Unfall mit drei Toten am Ricken: Chauffeur mit Wunde, Verletzungen und Prellung weiter im Spital
«Es war heftig»: Das sagte Florian Schneider, Mediensprecher der St.Galler Kantonspolizei, zum schweren Unfall, der sich am Donnerstag kurz vor 16.15 Uhr am Ricken ereignet hat. Ein älterer Mann fuhr mit einer ebenfalls älteren Frau zusammen mit einem Kind auf der Rickenstrasse von Wattwil Richtung Ricken. Dahinter war eine 49-jährige Frau mit ihrem Auto unterwegs.
In einer leichten Rechtskurve im Bereich Vorderer Hummelwald dürfte das Auto des Seniors gemäss Polizeiangaben aus bislang unbekannten Gründen über die Mittellinie geraten sein. Dort prallte der Wagen frontal in ein entgegenkommendes Postauto. Dieses war als Bahnersatz im Einsatz, am Steuer des Postautos sass ein 68-jähriger Mann.
Durch die Wucht des Zusammenpralls wurde der PW in die Gegenrichtung und dort frontal gegen den Wagen der 49-jährigen Frau geschleudert.
Auch das Kind verstirbt trotz Reanimationsversuchen vor Ort
Beim Eintreffen der Rettungskräfte konnte nur noch der Tod des Mannes und der Frau im ersten Wagen festgestellt werden. Es wurde zwar noch versucht, das Kind zu reanimieren, doch schliesslich musste die Reanimation abgebrochen werden, und der Bub verstarb ebenfalls noch vor Ort.
Bei den beiden erwachsenen Verstorbenen handelt es sich gemäss Kenntnisstand der Polizei um deutsche Staatsangehörige aus dem Landkreis Siegen-Wittgenstein im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das Kind ist gemäss Angaben der Polizei ein in der Region wohnhafter Deutscher.
Zweiter tödlicher Unfall in den Sommerferien am Ricken
Mit dem Unfall vom Donnerstagnachmittag findet eine unheimliche Serie auf den Toggenburger Schnellstrassen in diesem Jahr ihre Fortsetzung. Auf dem Ricken war es innerhalb eines Monats schon der zweite Unfall mit Todesfolge. Am 10. Juli hatte bei einer heftigen Frontalkollision ein 68-jähriger Autofahrer sein Leben noch auf der Unfallstelle verloren. Im vergangenen Frühjahr war es unweit davon entfernt auf der Umfahrungsstrasse Wattwil innerhalb von zwei Monaten zu gleich drei Unfällen mit toten Personen gekommen.
Dies hatte ein politisches Nachspiel. Der Toggenburger SP-Kantonsrat Martin Sailer wollte von der St.Galler Regierung wissen, ob nun Massnahmen der Erhöhung der Verkehrssicherheit getroffen werden. Diese verneinte und verwies darauf, dass die Unfälle nicht auf Defizite in der Verkehrsinfrastruktur zurückgeführt werden könnten. (sdu)
Schwierige Identifizierung

In der Meldung vom Donnerstagabend schrieb die Polizei zu den drei Toten, der Mann sei mutmasslich 76-jährig, die Frau mutmasslich 75-jährig und der Bub mutmasslich 9 Jahre alt gewesen. Aufhorchen lässt dabei die dreifache Verwendung der Formulierung «mutmasslich». Polizeisprecher Schneider sagte dazu: «Die Identifizierung der Verstorbenen ist enorm schwierig und braucht deutlich mehr Zeit, als wenn jemand in der Schweiz wohnhaft ist. Wir sind ziemlich sicher, dass es sich um die besagten Personen handelt – bei der Polizei müssen wir aber zu 100 Prozent sicher sein.»
Falls sich die Identität der Toten bestätigt, handelt es sich bei den Opfern des schweren Unfalls laut Schneider um ein Paar und dessen Enkel. Am Tag nach dem Unfall ist es laut Kapo-Sprecher Schneider gesichert, dass es sich bei den Verstorbenen definitiv um die Grosseltern und ihren Enkel handelt.
Weil das Postauto voll besetzt gewesen sei, gebe es viele Zeugen, die den Unfall gesehen hätten. Der Hergang des Unfalls sei weitgehend klar: Der verstorbene PW-Lenker sei in der Rechtskurve geradeaus gefahren, der Ort der Kollision könne sehr genau auf der Gegenfahrbahn festgestellt werden.
«Die grosse Frage ist nun, wie es zum Fahrmanöver des PW-Fahrers gekommen ist», so Schneider. «Einen Überholunfall schliessen wir aber weitgehend aus.» Es werde nun versucht, herauszufinden, wieso der PW-Lenker auf die Gegenfahrbahn geraten sei. Das könne verschiedene Gründe haben, von medizinischer Art bis zu Ablenkung.
Einzelne Postauto-Passagiere leicht verletzt
Die 49-jährige Fahrerin des zweiten beteiligten Autos blieb unverletzt. Der 68-jährige Chauffeur des Postautos wurde unbestimmt verletzt. Er wurde von der Rega ins Spital geflogen.
