Blochers Wunschkandidat sagt ab: Wer bei der SVP jetzt noch im Spiel ist – und wie die Chancen stehen
Bisher hat nur die Genferin Céline Amaudruz ihre Ambitionen angekündigt. Die Kandidatenkür der SVP für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin ist bisher in erster Linie ein Ausscheidungsrennen: Eine Verzichtserklärung jagt die nächste. Neueste Absage: Pascal Schmid, Asylchef der SVP. Nach «gründlicher Abwägung» sei er zum Schluss gekommen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, sagte Schmid gegenüber dem «Tages-Anzeiger».
Vor ihm hatte bereits der Solothurner Nationalrat Christian Imark seinen Verzicht erklärt. Er möchte sich auf seine Familie und seine weiteren Engagements konzentrieren, sagte er gegenüber dieser Zeitung.
Die Anmeldefrist läuft am Freitag um 12 Uhr ab. Mehrere potenzielle Bundesratsanwärter überlegen sich, ob sie den Hut in den Ring werfen wollen – oder das Handtuch. Es sind alles Männer, mit einer Ausnahme.
Thomas Aeschi

Zum Beispiel für Thomas Aeschi. Tritt der 47-jährige Zuger an, wird die SVP-Fraktion ihrem Präsidenten den Platz auf dem Ticket kaum versagen können. Aeschi sagt, er werde seinen Entscheid spätestens am Freitag kommunizieren. Persönlich wird er wohl die Frage beantworten müssen, wie sich das Bundesratsamt mit seiner Rolle als Vater eines kleinen Kindes vereinbaren lässt – so wie das Amaudruz als Mutter bei der Ankündigung ihrer Bewerbung musste.
Die Bundesversammlung dürfte sich mit einem Kandidaten Aeschi schwertun. Er gilt als verbissen und sorgte in Kommissionssitzungen wiederholt mit ebenso zahllosen wie chancenlosen Anträgen für Unmut. Aeschi stand schon einmal auf dem Ticket: 2015 war sein Ruf als SVP-Dogmatiker ein wesentlicher Grund, dass der damals als Hinterbänkler verschriene Guy Parmelin gewählt wurde. Ausserdem: Der kleine Kanton Zug ist mit Martin Pfister in der Regierung bereits vertreten.
Auf der anderen Seite ist die Zentralschweiz historisch betrachtet in der Landesregierung notorisch untervertreten. Und die Romands könnten bald wieder zum Zug kommen. Ignazio Cassis dürfte nicht bis in alle Ewigkeit im Bundesrat bleiben. Wenn der Tessiner seinen Platz räumt, stehen genug Westschweizer Freisinnige für seine Nachfolge bereit.
Thomas Matter

Der 60-jährige Zürcher und Banker gehört als Vizepräsident zum innersten Zirkel der Parteileitung. Mit dem Rückzug von Regierungsrätin Natalie Rickli ist das Feld wieder offen, für die mächtige Zürcher SVP ins Rennen zu steigen. Thomas Matter hat sich als vehementer Kritiker der SRG profiliert und gilt als Vater der jüngsten Zuwanderungsinitiative gegen die 10-Millionen-Schweiz, die im Juni gescheitert ist. Bereits im März musste er bei der Abstimmung über die SRG-Halbierungsinitiative eine bittere Niederlage einstecken.
Bisher wurde Matter kaum zu jenen gezählt, die Bundesratsambitionen hegen. Doch da die Favoritinnen reihenweise absagen, gerät auch er in den Fokus. Er dürfte sich eine Kandidatur gut überlegen – auch, weil er weiss, dass seine Wahlchancen im Parlament nicht speziell gross wären. Sein Umgang und der Ton, den er gelegentlich anschlägt, kommen nicht überall gut an. Unter anderem hat er schon öffentlich kundgetan, Befürworter der neuen EU-Verträge seien «nicht ganz gebacken».
Jean-Pierre Gallati

Als sich Natalie Rickli als Favoritin aus dem Rennen nahm, liess sie es sich nicht nehmen, einen anderen Namen prominent zu lancieren: Der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati «wäre ein fähiger, führungserfahrener Bundesrat», schwärmte sie. Der 60-Jährige amtiert seit 2019 als Gesundheitsdirektor seines Kantons. Er kann somit exekutive Führungserfahrung vorweisen, was bei Bundesratswahlen viel zählt.
Dafür hat er ein anderes Handicap: National- und Ständeräte wählen ungern jemanden in den Bundesrat, den sie nicht persönlich kennen. Gallati war zwar einmal Nationalrat – aber nur sehr kurz, von Dezember 2019 bis März 2020. Ohne Netzwerk in den Bundesrat gewählt zu werden, ist schwierig – und klappt fast nur, wenn die Gegenkandidaten bei den anderen Fraktionen als zu extrem gelten oder unbeliebt sind. Gallati hätte prominenten Support: Der Aargauer FDP-Ständerat Thierry Burkart hat ihm öffentlich «volle Unterstützung» zugesagt.
Nicolas Kolly

Dem 40-jährigen Anwalt aus dem Kanton Freiburg, dessen Grossvater Gabriel Kolly auch bereits für die SVP im Nationalrat politisierte, werden in der Romandie schon länger Ambitionen auf höhere Ämter nachgesagt. Und dies, obwohl er in seiner ersten Legislatur steht.
Allerdings hat er medial den Sprung über den Röstigraben bisher nicht geschafft. Erschwerend kommt hinzu: Seine Kandidatur würde die Chancen von Céline Amaudruz – und damit die der Westschweiz – auf eine Nomination durch die Fraktion schmälern, weil sich die Stimmen der Welschen verteilten. Es wäre ein Dienst an der SVP-Zentrale, die anscheinend Amaudruz verhindern möchte, könnte ihn aber Sympathien bei der Basis im eigenen Landesteil kosten.
Pierre Alain Schnegg

