parteipräsidenten illegal aufgenommene Gespräche politisch instrumentalisierten, um ungerechtfertigten Druck auf ein Regierungsmitglied auszuüben. Er sehe sich gezwungen, strafrechtlich gegen die drei Parteipräsidenten sowie gegen alle an der Veröffentlichung der Audiodateien beteiligten Personen vorzugehen.
Die Lega dei Ticinesi, sonst für eher laute Töne bekannt, reagierte hingegen zurückhaltend. Die Partei teilte über ihren Koordinator Daniele Piccaluga mit, sie prüfe die bekannt gewordenen Umstände und trage derzeit die Fakten zusammen. Man müsse die Rechte aller Beteiligten wahren und dürfe keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Lega werde sich äussern, sobald ein genügend klares Bild des Sachverhalts vorliege.
Das klingt nicht nach uneingeschränkter Rückendeckung für Zali, der bei den Wahlen im kommenden April erneut für den Staatsrat kandidieren will. Seine Ausgangslage ist kompliziert, weil die SVP mit einer eigenen Liste statt wie bisher gemeinsam mit der Lega antritt. Das Verhältnis zwischen Zali und der SVP ist zerrüttet – unter anderem, weil der Regierungsrat die SVP-Fraktion während einer Parlamentsdebatte als «Nullen» bezeichnet hatte.
Die Veröffentlichung der illegal aufgenommenen Telefongespräche macht Zalis Wahlkampf nicht einfacher. Die Affäre hat das Potenzial, die Tessiner Politik zu erschüttern. Reto Ceschi, Leiter des Informationsdepartements des italienischsprachigen Radio- und Fernsehsenders RSI, sprach in einem Kommentar von einer institutionellen Krise. Der Tessin dürfe nicht zu einem Kanton werden, in dem sich Mächtige alles erlauben könnten.
Offen bleibt, wer die Aufnahmen veröffentlicht hat. Auch die Identität der Frau, gegen die sich Zalis Äusserungen richten sollen, ist unbekannt.
Bekannt ist hingegen, dass vor gut einem Jahr eine Frau wegen Diffamierung zum Nachteil Zalis und seiner damaligen Partnerin, der FDP-Grossrätin Simona Genini, verurteilt wurde. Die Frau hatte 2023 in sozialen Medien den Inhalt einer Strafanzeige veröffentlicht, die sie 2017 gegen Zali eingereicht und später wieder zurückgezogen hatte. Beim Diffamierungsprozess erklärte sie, Zali habe ihr gegenüber Gewalt angewendet. Für Schlagzeilen sorgte der Fall auch deshalb, weil Zali der Zeitung «La Regione» die Berichterstattung über den Prozess gerichtlich untersagen lassen wollte.
Weiteres Verfahren wegen Amtsmissbrauch
Zali steht nicht nur wegen mutmasslicher Aufforderung zu Gewalt unter Druck. Am Donnerstag berichtete die Zeitung «La Regione», dass die Staatsanwaltschaft Ende Juni eine Strafuntersuchung gegen den Regierungspräsidenten wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und versuchte Nötigung eröffnet hat. Zali soll sich für einen 14-jährigen Jugendlichen eingesetzt haben, der sich in Untersuchungshaft befand. Die Mutter des Jugendlichen soll ihm persönlich bekannt sein.
Auch die Geschäftsprüfungskommission des Tessiner Parlaments untersucht den Fall. Dem Jugendlichen wird vorgeworfen, gemeinsam mit einer Gruppe einen anderen Minderjährigen entführt zu haben. Weil es für ihn keine geeignete Unterbringungsmöglichkeit gab, wurde er einen Monat lang ins Untersuchungsgefängnis La Farera bei Lugano gesteckt.
Am Ende wurde der Druck zu gross: Aufgrund des laufenden Verfahrens gibt Zali die politische Verantwortung für den Bereich der Justiz und der Kantonspolizei vorübergehend ab, wie die Tessiner Regierung am Donnerstagabend nach einer ausserordentlichen Sitzung mitteilte. Der Entscheid sei auf Antrag von Zali erfolgt.
Hinsichtlich der veröffentlichten Audioaufnahmen nahm die Regierung dessen Erklärungen zur Kenntnis. Sie betont, dass sie jede Form von Gewalt sowie jegliche Aufrufe zur Gewalt aufs Schärfste verurteile.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben






Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.