Im Postauto befanden sich zum Unfallzeitpunkt mehrere Dutzend Fahrgäste. Diese wurden vereinzelt leicht verletzt und vom Rettungsdienst betreut, wie die Polizei schreibt. Von den Fahrgästen musste niemand ins Spital gebracht werden. Für die Passagiere des Bahnersatz-Busses wurde ein Care-Team aufgeboten.
Auf fachlichen Support können auch die beteiligten Einsatzkräfte zählen, wie Florian Schneider weiter erklärt. Als Mediensprecher der Kantonspolizei sei er auf die Situation vor Ort vorbereitet gewesen – «uns wurde geschildert, was passiert ist», sagt er. Zudem hätten die Einsatzkräfte eine Aufgabe, was in solchen Situationen ein grosser Vorteil sei. In einem Debriefing würden mit ihnen nun aber Strategien erörtert, wie sie längerfristig mit dem schrecklichen Geschehen umgehen könnten. «Wir schauen aufeinander bei der Polizei», so Schneider.

Verkehrschaos in der Region
Die Rickenstrasse musste für die Dauer der Rettungsarbeiten und der Unfallaufnahme gesperrt werden. Die Feuerwehr richtete Umleitungen ein und übernahm die Verkehrslenkung. Kleinere Fahrzeuge konnten die Unfallstelle über die alte Rickenstrasse umfahren. Der Schwerverkehr musste die Region grossräumig umfahren. Dadurch kam es zu massiven Verkehrsbehinderungen in der Region Wattwil und Ricken.
Im Einsatz standen mehrere Patrouillen und Fachspezialisten/-innen der Kantonspolizei St.Gallen, der Rettungsdienst mit medizinischem Fachpersonal, zwei Helikopter der Rega, die örtliche Feuerwehr mit rund 15 Angehörigen sowie das Care-Team, eine Staatsanwältin und das Institut für Rechtsmedizin.
Die Kantonspolizei St.Gallen untersucht nun unter der Leitung der Staatsanwaltschaft die genauen Umstände des Unfalls.
Mehrere Verletzungen, Prellungen und offene Wunden
«Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind nach so einem schweren Unfall zuerst bei den Angehörigen und direkt Betroffenen», sagt Katharina Merkle von der Medienstelle von Postauto Schweiz einen Tag nach dem Unfall. «Es gibt leider Unfälle mit Todesfällen in unserem Strassenverkehr, das ist tragische Realität.» Bei 960 Postauto-Linien sei auch Postauto davon betroffen. «Das ist kein schöner Tag für uns. Dass drei Personen sterben, habe ich in meinen zwölf Jahren bei Postauto noch nicht erlebt», so die Mediensprecherin.
Die Fahrgäste wie auch der Chauffeur seien von der Ambulanz vor Ort betreut worden, auch Polizei und Rettungskräfte kümmerten sich um verletzte Fahrgäste. «Der Fahrer ist noch im Spital. Er hat mehrere Verletzungen, darunter eine starke Prellung und offene Wunden.» Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, aber er werde die nächsten Tage nicht arbeiten können.
Ein Chauffeur habe nach so einem schweren Ereignis Anspruch auf Betreuung durch das Care-Team der Post. Er werde beraten und könne die Hilfe des Sozialdienstes der Post und Postauto Schweiz in Anspruch nehmen. «Wir schauen darauf, wann er den Fahrdienst wieder aufnehmen kann, es geht dabei nicht nur um die körperlichen Verletzungen, sondern auch um die Psyche, mit Bildern des Unfalls, die vielleicht wieder hochkommen.» Wie so ein Ereignis verarbeitet werde, sei sehr individuell. Manche spiegelten so etwas lieber mit der Familie und Freunden. Andere würden sich die angebotene Hilfe der Fachpersonen holen.
Der Chauffeur des Unfall-Postautos ist 68 Jahre alt, also schon 3 Jahre über dem regulären Pensionsalter. Bei Postauto Schweiz sei es oft der Fall, dass Chauffeure weiterarbeiten würden. «Bei uns können Chauffeure bis zum 70. Geburtstag Teilzeit weiterarbeiten, auch im regulären Betrieb.» Es würden regelmässig Gesundheitschecks durchgeführt. «Es ist ein vielseitiger Beruf und sehr verbreitet, dass Chauffeure uns über das Pensionsalter hinaus treu bleiben.» Bei einem Teilzeitpensum bleibe genug Erholungszeit.
Viel Routine bei Bahnersatzleistungen
Bei Bahnersatzfahrten, wie es vom 6. Juli bis 11. August wegen der Sperrung des Bahntunnels der Fall war, sei für Postauto Schweiz viel Routine dahinter. «Wir haben sehr viele Bahnersatzleistungen in der ganzen Schweiz. Auch spontane Einsätze wie im Mattertal nach den Unwettern in Zermatt.» Diese Vorgänge seien bei Postauto Schweiz tief verankert. «Beim Bahnersatz über den Ricken handelt es sich um einen geplanten, längeren Einsatz, der gut vorbereitet worden ist.»
Für die Aufklärung des Unfalls arbeite Postauto eng mit den Untersuchungsbehörden zusammen. «Die Sicherheit hat Vorfahrt, das ist nicht nur ein Slogan, sondern hier machen wir keine Kompromisse», so die Mediensprecherin.
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