Der Berner Regierungsrat wird vier Tage nach der Bundesratswahl 64‑jährig. Als Vertreter des französischsprachigen Kantonsteils könnte er den Anspruch auf eine Kandidatur aus der Romandie erfüllen. Schnegg führte den Kanton als Gesundheitsdirektor durch die Pandemie und machte sich einen Namen als unabhängiger Kopf. So gilt der freikirchlich engagierte Schnegg zwar als rechtskonservativer Hardliner, nicht aber als SVP-Apparatschik.
Bemerkenswert: SP-Bundesrätin und Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider arbeitet in manchen Dossiers eng mit Schnegg zusammen, etwa bei der Reform der Arzttarife. Das belegt, dass der Bernjurassier über die Parteigrenzen hinweg kooperieren kann.
Franz Grüter

Er hat manchen möglichen Mitbewerbern einen Schritt voraus: Franz Grüter, Stabschef der SVP Schweiz, habe die volle Unterstützung seiner Kantonalpartei, schrieb diese in einer Medienmitteilung. Er selbst hat aber noch nicht entschieden, ob er den Schritt wagen möchte.
In der SVP gilt Franz Grüter als linientreuer Organisator. Gleichzeitig bescheinigen ihm auch Angehörige anderer Fraktion, dass er seinen Job als Präsident der Aussenpolitischen Kommission gut erledigt hat. Grüter bringt zudem einen gewissen Gmögigkeits-Faktor mit, dem in anderen Bundesratswahlen schon grosse Bedeutung zugemessen wurde. Der dreifache Familienvater und Unternehmer ist sehr umgänglich. Allerdings: Mit 63 Jahren könnte (auch) er bereits etwas alt sein für den Start einer Bundesratskarriere.
Michael Graber

Von Michael Graber heisst es, er werde von der Parteileitung stark umworben. Der Briger Rechtsanwalt hat sich parteiintern verdient gemacht, als er an vorderster Front gegen verschiedene Energievorlagen kämpfte. Er war sich dabei auch nicht zu schade, im Abstimmungskampf eine andere Meinung zu vertreten als in der Kommission. Unter anderem auf ihm ruht die Hoffnung, einen Keil in die französischsprachige Gemeinschaft der SVP-Fraktion zu treiben – um so Céline Amaudruz auf dem Ticket zu verhindern, heisst es. Noch hat sich Graber nicht entschieden.
Grabers Wahlchancen im Parlament darf man als intakt bezeichnen. Wenig Freunde hat er sich gemacht, als er sich an der Seite von Fraktionschef Aeschi ein Handgemenge mit der Bundespolizei lieferte, während eine ukrainische Delegation zu Besuch war. Im Anschluss liess er sich zu einem Nazi-Vergleich hinreissen, krebste dann aber zurück. Nicht nur dieses Mal, sagen Widersacher, habe Graber Mühe, den Ton zu treffen.
Benjamin Fischer

Der ehemalige Präsident der Jungen SVP gilt als sehr ehrgeizig. Wohl auch aus diesem Grund taucht der Name von Fischer jetzt auf der Liste der möglichen Bundesratsanwärter auf. Sein grösster Pluspunkt: Er ist Zürcher. Mit seinen 35 Jahren ist er dagegen für ein Bundesratsamt noch sehr jung. Fischer sitzt seit 2022 im Nationalrat. Fischer selbst hat sich noch nicht zu möglichen Ambitionen geäussert. Eine Anfrage bei ihm ist hängig. Er hat drei junge Kinder.
Franz Ruppen

Das Walliser Regierungsmitglied wurde von Ständerätin Esther Friedli ins Spiel gebracht. Die St.Gallerin erklärte bei ihrer Absage für das hohe Amt, dass Ruppen ein sehr geeigneter Kandidat sei. Er selbst sagte auf Nachfrage, dass er sich «diesbezüglich Überlegungen» anstellen werde. Der 55-Jährige war vor seiner Wahl in die Walliser Regierung Mitglied des Nationalrats. Das wäre sicher ein Pluspunkt für den Vorsteher des Amts für Mobilität, Raumentwicklung und Umwelt.
In der SVP ist Ruppen gut gelitten, im Parlament pflegt er noch immer gute Beziehungen. Allerdings werden Ruppen auch Ständeratsambitionen nachgesagt.
An sie hat offenbar noch niemand gedacht:
Marianne Lienhard

Die 57-jährige Glarner Volkswirtschaftsdirektorin gehört seit 2014 der Kantonsregierung an. Sie führte den Kanton als Frau Landammann durch die Corona-Krise. Lienhard könnte an Amaudruz' Seite das Fähnchen der SVP-Frauen hochhalten.
Gabriel Lüchinger

Der 49-jährige Top-Diplomat geht als Sicherheitsberater des Bundesrats und Organisator der Bürgenstock-Konferenz zur Ukraine im Weissen Haus ebenso ein und aus wie im Kreml. Manche sehen den ehemaligen Generalsekretär der SVP Schweiz als Nachfolger von Staatssekretärin Helene Budliger Artieda im Wirtschaftsdepartement, andere als künftigen Staatssekretär im Aussendepartement. Warum nicht eine Etage höher?
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