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Fertig gestaunt: Banksy enttarnt

In einer aufgeklärten Welt wird der Platz eng für Poesie und Geheimnis, findet Kolumnist Ludwig Hasler. Das lässt sich aktuell am Beispiel des britischen Künstlers Banksy beobachten.
Kommentar zum Brexit: Banksy-Sprayerei von 2018. (Bild: AP)
Ludwig Hasler ist Philosoph, Publizist und Buchautor. (Bild: zvg)

Ich staune gern. Darum stört mich Banksys Enttarnung.

Also. Banksy ist kein Ausserirdischer. Der grosse Geheimnisvolle der Street Art heisst Robin Gunningham, geboren 1973 in Bristol. Die Medien beeilten sich, die Enthüllung zu verbreiten, manche kurioserweise mit Bedauern, denn natürlich war gleich klar: Das kratzt an Banksys Kunst. Einer Kunst, die von der Aura des anarchischen Sprayers lebt, der wie Robin Hood auftaucht, ein poetischer Vandale, der auf seinen nächtlichen Streifzügen Zeichen des Widerstands streut, Zeichen des Humors und der Hoffnung. Wie die Ratte, die er aus dem Loch im Putz der Mauer zauberte. Wie der Flower Thrower an der Hauswand im Westjordanland, der Vermummte, der statt Molotowcocktails einen Strauss bunter Blumen wirft.

Es sind diese subversiven Interventionen in eine Situation – gewitzt, klug, frech – , die so viele verzaubern. Sie durchlüften unsere routinierten Blicke, wir staunen wie Kinder, ja, denken wir, so wären wir selber gern, so frei, so original wie die listige Ratte, wie der poetische Blumenstrausswerfer. Geraten die Comics jedoch in den ordentlichen Kunstbetrieb, ins Museum, ist sogleich Schluss mit Robin-Hood-Aura, hier verstummt die Magie der Zeichnung. Ähnlich ernüchternd wirkt Banksys Enttarnung. Der Sprayer hat jetzt eine Adresse, er ist kein Himmelsbote, kein Ausserirdischer, er ist einer wie wir, er putzt die Zähne, vergisst den Hochzeitstag, zahlt Steuern. Und denkt sich zwischendurch ein Bild aus.

Dachten Journalisten nicht daran, als sie den Schleier über Banksy lüfteten? Doch, sie fanden es selber irgendwie schade, sagten sogar sorry, doch wir machen nur unseren Job, und dieser Job heisst Aufklären, sagen, was hinter all dem Zauber steckt, da können wir bei Banksy keine Ausnahme machen. Wer die Moderne will, muss auch die «Entzauberung der Welt» wollen, egal ob wir wissen, dass das von Max Weber stammt, es läuft ja täglich vor unseren Augen ab: In einer vollends aufgeklärten Welt wird der Platz eng für Poesie und Geheimnis und nächtliche Anarcho-Sprayer, hier muss alles an den Tag, wer Tarnkappen mag, wende sich an die Abteilung Fantasy.

Medien folgen der Logik der Zeit. Sie besorgen das, wovon sie glauben, dass es uns interessiert. Und tatsächlich: Wollten wir nicht zu gern wissen, wer der Sprayer «wirklich» ist, woher er kommt, wie alt er ist, wie er politisch tickt, wie er aussieht? Das Menschlich-Allzumenschliche mag das Staunen verdrängen, es entspricht vor allem unserem Appetit.

Wie im Fall unserer Sportshelden. Was Simon Ehammer im Zehnkampf vorführt, was Marco Odermatt auf Skipisten hinlegt, ist für normale Zweibeiner unfassbar. Doch weil wir mit dem Unfassbaren wenig anzufangen wissen, hängen wir uns an allerlei alltäglichen Krimskrams, wollen wissen, was sie zum Zmorgen verschlingen, wann sie traurig waren, was sie mit der Familie unternehmen etc. Bis der Held platt banalisiert ist und der sagenhafte Odermatt zu «unserem Odi» herunter verkleinert. Und der letzte Rest Mysterium verpufft.

Und das Staunen ausgehebelt ist. Wo kein Platz fürs Staunen ist, übernimmt die Neugier. Die hält uns ja prima wach, schützt vor Verhocken und Vertrocknen. Anders als das Staunen gibt sie keine Ruhe, sie ist Gier, eine Gier aufs Neue, unersättlich wie jede Gier kriegt sie nie genug, frisst sich von Neuigkeit zu Neuigkeit, und das funktioniert natürlich nur mit leichtverdaulichem Zeugs. Diese Sorte Neugierige nannte Shakespeare «arme Missvergnügte, welche gaffen und die Ellbogen reiben auf die Nachricht von Neuerung». Missvergnügt, weil die Nahrung, nach der sie unermüdlich unterwegs sind, sie niemals sättigt.

Vergnügt macht Staunen. Wir staunen, wo etwas ganz anders ist als wir, grösser, klüger, bedeutender als unser Ego. Die unermesslichen Galaxien. Die filigrane Perfektion der Schneeflocke. Das Glück des Blumenwerfers. Staunend verschwimmen die Grenzen meines Selbst, das Ego wird kleiner, leiser, poröser, die Welt wird farbiger, intensiver, geheimnisvoller. Ich vergesse mich selbst, werde heiter, leichter, offener fürs grosse Ganze. Kein Wunder, ist auffällig frei von Angst und Gier, wer staunt. Und fühlt sich bereichert, wer sich an etwas Zauberhaftes verliert.

Darum stört mich Banksys Enttarnung. Wie jede Einladung zum Staunen, die wegbleibt.

Ludwig Hasler ist Philosoph, Publizist und Buchautor. (Bild: zvg)
 
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