Mit dem Alpamare bröckelt auch ein Stück Schweiz
Näher war das Meer nie. Hinter dem Hirzel, direkt am Zürichsee. Das Alpamare. Immer zuerst ins Wellenbad. Alle halbe Stunde Wellen mit bis zu 1,20 Meter Höhe! Das Chlorwasser brennt in den Augen. Wir hüpfen über die Wellen, lassen uns treiben, die Eltern warten hinten mit den Badetüechli.

Mit 14 schleichen wir heimlich ins Sole-Bad (36 Grad!), das eigentlich ab 16 ist. Und schauen dort jenen Paaren zu, die meinen, es merke niemand, dass sie am Schmusen sind. Und dabei träumen wir davon, wie es dereinst sein wird, wenn wir selbst an der Reihe sind mit dem Schmusen. Bis der Bademeister pfeift und uns zurück nach drinnen schickt.
Und dann natürlich: Ab auf die Rutschen. Cobra, Doppelbob, Cresta Canyon, Thriller, Tornado. Ganz verschmitzt im allerletzten Moment die Badehose in den Füdlispalt ziehen, damit es noch 2 Sekunden schneller geht. Sofort wieder die Treppe hochrennen und wenn die Ampel auf Grün schaltet, fahren wir wieder runter. Nach vier Stunden müssen wir raus. Die Zeit läuft ab. Zurück ins Auto. Die Augen rot, die Seele glücklich.
Alle Rutschen geschlossen: 50 Prozent Rabatt
Alpamare-Geschichten sind Schweizer Geschichten. Jeder und jede war einmal dort. Hüpfte über Wellen, schwaderte im Sole-Bad und vor allem: Stürzte sich die Rutschen runter. Bis jetzt. Es wird nicht gerutscht. «Aufgrund einer technischen Störung bleiben die Rutschbahnen sowie der Kleinkinderbereich derzeit geschlossen», schreibt das Bad auf seiner Homepage. Zwei Wochen dauert das schon. Immerhin: 50 Prozent Rabatt auf den Eintrittspreis gibt es.
Was genau passiert ist? Unklar. Die Betreiberin hüllt sich in vielsagendes Schweigen. Seit 1999 gehört das Bad zu einem spanischen Konzern, der Wasserparks und andere Attraktionen in halb Europa unterhält. Rasch keimten zahlreiche Gerüchte auf. Rost! Einstürzende Rutschen! Gravierende Hygienemängel!
Wer kürzlich mal wieder im Alpamare war, kann sich eigentlich einiges davon vorstellen. Um es nett zu sagen: Die besten Zeiten liegen schon etwas zurück. Eröffnet 1977, stets etwas erweitert und unterhalten, aber nie umfassend renoviert. Mittlerweile wirkt die imposante Rutschenlandschaft wie eine Erinnerung an die 1990er-Jahre. Im Zielbereich der Rutschen gibt es sichtbaren Rost an Metallteilen. Die Zeit ist stehen geblieben und macht doch nicht Halt vor den Anlagen.
Alles nur rein Vorsichtsmassnahmen?
Bald würden 10 der 12 derzeit gesperrten Rutschen wieder öffnen. Gegenüber dem Portal «Insideparadeplatz» bestätigt die Betreiberin, dass die Decken bröckeln: «Es waren etwa 100 Gramm Material, welches die Betondecke verlassen hat.» Eine mögliche Ursache seien verrostete Armierungen. Konkreter wird es nicht. Die Rutschbahnschliessungen seien «reine Vorsichtsmassnahmen» gewesen.
Trotzdem: Es ist kaum vorstellbar, dass das Alpamare ohne grundlegende Sanierung die nächsten paar Jahre übersteht.
Und das wäre schade: Das überchlorte und mittlerweile auch überteuerte Spassbad am Zürichsee ist auch ein Stück Schweiz. Es gehört mit dem Verkehrshaus in Luzern und dem Swissminiature in Melide zum Ausflugs-Dreiklang, den wohl jedes Kind mal durchlaufen hat. Auf der Schulreise, mit der Familie, mit der Pfadi. Mit der Decke im Alpamare bröckelt auch ein wenig die Schweiz.
Mit Schweizer Geduld beantwortet das Bad auch jede der 1-Sterne-Bewertungen, die es derzeit mehrfach täglich gibt. Etwa: «Es tut uns sehr leid, dass ihr die Geburtstagsparty eures Sohnes bei uns feiern wolltet und erst vor Ort von den geschlossenen Rutschbahnen erfahren habt. Gerade bei diesem besonderen Anlass verstehen wir gut, wie gross die Enttäuschung für die Kinder gewesen sein muss.» Und immer und überall: «Liebe Grüsse, dein Alpamare Team.» Auch hier zeigt sich: Das Alpamare ist mehr als ein Ort. Es ist etwas, was sich Kinder zum Geburtstag wünschen. Es ist der Globi unter den Hallenbädern.
Mittlerweile wimmelt es überall von Trampolin-Anlagen und anderen Schlechtwetter-Aktivitätshallen: An die Dimension vom Alpamare kommt aber nichts ran - alleine die Gesamtlänge der Rutschen beträgt 2,1 Kilometer. Ausser im Ausland, wo alles noch grösser, noch schneller und noch wilder ist.
Dann ist aber auch das richtige Meer nicht mehr viel weiter.
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